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Gambrinus in der Schönheitskur

MAZ zu Hause ... in der Südlichen Innenstadt Gambrinus in der Schönheitskur

Studenten der Fachhochschule Potsdam restaurieren die Gambrinus-Figur, die an der Außenwand des Kulturzentrums „Archiv“ auf die Geschichte des denkmalgeschützten Gebäudes als „Königliche Hofbrauerei“ verweist. Nach einer ersten Recherche ist die Zinkfigur weithin einmalig. An die Fassade gesetzt wurde sie zwischen 1860 und 1880.

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Alexander Ackermann mit der Gambrinus-Figur.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam. Seit wann König Gambrinus auf seinem Sockel an der Wand des Kulturzentrums „Archiv“ mit erhobenem Pokal die Fahrzeuge und Passanten tief unten in der Leipziger Straße grüßte, ist noch nicht genau geklärt. Sicher ist, dass er Mitte Juli von drei Bauhandwerkern vorsichtig angehoben und dann mit Hilfe einer speziellen Gerüstkonstruktion Stufe um Stufe hinunter zum Gehweg getragen wurde, wo ein Lieferwagen auf ihn wartete.

Nun steht der mit 1,60 Metern doch überraschend kleine Mann aus Zink in der Metallwerkstatt des Studiengangs Konservierung und Restaurierung der Fachhochschule an der Kiepenheuerallee und wartet mit nachdenklichem Blick auf seine Schönheitskur.

Die hat er auch nötig, denn das einstige Bunt seiner Gewänder lässt sich kaum mehr erahnen, an manchen Stellen gibt es sogar schon Löcher im korrodierten Blech. Erstaunlich ist der Zustand nicht. Alexander Ackermann (28) schätzt, dass die Gambrinus-Figur mit eigenem Schutzdach und Sockel zwischen 1860 und 1880 an die Wand der damaligen Königlichen Hofbrauerei gesetzt wurde.

Vermutlich habe sie vorher schon in einem Innenraum gestanden, darauf

Gambrinus vor der Abnahme auf seinem Stammplatz an der Außenwand des „Archivs“

Gambrinus vor der Abnahme auf seinem Stammplatz an der Außenwand des „Archivs“.

Quelle: Bernd Gartenschläger

ließen die Reste von bunten Pigmenten in den Mantelfalten schließen, die wohl erst mit grauer Ölfarbe übermalt wurden, als man Gambrinus für den Platz im Freien vorbereitete.

Ackermann, der im fünften Semester Metallrestaurierung studiert, ist nun gewissermaßen der Pate des Gambrinus. Zum Erstkontakt kam es im Winter bei einem Arbeitseinsatz, als Leute vom „Archiv“-Verein mitbekamen, dass einer ihrer ehrenamtlichen Helfer Restaurierung studiert. Dass Gambrinus, dessen historischer Vorgänger als Erfinder des Bierbrauens gilt, im Zuge der Fassadensanierung in die Werkstatt muss, war aber schon länger ausgemacht. „Gambrinus sollte sowieso hierher“, sagt Ackermann.

Vor der eigentlichen Restaurierung steht nun zunächst eine gründliche Voruntersuchung an: „Wir wissen noch nicht viel von ihm.“ Allerdings vermuten der Student und sein betreuender Professor Jörg Freitag, dass die Gambrinus-Figur zumindest im Großraum Berlin-Brandenburg einzigartig ist. In Süddeutschland gebe es eine ähnliche Plastik, allerdings „mit größerem Bart“, so Ackermann, „und nicht aus Zink“.

Zink erlebte im 19. Jahrhundert als billiges und vergleichsweise einfach zu bearbeitendes Material für Plastiken und Bauornamente eine Blütezeit. Jörg Freitag zählt aus dem Stand eine Reihe von Figuren und Bauwerken aus Zink auf, die später entweder wieder eingeschmolzen wurden wie der prächtige Brunnen vom Luisenplatz, oder aber gestohlen, wie so manche Plastik aus Vorgärten in der Berliner Vorstadt.

Heimkehren wird der von Archivgängern auch „Bierpatron“ genannte Gambrinus nach der Fassadensanierung, die nach Angaben von Stadt und „Archiv“-Verein im kommenden Jahr ansteht.

Kulturzentrum in alter Hofbrauerei

Das „Archiv“ in der Leipziger Straße 60 ist ein alternatives Kultur- und Wohnprojekt im Gebäude der Anfang des 18. Jahrhunderts errichteten „Königlichen Hofbrauerei“. Nach langem Leerstand 1994 von Jugendlichen besetzt, wurde das Zentrum 1997 legalisiert.

Heute zählt es neben dem Waschhaus und dem Lindenpark zu den größten soziokulturellen Zentren des Landes, arbeitet aber im Gegensatz zu diesen allein auf ehrenamtlicher Basis ohne öffentliche Förderung.

Unterstützt wird die Arbeit des „Archivs“ jedoch mit der unentgeltlichen Bereitstellung des Hauses durch die Stadt. Zur Sanierung des denkmalgeschützten Baus gab es jahrelange Verhandlungen. 2013 wurde das Haus vorübergehend baupolizeilich gesperrt.

Nach der Brandschutzsanierung steht nun die Außensanierung an. Fenster und Dach sind laut Stadt genehmigt und in Umsetzung. Die Fassade soll 2017 folgen. Die Stadt stellte insgesamt 625 000 Euro bereit, von denen noch knapp 540 000 zur Verfügung stehen. Der Verein brachte bisher nach eigenen Angaben Eigenleistungen im Wert von mehr als 160 000 Euro auf.

Die Restaurierung der Gambrinus-Figur wird nach Mitteilung der Stadt vom Amt für Denkmalpflege komplett mit 3105 Euro gefördert.

Von Volker Oelschläger

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