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Fünf vor zwölf in Krampnitz

Rundgang durch Ex-Kaserne Fünf vor zwölf in Krampnitz

In der Kaserne lebten so viele Menschen wie in einer mittleren Kleinstadt. Hier ritt die Nazi-Reiter-Elite, aber von hier aus wurden auch Panzer nach Berlin geschickt für den Staatsstreich gegen Hitler. Mittlerweile hat die Natur die Gebäude fast zurückerobert. Die Denkmalsubstanz könnte bald unwiederbringlich geschädigt sein – mit fatalen Folgen für das künftige Wohngebiet.

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Pro-Potsdam-Chef Bert Nicke (l.) und Hubert Lakenbrink, auch „Mr. Krampnitz“ genannt.

Quelle: Röd

Krampnitz. Die Uhr am Turm des heruntergekommenen Torhauses ist zeitlos. Nur ein weißer Kreis ist noch zu erkennen. Von den beiden Zeigern fehlt jede Spur. Gäbe es sie noch, dann müssten sie auf fünf vor zwölf stehen. Denn das Ablaufdatum für den denkmalgeschützten Teil der ehemaligen Kaserne Krampnitz ist nicht mehr fern. „Wenn die Decken durchbrechen, dann ist es vorbei“, sagt Bert Nicke, Geschäftsführer der kommunalen Immobilienholding Pro Potsdam, bei der Rundfahrt über das riesige Gelände. Neben ihm, am Steuer: Projektleiter Hubert Lakenbrink, auch „Mr. Krampnitz“ genannt. Die beiden wissen: Spätestens wenn die eindringende Feuchtigkeit die Decken in den alten Gebäuden zum Einstürzen bringt, dann ist Schluss. Potenzielle Investoren für das Wohngebiet mit mehr als tausend Wohnungen würden dann nämlich einen großen Bogen um das Projekt machen.

„Wenn die Kosten einer Sanierung deutlich über dem Neubaupreis liegen, dann lohnt es sich nicht mehr – dann ist nämlich die Steuerersparnis, die Sie für eine Denkmalsanierung erhalten können, geringer als die Mehrkosten, die im Vergleich zu einem Neubau auf Sie zukommen “, erklärt Nicke die Bedeutung der Sonderabschreibungen für Denkmalimmobilien, von denen man zwölf Jahre lang profitieren kann. Nicke weiß: Wer zu spät mit der Sanierung kommt, den bestraft das Leben. „Momentan gibt es nur noch zwei Mannschaftsgebäude, deren Dächer vollständig intakt sind“, erklärt er. In spätestens drei Jahren wären dann wahrscheinlich die anderen fast 30 denkmalgeschützten Mannschafts- und Wirtschaftsgebäude nicht mehr zu retten.

Zumindest Frischluftzufuhr ist immer garantiert

Zumindest Frischluftzufuhr ist immer garantiert ...

Quelle: Lakenbrink

Im Grunde genommen könnte die Pro Potsdam von jetzt auf gleich loslegen: Wildwuchs roden, Munition suchen, Leitungsbau, Straßen anlegen. „Wenn alles glatt geht“, sagt Nicke, während er durch die graffitiübersäten Räume in einem Mannschaftsgebäude geht, „könnten wir im nächsten Jahr anfangen.“ Die Betonung liegt allerdings auf „wenn“. Denn Krampnitz ist seit Jahren juristische Kampfzone. Die Rechtsstreitigkeiten von Land und Landeshauptstadt mit den Investoren der TG Potsdam, die ihrerseits Eigentumsrechte am denkmalgeschützten Bereich des Areals reklamieren, sind fast noch verästelter als die Schlingpflanzen vor dem blätternden Fassadenputz. Am 9. September steht der nächste Gerichtstermin an. Bei der Pro Potsdam ist man aber aufgrund der Entscheidungen der vergangenen Monate zuversichtlich. Aber: Vor Gericht und auf hoher See ...

Auf in letzter Zeit geäußerte Unterstellungen, dass die Pro Potsdam das Projekt Krampnitz aus Desinteresse schleifen lasse, reagiert der sonst sehr gleichmütige Pro-Potsdam-Chef Nicke ziemlich allergisch: Immerhin gebe es rechtsstaatliche Verfahren, die einzuhalten seien. „Da kann ich vor Wut auf und nieder springen, aber deswegen geht es nicht schneller – selbst Chuck Norris hätte es nicht geschafft, die Gerichtsverfahren zu beschleunigen.“

Blick in die Sanitärräume

Blick in die Sanitärräume.

Quelle: Röd

Schleunig geht es hingegen mit dem Pro-Potsdam-Bus die holprige Eingangsstraße auf dem Ex-Kasernengelände entlang. Sie wird von ehemaligen Garagen gesäumt. Mehr als ein paar Mauern stehen nicht mehr. Das Ganze erinnert an einen Wildwestfilm über eine verlassene Goldgräberstadt. Wird Krampnitz-City jemals wiederauferstehen? Nach ein paar Minuten sind die ersten Mannschaftsgebäude erreicht. Früher waren hier die Soldaten untergebracht, 14 bis 20 pro Raum. Leere Türrahmen geben den Blick frei auf die verwaisten Sanitärräume mit den meterlangen Waschbecken. In Wandnischen entlang der Flure sind noch kleine, nebeneinander aufgereihte Kuhlen zu erkennen – passgenau für Kolben: „Hier wurden die Gewehre aufgestellt“, lautet die Erklärung.

