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Futterdetektive in der Templiner Straße

Zu Hause in der ... Templiner Vorstadt Futterdetektive in der Templiner Straße

Das Landeslabor in der Templiner Straße ist der letzte Zeuge einer langen agrarwissenschaftlichen Forschungsgeschichte auf Hermannswerder. Aber auch dieser wird in absehbarer Zeit aus dem Stadtteil verschwinden.

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Laborantin Karin Behnke bereitet pulverisierte Futtermittel mit Ethanol für die Prüfung vor.

Quelle: Braun

Hermannswerder. Diesen Vormittag hat die Chemisch-technische Assistentin Daniela Angetter einen großen Fang gemacht. Eigentlich hatte sie die frisch angelieferte Futtermittelprobe nur auf das giftige Mutterkorn untersuchen sollen. Jetzt hat das Auslesen von Schmutz einen Fremdstoffanteil von rund sieben Prozent ergeben. Sogar einen kleinen Käfer hat sie entdeckt und unter das Stereomikroskop gelegt, so dass er jetzt ganz groß auf ihrem Monitor erscheint. Hat die hier getestete  Futtermittelfirma wohl schlampig gearbeitet? „So würde ich das auch beschreiben“, sagt die langjährige Mitarbeiterin der Potsdamer Dienststelle des Landeslabors Berlin-Brandenburg. 

„Für mich sieht das aus wie kurz in der Halle zusammengefegt“, erklärt die junge Prüferin, die die Fremdstoffe den Vormittag über  sorgfältig mit der Pinzette ausgelesen und dann gewogen hatte.  Der brandenburgische Landkreis, der dem Fachbereich des Landeslabors in der Templiner Straße 21 diese Probe zugeschickt hatte, wird die entsprechende Firma wohl maßregeln müssen, damit sie in Zukunft die Bestimmungen besser einhält und in ihren Futtersäcken tatsächlich nur das  ist, was auf den Verpackungsschildern steht.

Die Arbeit von Daniela Angetter ist typisch für die Vorgänge in dem langgestreckten Waschbetonbau in der  Templiner Straße 21. In der Potsdamer Dienststelle des Landeslabors sind rund 40 Wissenschaftler und technische Laborkräfte für den Verbraucherschutz im Einsatz. Sie testen die Qualität von Futter-, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln. In einem anderen Fachbereich des Hauses prüfen sie die Qualität von Milchprodukten, Speiseeis und Fertiggerichten. Dafür sind in dem dreigeschossigen Bau nicht nur hochqualifizierte Mitarbeiter unterwegs, zur Ausstattung gehören zum Beispiel auch eine Reihe moderner Gas- und Flüssigchromatografen oder z.B. Spezialgeräte zur Bestimmung von Faseranteilen in Tierfutter.

Positive BSE-Proben und Dioxinreste

„Wir sind letztlich ein Dienstleister, der Untersuchungen und Analysen durchführt“, sagt Angetters Chef, der Diplomchemiker Ludger Anders. Auftraggeber seien Behörden in Brandenburg und Berlin. Das sind zum Beispiel die Veterinär- und die Lebensmittelüberwachungsämter der Kreise. „Die entscheiden auch, was aufgrund unserer Ergebnisse passiert“, sagt Anders. So dramatisch der Fund von Angetter an diesem Vormittag auch war, er sei keineswegs die Regel, betont der Chemiker. „Ich habe den Eindruck, die Firmen bemühen sich schon alle“, sagt er. „Der Grad der Beanstandungen ist eigentlich gering“. Auch für den ebenfalls im Haus untergebrachte Lebensmittelfachbereich kann er sagen: „Wir haben wahrscheinlich nie so gesunde Lebensmittel gehabt wie heute.“ Schließlich seien die Analysemethoden immer feiner geworden.

