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Geldstrafe für Todesfahrer vom Nauener Tor

Prozess in Potsdam Geldstrafe für Todesfahrer vom Nauener Tor

Der tödliche Unfall am Nauener Tor in Potsdam, bei dem vor einem Jahr eine junge Radfahrerin von einem Sattelzug überrollt wurde, hätte vermieden werden können. Dieser Ansicht ist das Amtsgericht. Es sieht als erwiesen an, dass der Lkw-Fahrer nicht ausreichend in die Rückspiegel geschaut hat.

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Ein weiße Geisterrad erinnert an den schrecklichen Unfall und den zu frühen Tod der erst 19-jährigen Radfahrerin.

Quelle: Julian Stähle

Innenstadt. Der Fall hatte ganz Potsdam tief bestürzt: Eine junge Radfahrerin war am 3. November 2015 am Nauener Tor am helllichten Tag von einem Sattelzug überrollt worden. Die 19-Jährige erlag noch an der Unfallstelle ihren schweren Kopfverletzungen. Jetzt wurde der Fahrer des Lastwagens zu einer Geldstrafe von 900 Euro aufgeteilt auf 60 Tagessätze à 15 Euro verurteilt. Das Amtsgericht sah es als erwiesen an, dass sich der 63-jährige Rainer L. aus Wolfen (Sachsen-Anhalt) der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht hat. „Sie hätten die Radfahrerin sehen müssen“, sagte Richterin Reinhild Ahle bei der Urteilsverkündung. „Sie hätten reagieren können.“

Der Angeklagte beteuert, in die Rückspiegel geschaut zu haben

Rainer L. verfolgt das Urteil regungslos. Sein Verteidiger hatte auf Freispruch plädiert. Zuvor hatte L. beteuert, vor und beim Abbiegen von der Kurfürsten- in die Friedrich-Ebert-Straße mehrfach in die drei Rückspiegel des Lasters geschaut zu haben: „Ich habe keine Radfahrerin gesehen. Dann machte es auf einmal ,Peng’! Da sah ich, dass ich sie mit dem letzten Rad überrollte. Wo sie herkam, wusste keiner.“

Rainer L. ist ein seit 1992 erfahrener Berufskraftfahrer. Die Potsdamer Kurfürstenstraße befuhr er am 3. November 2015 allerdings zum ersten Mal. Um 6 Uhr morgens hatte er seinen Dienst begonnen. Gegen 14.45 Uhr ist er auf dem Weg in die Friedrich-Ebert-Straße zu seinem letzten Kunden, dem er Styropor platten liefern soll. Die Ampel am Nauener Tor schaltet auf Rot, L. stoppt den Sattelzug und steht rund 14 Sekunden an der Ampel, so hat es der Fahrtenschreiber festgehalten. Dann fährt L. an und biegt nach rechts ab. Die Fahrbahn ist trocken, die Sichtverhältnisse sind normal, Rainer L. hat nichts getrunken, steht nicht unter Drogen, rast nicht. Er hat 24 Stundenkilometer drauf, als er die Vollbremsung einlegt.

Sie konnte sich nicht mehr von dem Lastzug lösen

Die Fachabiturientin Judith M. kam an jenem Dienstagnachmittag von der Schule und war mit ihrem Freund verabredet. Ob sie von der Kurfürstenstraße auch nach rechts in die Friedrich-Ebert-Straße einbiegen oder geradeaus weiterfahren wollte, ist nicht klar, spiele laut Dekra-Gutachter Oliver Wagner aber keine Rolle. Demnach kam es zur Kollision, als der Sattelzug den Rad- und Fußgängerbereich kreuzte, also noch nicht komplett abgebogen war. „Die Radfahrerin ist in die Fahrbewegung des Sattelzuges eingefahren und touchierte ihn.“ Dafür spreche eine Spur, die der Fahrradreifen am Lkw hinterlassen habe. „Die Trägheit des Körpers sorgt dann dafür, dass man an der Seite des Lasters kleben bleibt und nicht mehr wegkommt. Gleichzeitig wird die Schleppkurve des Anhängers immer enger.“ Das Schlingern der Radlerin, das alle Zeugen beschreiben, sei dieses Anliegen am Lkw und der Versuch, von ihm wegzukommen. Aber Judith M. kann sich von dem Lkw nicht lösen. Nach einigen Meter stürzt sie und wird von den letzten drei Rädern überrollt.

Das alles mussten Luise A. (19) und Fabian F. (20) mit ansehen. Sie waren mit ihrem Auto unmittelbar hinter dem Lkw gefahren und wirken noch im Zeugenstand geschockt. „Ich habe die Radfahrerin nicht kommen sehen“, sagt Fabian F. „Ich habe sie erst ein, zwei Sekunden vor dem Anstoß wahrgenommen.“ Luise A. bricht in Tränen aus. „Ich habe um Hilfe gerufen. Dann habe ich das Fahrrad genommen und zur Seite gestellt, weil es halb auf ihr lag.“ An dem Bäumchen lehnt heute eine weißes Geisterrad, das an Judiths Schicksal erinnert.

Ein Augenblicksversagen, das jedem passieren kann

„Der Unfall wäre vermeidbar gewesen“, resümierte Staatsanwalt Peter Petersen. Beim Überqueren eines Fuß- und Radwegs sei ein Blick in den Spiegel zwingend. „Dafür hatte der Angeklagte extra drei Stück! Wenn er erklärt, er hat die Radfahrerin nicht gesehen, dann hat er auch nicht geguckt.“ Petersen forderte 60 Tagessätze à 20 Euro. „Die Strafzumessung bei einer fahrlässigen Tötung zu treffen, ist die undankbarste Aufgabe, denn die Ursache ist wie hier oft minimal, das Ergebnis aber katastrophal. Wir sitzen alle im Glashaus und keiner sollte mit Steinen werfen – wer sagt, er macht immer alles richtig, der ist entweder dumm oder er lügt.“

Richterin Reinhilde Ahle schloss sich Petersens Appell an. „Das Verschulden ist gering, aber es ist dennoch ein Verschulden. Es ist ein Augenblicksversagen, das am Ende eines langen Arbeitstages jedem von uns passieren kann.“

Von Nadine Fabian

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