Pressesprecherin Anna Winkler macht mit dem Handy Fotos des Verfalls. Die Bilder würden sich perfekt als Illustration für den Film „Das kleine Horror-Haus“ eignen. Sie zeigen zerborstene Dächer, großflächige Algenteppiche auf Fußböden, sich türmender Schutt in den Räumen und überall wild wucherndes Grün. Bäume sprießen durch die Löcher und die leeren Fensterrahmen. Dornenbüsche zerkratzen die Beine, wenn man sich zu den Eingängen der Häuser vorkämpft. 5400 Quadratmeter Geschossfläche hat jedes Mannschaftsgebäude – potenzieller Platz für 50 bis 60 Wohnungen. Aber dieser Plan wirkt momentan noch wie aus einem Science-Fiction-Film.

Decke in einem der Räume des Offizierscasinos

Decke in einem der Räume des Offizierscasinos.

Quelle: Röd

Seit im Jahr 1992 die Truppen der GUS-Staaten abzogen, dämmert Krampnitz im Dornröschenschlaf dahin. Der Zutritt ist verboten. Nur ab und an suchen Obdachlose hier Unterschlupf. Oder Touristen der etwas anderen Art, zu deren beliebtesten Fotomotiven ein Nazi-Emblem an einer Decke gehört.

Ab 1935 plante Architekt Robert Kisch an der „Heeres Reit- und Fahrschule und Kavallerieschule“ mit insgesamt 82 Gebäuden. 1939 war das Vorzeigeobjekt bezugsfertig. Die Kaserne hatte am Ende die Größe einer mittleren Kleinstadt mit bis zu 11 000 Bewohnern. In der fast dörflich anmutenden Bergsiedlung wohnten die Offiziere mit ihren Familien. Ein eigenes Blockheizkraftwerk – versorgt über ein unterirdisches Kohlen-Fließband – brachte Wärme in die Stuben. Heute prangen riesige Graffiti eines rehäugigen Mädchengesichts an den Wänden; Partygäste haben Bierflaschen zurückgelassen. Fast wirkt das Leergut wie Trophäen: Seht her, wir haben die schlafende Stadt erobert!

Definitiv kein Kandidat für Schöner Wohnen

Definitiv kein Kandidat für Schöner Wohnen.

Quelle: Archiv

Echte Trophäen gab es in Krampnitz seinerzeit gleich kiloweise. Die Elite-Reiter der Turnierabteilung brillierten bei Wettbewerben. Ausgestellt wurden die Auszeichnungen im Offizierscasino: Acht Meter hohe Räume, Dielenböden, in manchen Räumen zieren fast orientalisch anmutende Malereien die Decke. Heute sind die Fensteröffnungen vermauert. Die Ziegel haben kleine Löcher. „Damit die Vögel rein und raus fliegen können“, erklärt „Mr. Krampnitz“ Lakenbrink, als die fast unendlichen Weiten des einstigen Ballsaals erreicht sind. Ob auch Hitler-Attentäter Oberst Claus Schenk von Stauffenberg hier einmal zu Gast war? Schließlich hatte er seine Ausbildung an der Kavallerieschule in Hannover erhalten – der Vorgängereinrichtung der Kaserne Krampnitz. Tatsache ist jedenfalls, dass kurz nach Stauffenbergs Attentat am 20. Juli 1944 die Truppen in Krampnitz von den Drahtziehern der „Operation Walküre“ alarmiert wurden. Panzer der Panzertruppenschule II in Krampnitz brachen in Richtung Berlin auf, ehe die Nachricht vom gescheiterten Staatsstreich alles zunichte machte.

Die Technik in den Mannschaftskasernen ist auch nicht mehr ganz fabrikneu

Die Technik in den Mannschaftskasernen ist auch nicht mehr ganz fabrikneu.

Quelle: Röd

Nach Kriegsende zog die Rote Armee in die Kaserne. In einem repräsentativen Raum im Casino fallen an einer Wand farbenfrohe Malereien auf: Sie zeigen Stalin-Statuen und eine russische Flusslandschaft mit einem Dampfer namens „Stalin“. Souvenirs aus Sowjet-Zeiten? Die Erklärung, die das Pro-Potsdam-Trio präsentiert, ist viel erstaunlicher – Hollywood hat hier seien Spuren hinterlassen. Für das Stalingrad-Epos „Enemy at the Gates“ pinselten die Ausstatter das Gemälde hin. Filmerfahrung hat das Casino mittlerweile reichlich gesammelt. Für Helge Schneiders Hitler-Parodie verwandelte sich der riesige Festsaal in die Neue Reichskanzlei. Tom Cruise kehrte für sein „Stauffenberg“-Drama in Krampnitz ein. Und George Clooney ließ seine „Monuments Men“ über das Gelände stiefeln.

Der Eingangsplatz an der Straße von Groß Glienicke nach Potsdam

Der Eingangsplatz an der Straße von Groß Glienicke nach Potsdam.

Quelle: Röd

Bleibt nur die Frage, wann die Film-Hintergrundkulisse Krampnitz endlich die Chance auf eine Hauptrolle in der Potsdamer Wohnbau-Entwicklung erhält. Schließlich sollen auf 140 Hektar Fläche bis zu 1700 Wohnungen für rund 3800 Menschen entstehen. Für die Sanierung des Heizhauses stünden 1,4 Millionen Euro aus dem Stadt-Umland-Wettbewerb zur Verfügung. Die Statik des Denkmals ist stabil, aber auch hier ist das Ablaufdatum absehbar. „Der Haufen war beim letzten Mal noch nicht da“, zeigt Lakenbrink auf einen Schuttberg mit herabgefallenen Dachteilen. Durch das Loch sieht man den blauen Himmel. Die Sonne steht im Mittag. Fünf vor zwölf?

 

Von Ildiko Röd

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