Dennoch gibt es immer wieder alarmierende Untersuchungsergebnisse. Anders erinnert sich noch gut an die Zeit Anfang der Zweitausenderjahre, als immer mehr Fälle von BSE bekannt wurden. Auch der Potsdam-Teil des Landeslabors entdeckte positive Proben. Im Jahr 2002 wurde Anders Fachbereich auf einen Futtermittelbetrieb aufmerksam, der wegen unsachgemäßer Trocknung des Futters Dioxinreste in dieses brachte. Der Betrieb wurde vom Kreis mit entsprechenden Auflagen bedacht und produzierte von da an wieder sicher. Kleinere Fälle waren Glassplitter, die in die Produkte geraten waren und dann zu einer Rückrufaktion führten.

Das Haus in der Templiner Straße 21 ist keine selbstständige Einrichtung. Es ist ein Teil des auf der Grundlage eines Staatsvertrages zwischen den Ländern Berlin und Brandenburg im Januar 2009 als Anstalt öffentlichen Rechts gegründeten Landeslabors Berlin-Brandenburg. Sechs verschiedene Labors in Berlin,   Frankfurt (Oder), Kleinmachnow, Oranienburg und eben Potsdam wurden damals als erste länderübergreifende staatliche Untersuchungseinrichtung zusammengefasst. Alteingesessenen Bewohnern des Stadtteiles  Hermannswerder ist der heutige Bau aber keine unbekannte Größe. Sie kennen ihn noch aus späten DDR-Zeiten. Im Spätjahr 1987 prangte nach Fertigstellung des Hauses am Eingang allerdings das Schild „Institut für Biotechnologie Potsdam“. Nach der Wende wurde daraus die „Landwirtschaftliche Untersuchungs- und Forschungsanstalt Potsdam“. Sie hatte wie der heutige Bereich des Landeslabors schon mit der Prüfung von Dünge- und Futtermitteln zu tun. Schon damals arbeitete der heutige Leiter des Fachbereichs II-4, Ludger Anders, in dem Haus.

Das Labor soll 2019 nach Berlin umziehen

Der 59-Jährige ist sich bewusst, auf welchem geschichtsträchtigen Boden er seit 1992 steht. Denn die Wissenschaftsgeschichte des Areals reicht bis in die Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurück. 1932 befand sich in der Templiner Straße die Botanische Station der früheren sogenannten landwirtschaftlichen  Kontrollstation. Zu DDR-Zeiten entstand auf dem Areal ein ganzer Komplex mit landwirtschaftlichen Untersuchungs- und Forschungseinrichtungen, deren Tradition nach der Wende verändert fortgeführt wurde. Heute ist der Bau das letzte Überbleibsel dieses landwirtschaftlichen Versuchswesens. Aber auch er wird bald Geschichte sein, denn schon jetzt bedrängen durch Gruben wühlende Bagger und Betonmischer das Haus. Der Potsdamer Teil des Landeslabors steht auf einem Gebiet, das bald nur noch dem Wohnen dienen wird. 2019 zieht die Einrichtung deshalb mit ihrem Personal nach Berlin-Adlershof.

Ein bisschen Wehmut hat Anders beim Gedanke am Wegzug schon, „da das  seit Jahrzehnten ein wissenschaftlicher Standort ist“. Und vor allen Dingen sei es ein so Besonderer. „Von der Landschaft her ist es optimal, es liegt ruhig und idyllisch und man hört relativ wenig von außen.“ Außerdem sei die Verkehrsanbindung nach Berlin ziemlich gut.

Aber auch der künftige Standort habe seine Reize. Immerhin werden viele jetzt noch verstreute Fachbereiche dann unter dem Dach eines Neubaus zusammenfinden – inmitten eines Areals, der ein Wissenschaftsstandort von internationalem Renommee ist. Nicht zuletzt mache die Arbeit Spaß. „Es ist einfach die Vielfältigkeit der Themen und die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitern“.sagt  Anders. Wie ein Detektiv könne man bei dieser Kontrollarbeit den Ursachen auf den Grund gehen. Anders ist sicher, dass auch in Berlin die selbe entspannt-kollegiale Arbeitsatmosphäre herrschen wird, wie jetzt noch auf den Fluren in der Templiner Straße 21.

Von Rüdiger Braun

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