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Fühlen, Schmecken, Riechen

Behinderte in Potsdam Fühlen, Schmecken, Riechen

Menschen, denen Fernsinne wie das Sehen und Hören fehlen, haben im Potsdamer Oberlinhaus eine ganz besondere Möglichkeit bekommen, ihre Umwelt zu erfahren: einen Sinnesgarten. 200 000 Euro hat er gekostet und wurde komplett aus Spenden finanziert. Mehr als 23 000 Euro davon haben MAZ-Leser zusammengetragen.

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Die Biberburg: Der blaue Eingang und der blaue Unterbau zeigen, dass die Höhle der Tiere unter Wasser liegt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Babelsberg. Im Oberlinhaus ist am Freitag der soeben fertiggestellte Sinnesgarten für behinderte Kinder und Jugendliche eröffnet worden. 200000 Euro hat das im Jahre 2012 begonnene Projekt gekostet, allein 23000 kamen in der MAZ-Weihnachtsaktion 2015 für eine Rollstuhlschaukel zusammen.

Der Garten mit Hochbeeten, fühlbaren Wegen, Klettergeräten, Schaukeln und einem Wasserlauf ermöglicht mehrfach behinderten Menschen, denen Fernsinne wie das Sehen und Hören fehlen, die Umwelt durch Schmecken, Fühlen, Tasten und Riechen zu erleben. Dass ein Pfefferminzblatt frisch schmeckt, sich pelzig-weich anfühlt und essbar ist, müssen die jüngeren Bewohner der Wohnstätten für Taubblinde der Oberlin-Lebenswelten nämlich noch lernen.

Im Hochbeet kann man Pflanzen fühlen, riechen und sogar schmecken

Im Hochbeet kann man Pflanzen fühlen, riechen und sogar schmecken.

Quelle: Bernd Gartenschläger

In der Gestaltung wurde die Wahrnehmungswelt der taubblinden Menschen berücksichtigt, aber auch die historische Bausubstanz des Ortsteils Babelsberg spielerisch miteinbezogen. So stellt der mosaikgepflasterte Wasserlauf den nahe gelegenen Fluss Nuthe dar, der vor der Begradigung stark verzweigt war. Ein eingebautes Wehr erinnert an den früheren Hakendamm im Fluss, auf dem fünf Wassermühlen standen, berichtet die Potsdamer Landschaftsarchitektin Anja Möller, die den Garten nach intensiver Beobachtung der Lebensweise der Behinderten entworfen hat. Der an eine historische Schwengelpumpe erinnernde, kindshohe Einlaufhahn ist ein Edelstahlbogen, an dem die fühlende Hand eines Blinden entlangstreichen kann zu einem tiefer gelegenen Einschaltknopf. Mit dem Fuß kann man das halboffene Wehr schließen und das Wasser stauen. In einem Workshop mit der Bildhauerin Anne Ochmann haben Oberlin-Kinder rund 60 künstlerische Kacheln mit Tier- und Pflanzenmotiven geschaffen, die in den Wasserlauf eingefügt wurden und als Reliefs ertastbar sind.

In den Wasserlauf sind kleine Naturkunstwerke der Kinder eingelassen

In den Wasserlauf sind kleine Naturkunstwerke der Kinder eingelassen; man kann sie mit Händen und Füßen erfühlen.

Quelle: Rainer Schüler

Der Kletterturm stellt eine Biberburg dar und spielt auf die Tierwelt an der Nuthe an: Sein blauer Unterbau und der blaue Vorhang im Eingang zeigen, dass die Höhle des Bibers ja unter Wasser liegt. Im Inneren gibt es eine mannsbreite „Kuschelecke“, denn gehörlose und blinde Menschen „erspüren die Größe eines Raumes und fühlen sich da am wohlsten, wo sie mit den Händen Raumgrenzen ertasten können“, sagt Möller. Rollstuhlfahrer können ihre Beine nicht benutzen und sich auf einer Schaukel auch nicht mit den Füßen sbstoßen. In der Rolli-Schaukel aber ist das Abstoßen mit den Händen möglich; der Stuhl bleibt immer waagerecht.

