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Früchte für den guten Zweck in Potsdam

Kolonie Alexandrowka Früchte für den guten Zweck in Potsdam

Die Kolonie Alexandrowka ist nicht nur Weltkulturerbe, sondern wegen ihrer vielen verschiedenen Obstbäume auch eine „Genbank“ voller Sortenvielfalt. Die Ernte wird nicht verkauft, sondern geht an soziale Institutionen. Nur bei den Anwohnern kann man Produkte aus „Welterbe-Obst“ kaufen.

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Dreister Ladendieb schlägt doppelt zu

Reviergärtner Hans-Jürgen Wilhelm hat mit Katja Bernd Quitten geerntet – die Früchte dienen einem guten Zweck.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. In diesen Tagen wurde die letzte größere Ernte der Saison in der Kolonie Alexandrowka eingebracht. Über 600 Kilogramm Quitten hat eine Werkgemeinschaft von Behinderten aus Rohrlack gesammelt. Von Ende Mai, wenn die erste Süßkirsche reift, bis in den November, wenn die wenigen Winteräpfel dran sind, wird immer wieder vereinzelt geerntet. Verkauft wird das „Welterbe-Obst“ allerdings nicht.

Von Mai bis November wird immer wieder geerntet

Dass die Früchte der Kolonie nicht als Marke vertrieben werden, hat mehrere Gründe. „Wir dürfen das Obst als Stadt nicht kommerziell vermarkten“, sagt Hans-Jürgen Wilhelm. Er ist der Gärtner der Kolonie und kümmert sich um die fast 1400 Bäume, die auf etwa acht Hektar Fläche hinter den russisch anmutenden Holzhäusern der Kolonie stehen.

Die Kolonie Alexandrowka

Die russische Kolonie entstand ab 1826 auf Befehl des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. „als ein bleibendes Denkmal der Erinnerung an die Bande der Freundschaft zwischen Mir und des Hochseeligen Kaisers Alexander“. Gemeint war der russische Zar Alexander I., der ein Jahr zuvor gestorben war und in enger Freundschaft zum preußischen König stand.

Die Anlage besteht aus 13 Gehöften, die in russischem Holzstil verziert sind. u jedem haus gehört ein garten mit Obstbäumen. Im Norden schließt sich ein kleiner Park am Kapellenberg an, der mit einer orthodoxen Kirche geschmückt wurde. Die Bewohner waren zwölf russische Sodlatensänger, die seit den napoleonischen kriegen preußische Bürger waren.

Die ovale Plantage wurde vom Gärtner Peter Joseph Lenné gestaltet und wird von zwei Wegen in Form eines Andreaskreuzes erschlossen.

Der Baumbestand in der Kolonie Alexandrowka umfasst insgesamt 1381 Bäume: 718 Apfelbäume, 225 Birnenbäume, 32 Quitten, 167 Süßkirschen, 66 Sauerkirschen, 124 Pflaumenbäume, 12 Aprikosen, 24 Walnüsse und 13 botanische Obst-Besonderheiten.

Etwa 30 Bäume sind noch aus der Zeit der ersten Bepflanzung ab 1827 erhalten.

Stattdessen wird über die Saison immer wieder mit sozialen Einrichtungen, Kita-Klassen und Schülern gemeinsam geerntet. Die Früchte gehen auf diese Weise an Behindertenwerkstätten, die Potsdamer Tafel oder die Suppenküche der Stadt, wo sie weiter verarbeitet werden.

Der größte Wert der Bäume sind nicht die Früchte, sondern ihre Gene

Es habe durchaus schon Anfragen von Mostereien aus dem Havelland gegeben, die sich von der Herkunft des Saftes einen besonderen Kaufanreiz versprachen. „Durch die Sortenvielfalt, die damit verbundenen unterschiedlichsten Reifezeitpunkte und die sortenbezogenen Kleinstmengen würde die Verwertung des Obstes für gewerbliche Nutzer eine eigene Logistik verlangen“, sagt der Bereichsleiter für Grünflächen, Herbert Claes. „Hier werden jede Woche andere Bäume reif“, fasst Reviergärtner Wilhelm das Problem zusammen. Der Wert der historischen Obstplantage liegt weniger in den Früchten, die wegen häufig Druckstellen und auch Maden aufweisen, sondern in ihrer Vielfalt. Etwa 600 verschiedene Sorten von acht Obstarten machen die Kolonie Alexandrowka zu einer „Genbank“.

