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Für die Rechte von Kindern

Bundestagwahlkreis 61 Für die Rechte von Kindern

Norbert Müller (31) tritt für die Linke an – im Bundestag, dem der Potsdamer seit 2014 angehört, setzt er sich für die Rechte von Kindern ein. Sich selbst bezeichnet der Ehemann und Vater von zwei Söhnen als „radikalen Linken“. In seinem Heimatort Fahrland hat er eine Bürgerinitiative mitbegründet.

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Die Skulptur „Stehende unter Baldachin“ schmückt den Staudenhof. Norbert Müller mag den Ort – „doch früher war hier mehr Leben“.

Quelle: B. Gartenschläger

Potsdam. Fast wirkt Norbert Müller ein wenig euphorisch. Er ist an einem sonnigen Tag mit dem Fahrrad zum Treffpunkt am Potsdamer Staudenhof gekommen, die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen. Kaum abgestiegen, wandert sein Blick zwischen dem gewaltigen Wohnblock und der Fachhochschule hin und her. „Hier war früher so viel Leben“, schwärmt der 31-Jährige. Mittagessen in der Mensa der Fachhochschule, dann die Treffen im Staudenhof-Café zur politischen Diskussion – „ich habe hier wirklich schöne Zeiten erlebt, das Viertel hat funktioniert.“

Und heute? Die an allen Ecken sichtbare Verwahrlosung des Staudenhofs und die Demontage der Fachhochschule als störender DDR-Bau inmitten der barocken Wiederbelebung der Innenstadt ist für den jungen Bundestagsabgeordneten der Linken ein Schlag ins Kontor der Stadt – und auch irgendwie ein Verlust an Heimat. Im Gespräch lässt er sich das nicht anmerken und es wird schnell klar, dass Norbert Müller nicht bei gefühligen Erinnerungen stehen bleiben will. Für ihn geht es jederzeit und zuallererst um die politische Analyse. „Dass die Stadt Grundstücke aus der Hand gibt und damit jeglichen Einfluss auf die zukünftige Entwicklung verliert, ist ein Kardinalfehler.“ Es sei aberwitzig, dass händeringend nach Standorten für Schulen und Kitas gesucht werde, wenn zuvor städtische Flächen verscherbelt worden seien.

„Besonders linker Linker“

Hört man sich bei Potsdamer Linken um, gibt es viele lobende Worte über Müller. Mit der kleinen Einschränkung: „Er ist halt ein besonders linker Linker“, wie ein Altgedienter den politischen Standort des Bundestagsabgeordneten beschreibt. Norbert Müller, Ehemann und Vater zweier Söhne, würde dies vielleicht mit einem Lächeln quittieren. Er formuliert es so: „Ich fühle mich immer noch am wohlsten in der radikalen Linken.“ Dazu steht er genauso wie zu seiner Mitgliedschaft in der „Roten Hilfe“, die ihm immer wieder viel Kritik einbringt. Der Beistandsverein für Linksaktivisten im Fall von Rechtsstreitigkeiten wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

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Dass Müller in der Vergangenheit als Bindeglied zwischen der teilweise gewaltbereiten Antifa-Bewegung und dem bürgerlichen Protest gegen rechtsextreme Pogida-Aufmärsche in Potsdam wirkte, hat ihm jedoch Respekt von vielen Seiten eingebracht. Denn seine Strategie einer „breit aufgestellten Zivilgesellschaft“ ging bislang auf. „Wir dürfen den Nazis den öffentlichen Raum nicht überlassen. Das ist in Potsdam gelungen und das allein zählt für mich“, so sein Credo. Dazu gehört für Müller auch die rechtswidrige Blockade einer Straße. Wer ihm deswegen ein ungeklärtes Verhältnis zu linksextremen Gewalttaten vorwirft, prallt ab. „Ich lehne Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzungen kategorisch ab. Innerhalb der Linken ist diese Debatte seit vielen Jahren durch.“

Einer seiner Söhne ist in Potsdam gerade eingeschult worden. „Zuckertüte war natürlich Pflicht“, erzählt Müller, der mit seiner Familie in Fahrland lebt. Wenn er von seinem Engagement in der dortigen Bürgerinitiative erzählt, die er mitbegründet hat, bricht der ideologische Panzer auf. „Als wir nach Fahrland kamen, hatte ich das Gefühl, dass sich die Stadt um seine Dörfer nicht kümmert. Also haben wir das selbst in die Hand genommen.“ Da geht es dann um fehlende Kitaplätze und den Verkehr vor der Haustür. Jeder Nachbar, der mitmachen will, egal welcher Herkunft oder politischer Couleur, ist willkommen.

Schon als Jugendlicher im Kampfmodus

Die heile Welt im havelländischen Dorf – für den 1986 in Wriezen geborenen Norbert Müller ist das keine Selbstverständlichkeit. In Strausberg ist er aufgewachsen, zu DDR-Zeiten ein Zentrum der Nationalen Volksarmee und nach deren Auflösung 1990 wichtiger Bundeswehrstandort. Auch Müllers Vater war Soldat in der NVA, verlor nach der Wende seine Arbeit und absolvierte eine Ausbildung zum Vermessungstechniker. Doch ihm blieben nur prekäre Jobs. Als Lehrerin hielt die Mutter die Familie in den 1990er Jahren maßgeblich über Wasser. „Das war hart für meine Eltern“, erzählt Müller, „viele Menschen wurden damals kaputtgespielt.“