Das Oberlinhaus

Das Oberlinhaus ist ein diakonisches Zentrum für Rehabilitation, Bildung und Gesundheit. Über 1800 Mitarbeiter in der Klinik, dem Berufsbildungswerk, der Schule und den Werkstätten betreuen mehr als 30000 Menschen. Die traditionellen Werkstätten des Oberlinhauses und die der Hoffbauerstiftung sind zu einem wirtschaftlich tragfähigen Unternehmen zusammengeführt worden, das heute mehr als 200 Menschen mit Behinderungen beschäftigt.

1871 wurde in Berlin der damalige Oberlinverein gegründete. Benannt nach dem elsässischen Sozialreformer Pfarrer Johann-Friedrich Oberlin (1740-1826).

Wesentliche Ziele des Vereins waren die Betreuung und Bildung von kleinen Kindern zu organisieren und zu fördern. So eröffnete der Oberlinverein 1874 im damaligen Nowawes (heute Babelsberg) eine Kleinkinderschule mit einem Seminar zu Ausbildung von Kleinkinderschullehrerinnen.

1878 wurde das neuerbaute Diakonissen Mutterhaus eröffnet, in dem 1881 eine Poliklinik, 1883 eine Kinderkrippe und 1888 eine erste Krankenstation ihren Betrieb aufnahmen. 1886 begann die Arbeit mit behinderten Menschen im Oberlinhaus.

Mit Hilfe von Spenden konnte der Oberlinverein auf eigenem Grundstück am 20. Oktober 1890 das erste Krankenhaus in Nowawes mit 45 Betten eröffnen. 1894 folgten das erste ‚Deutsche Vollkrüppelheim’, ergänzt 1899 durch ein Krüppelschulhaus, 1906 das ‚Taubstummblindenheim’ und Werkstätten zur behindertengerechten beruflichen Ausbildung, 1910 das ‚Oberlin-Kreiskrankenhaus’.

In den ersten 40 Jahren seines Bestehens wuchs das Gesamtwerk Oberlinhaus sehr schnell. Immer neue Aufgaben wurden angenommen und bewältigt. Noch vor der Jahrhundertwende entwickelte der damalige Hausvorstand (Oberin Thusnelda von Saldern und Pastor Theodor Hoppe) eine inhaltliche Grundlage für die weitere Arbeit im Oberlinhaus. Sie erarbeiteten die Konzeption einer komplexen Rehabilitation, die die medizinischen, pädagogischen, beruflichen und sozialen Aufgaben auf einer geistlichen Basis ganzheitlich an den Bedürfnissen des Einzelnen orientiert. Dieses in jener Zeit innovative und richtungsweisende Konzept wurde auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Noch heute fühlt sich der Oberlinverein diesem Grundsatz in der Behindertenhilfe verpflichtet.

Im Sinnesgarten wachsen vor allem duftende, essbare und aromatische Pflanzen. Riechen und Schmecken sind ja Sinne, die den meisten Behinderten geblieben sind. Das Hochbeet ist auch für Rollstuhlfahrer erreichbar, die ihre Hände über die Gewächse streifen lassen können. Die Blätter wirken wie ein Fühlbuch, denn ihre Oberflächen sind verschieden weich, einige pelzig und flach, andere fleischig und stängelartig. Auch im Winter bleiben viele Pflanzen fühlbar.

Mit nackten Füßen den Boden in unterschiedlicher Beschaffenheit spüren zu können, war ein Wunsch der hör- und sehbeeinträchtigten Bewohner. Sie haben an den Wegen stets ein Leitsystem für Hände und Füße und wechseln an einer profilierten Bodenplatte vom hüfthohen Stahlgeländer auf die andere Seite zum gleich hohen Hochbeet, dessen Kalksteinrand ungewöhnlich porös und weich ist.

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Menschen, die nicht sehen und hören, nicht gehen und nicht sprechen können, können aber tasten, riechen und schmecken. Für sie ist der Sinnesgarten des Oberlinhauses da.

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Oberlin-Geschäftsführer Matthias Fichtmüller zeigte sich glücklich, den gehandicapten Menschen diesen Sinnesgarten anbieten zu können. Diese Menschen seien „Zwerge auf den Schultern von Riesen“, beschrieb er ihr Verhältnis zu den gesunden Menschen.

Von Rainer Schüler

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