Anwohner verkaufen Cidre, Quittengelee und Apfelsaft

Nur von manchen Anwohner werden Produkte aus der Kolonie verkauft. Musikerfamilie Andres lässt Äpfel zu Saft vermosten. Die Tür des letzten Nachkommens russischer Kolonisten, Joachim Grigorieff, steht häufig offen. Er bietet Obst und Nüsse zum Verkauf an. Das Museum Alexandrowka nimmt sogar Bestellungen entgegen. „Wir machen dann frischen Cidre und jetzt ist auch das Quittengelee fertig“, sagt Museumsleiter Hary Soerijanto. Die Imkerin Claudia Brandis aus Kähnsdorf weiß die Sortenvielfalt für ihre Bienen zu schätzen, die sie ganzjährig zwischen den Obstbäumen postiert.

Interview: Was macht regionale Marken aus?

Ein Interview über eine regionale Marken mit Christoph Engl, Markenexperte und Geschäftsführer der Managementberatung „BrandTrust“.

Wie entwickelt man eine Regional- oder Herkunftsmarke?

Christoph Engl: Es gehört mehr zu einer Marke als nur ein Name und ein gutes Logo. Hinter einer Marke steht immer eine Spitzenleistung. Diese Leistung muss gesteuert und mit Attributen aufgeladen und dadurch zu einer echten Marke verdichtet werden. Stellen Sie sich zerstreuten Kohlestaub vor, der noch zu einem Diamanten konzentriert werden muss. Ich berate Städte und einzelne Regionen und deren Anliegen gehen heute über Tourismus weit hinaus. Auch Bürger und Unternehmen sollen angelockt werden. Der Fokus ist wichtig, das ist die „Auslage“ einer Marke. Die daneben existierende Vielfalt darf erst präsentiert werden, wenn der Kunde schon im Laden drin ist. Nehmen sie das kalifornische „Silicon Valley“. Bei diesem Namen denkt jeder sofort an Hightech. Vielleicht gibt es dort aber auch traditionelles Handwerk. Damit wirbt man aber nicht. Die Vielfalt, die neben dem Markenfokus existiert, lernen Besucher erst vor Ort kennen. „Hightech“ ist sozusagen die „Auslage“. Die Vielfalt braucht der Kunde erst, wenn er schon im Laden drin ist.

Was verbinden Sie mit der Marke „Potsdam“?

Christoph Engl: Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: Potsdam ist eine kulturell aufgeladene Stadt mit vielen historischen Bezügen. Und Potsdam steht immer in irgendeiner Weise in Verbindung mit Berlin. Wenn die Stadt zum Beispiel ihr Bild als Wissenschaftszentrum forcieren will, muss sie das gegenüber Mitbewerbern erst einmal glaubwürdig nachweisen. Außerdem muss sie sich fragen, worin dabei die Attraktivität liegt. Wenn man Touristen locken will, müssen diese die Wissenschaft erleben können. Wenn man Firmen binden möchte, müssen diese Chancen gezeigt bekommen, wie sie hier wachsen und sich vernetzen können.

Hat die Kolonie Alexandrowka das Potenzial zu einer Marke?

Christoph Engl: Da diese Kolonie Teil des Weltkulturerbes ist, kann man von einer Spitzenleistung ausgehen. Gesteuert wird diese Leistung bislang aber nicht. Die Frage ist, ob man noch mehr aus diesem kleinen „Garten Eden“ machen möchte. Ich kann mir vorstellen, dass das auf lokaler Ebene mit einem Hofladen funktioniert. Die Exklusivität wäre angesichts der kleinen Ernte unbestritten. So könnte die Alexandrowka eine Art Fan-Gemeinde erreichen, die darin eine sogenannte „In-Brand“ sieht. Ich stamme aus Südtirol und dort gibt es das landwirtschaftliche Versuchszentrum „Laimburg“ in öffentlicher Hand. Dort wird zum Beispiel an Äpfeln, Wein und landwirtschaftlichen Produkten geforscht und die Produkte werden in kleinen Mengen verkauft. Diese Marke kennen nur wenige außerhalb von Südtirol, aber es gibt eine hohe Begehrlichkeit, an diese Erzeugnisse zu kommen. Es geht dabei einerseits um die besondere Qualität, und vielleicht auch um den Mehrwert, ein Stück Forschung zu kaufen.

Interview: Peter Degener

 

Von Peter Degener

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