Plattenbau, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit – Eindrücke aus Müllers Kindheit und Jugend in der ehemaligen NVA-Hochburg, die seinen politischen Werdegang prägten. „Ich habe erlebt, wie Familien in dieser Zeit regelrecht zerschreddert wurden.“ 1998 habe es dann mit dem Antritt von Rot-Grün und insbesondere mit SPD-Mann Oskar Lafontaine so etwas wie „Aufbruchsstimmung“ gegeben, erinnert sich Müller. Doch mit dem Abgang Lafontaines sei die Hoffnung zerronnen. „Von sozialer Gerechtigkeit war nicht mehr die Rede. Und das wollte ich ändern.“

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Seit dieser Zeit ist Norbert Müller im politischen Kampfmodus. Mit 13 Jahren fand er seinen Platz in der sozialistischen Jugend. „Politisch gesehen, fanden dort die heftigsten und härtesten Kämpfe statt, die ich je erlebt habe.“ Mit Gleichgesinnten lief er gegen Bundeswehrgelöbnisse Sturm und handelte sich Ärger mit den alten SED-Genossen ein, die ja selbst Soldaten gewesen waren und sich jetzt in der PDS sammelten. „In der Partei gab es aber auch linke DDR-Oppositionelle. Es war damals ein ziemlich bunter Haufen“, erinnert sich Müller. „Die PDS war im Grunde auch eine Partei der Heimatvertriebenen.“

Kaum 16 Jahre alt, trat er im Jahr 2002 ein. Mitten im Niedergang. Die PDS flog aus dem Bundestag, „der Aufbau in den westlichen Bundesländern war gegen die Wand gefahren worden. Damals ist die PDS gestorben“. Müller blieb und erlebte für sich mit der Gründung der Partei „Die Linke“ im Jahr 2005 einen Wendepunkt. „Endlich hörte die nervende Selbstbeschäftigung auf. Wir haben uns wieder den gesellschaftlichen Problemen zugewandt.“ 2009 kandidierte Müller erstmals für den Brandenburger Landtag, 2014 zog er als Nachrücker für die Linke in den Bundestag ein.

Kinderarmut auf der Agenda

Für den Bundestagsneuling lag ein schnöder Zettel bereit. „Da stand drauf, welche Aufgaben ich in der Fraktion zu übernehmen hatte. Ich sollte unter anderem in die Kinderkommission, auf die ich ehrlich gesagt keine Lust hatte.“ Aber Norbert Müller wäre nicht Norbert Müller, wenn er den Unterausschuss nicht mit seinen Themen besetzt hätte. „Militarisierung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ war sein erster Themenvorschlag als Vorsitzender der Kommission. „Das hat zu wütenden Protesten des CDU-Vertreters geführt“, erinnert er sich und ein seltenes Lächeln huscht über sein Gesicht. Müller setzte sich durch und brachte auch das Thema „Kinderarmut“ auf die Agenda.

Ende Oktober 2016 schien die politische Karriere des Jung-Linken dann ein unrühmliches Ende zu nehmen. Er hatte den Fahrdienst des Bundestags extensiv genutzt, auch für Fahrten ins heimische Potsdam. Das allzu umfangreiche Ausschöpfen dieses Privilegs wog in den Augen der Öffentlichkeit bei dem „radikal Linken“ doppelt schwer. Den Fehler räumt er ein, vermutet dahinter bis heute aber eine „Intrige aus der Fraktion“. Diese erteilte ihm eine Rüge, die Medien machten sich über ihn her. „Das hat mich an den Rand gebracht“, gibt Müller zu. Er dachte ans Aufhören, an den Ausbruch aus dem „Berliner Mikrokosmos“.

Inzwischen hat er die Krise überwunden, doch Spuren bleiben. „Politische Mandate gibt es nicht auf Lebenszeit. Das würde ich auch nicht wollen“, sagt er heute. Doch die Brandenburger Linke setzt auf ihn – als Direktkandidat für Potsdam und auf Platz 4 der Landesliste. Der dürfte für den Wiedereinzug in den Bundestag reichen. Verbesserungen an Kitas, Schulen, dem öffentlichen Nahverkehr und bezahlbare Mieten bleiben auf Müllers politischer Agenda für Potsdam. „Ich werde mich aber auch weiter für die Rechte von Kindern und Jugendlichen einsetzen“, verspricht der 31-Jährige. Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Die Schulen würgen heutzutage den politischen Reifeprozess der jungen Leute ab. Kinder und Jugendliche müssen wieder mehr freie Zeit für sich haben. Dafür kämpfe ich.“

Elf Kandidaten im Wahlkreis 61

Im Bundestagswahlkreis 61 , der neben Potsdam noch sieben Gemeinden aus Potsdam-Mittelmark und eine Gemeinde aus dem Kreis Teltow-Fläming umfasst, kandidieren elf Kandidaten für das Direktmandat.

Die Kandidaten:

– Saskia Ludwig (CDU)
– Manja Schüle (SPD)
– Norbert Müller (Die Linke)
– René Springer (AfD)
– Annalena Baerbock (Grüne/B90)
– Linda Teuteberg (FDP)
– Irene Kamenz (Freie Wähler)
– Mario Berrios Miranda (DKP)
– Bettina Franke (Die Partei)
– Edmund Müller (Gerechtigkeit für Trennungsväter und Justizreformen)
– Andreas Schramm (Piraten)

Die MAZ stellt in loser Folge Kandidaten vor. Reihenfolge und Autoren wurden ausgelost.

Von Jürgen Stich

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