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Der verunglückte Klinik-Coup in Potsdam

Gerangel um Oberlin-Klinik Der verunglückte Klinik-Coup in Potsdam

Unruhe in Potsdam: Kaufangebote, abtrünnige Geschäftsführer und ein Oberbürgermeister auf Expansionskurs: Wie aus einer bahnbrechenden Idee für eine Klinik-Kooperation zwischen zwei führenden Brandenburger Krankenhäusern ein Desaster wurde.

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Das Oberlinhaus in Babelsberg.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Das Lob der Frischoperierten für die Potsdamer Oberlin-Klinik fällt überwältigend aus. „Es macht, so unglaublich das auch klingen mag, richtig Spaß hier Patient zu sein“, schreibt ein Schmerzpatient auf einem Klinikbewertungsportal. Eine andere Patientin der Potsdamer Oberlin-Klinik verleiht gar sechs Bewertungssternchen, denn selbst der Koch habe sich persönlich vorgestellt. Die Bilanz: „103 von 112 Nutzern würden diese Klinik empfehlen.“ Der Ruf des Hauses ist zumindest im Internet noch intakt – doch ansonsten brodelt es gewaltig in dem Brandenburger Traditionshaus.

Der Kampf gegen große Klinik-Ketten

Denn die Ruhe ist dahin auf dem Oberlin-Campus in Potsdam-Babelsberg . Hier liegt das Gebäude abgerückt von den Hauptverkehrsstraßen, mit seinen alten Bäumen, gotisch anmutenden Backsteinbauten und der Anstaltskapelle, vor deren Altar ein Taufengel aus Sandstein steht. Die Statue trägt die Gesichtszüge einer Diakonisse – sie stand dem Bildhauer Modell vor hundert Jahren. Vieles ist selbst gemacht bei Oberlins, ein Teil des aktuellen Ärgers sicher auch. Es sind aber äußere Faktoren, die das Gezerre um die Einrichtung zum Lehrstück machen für den Kampf kleinerer Kliniken in einem Gesundheitssystem, das zunehmend von Krankenhausketten und expandierenden städtischen Konglomeraten beherrscht wird. Die von den Belegungszahlen her zweitgrößte Orthopädieklinik in Berlin und Brandenburg – noch vor der Berliner Charité – hat einen Ruf zu verlieren. 95 Prozent der AOK-Patienten und 90 Prozent der TK-Kassenmitglieder empfehlen das Haus in Potsdam-Babelsberg. Dennoch ist die Traditionseinrichtung zum Schauplatz eines Wirtschaftskrimis geworden, wie ihn Brandenburg selten erlebt hat.

Stadt will sinnvolle Mehrheitsübernahme

Doch von vorne: Intern brodelt es in der Einrichtung, seit der Vorstand des protestantischen Trägervereins Oberlinhaus einen Konzernumbau angeschoben hat. Geschäftsführer von Tochterfirmen meutern, Fach-Koryphäen nehmen Reißaus – und die Konkurrenz wirft gierig Blicke auf Teile des Sozialkonzerns in der Hoffnung, die Oberlin-Krise werde existenziell. Jüngster Höhepunkt: Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hat in einer internen Runde verlautbart, er strebe mit seinem städtischen Klinikum Ernst von Bergmann den Erwerb von 51 Prozent an der Klinik an. Dabei will der Oberlin-Vorstand gar nicht verkaufen – er spricht vom Versuch einer „feindlichen Übernahme“. Der Oberbürgermeister wiegelt ab, weist den Vorwurf zurück – und räumt aber ein, von einer sinnvollen Mehrheitsübernahme gesprochen zu haben.

Um die Bedeutung des Konflikts zu umreißen, muss man wissen: Oberlin ist eine Stadt in der Stadt Potsdam, seit 1890 betreibt der Verein eine Klinik im ehemaligen Arbeiterkiez Babelsberg. Mit 1800 Mitarbeitern ist das Unternehmen der drittgrößte Arbeitgeber der Stadt. 30 000 Menschen betreuen die diakonischen Einrichtungen des Verbundes, 4900 Menschen werden in der orthopädischen Klinik jedes Jahr operiert. Ein formidabler Sozialkonzern ist im Umfeld des „Deutschen Volkskrüppelheims“ (1894) erwachsen mit Filialen wie der Reha-Klinik in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) und Behindertenwerkstätten auf der Halbinsel Hermannswerder, insgesamt sind es 13 Tochtergesellschaften.

Der Ärger beginnt in dem christlichen Haus, als der Trägerverein ab 2016 eine Zentralisierung seiner Strukturen in Angriff nimmt. Viele Unternehmen tun das, wenn sie wachsen. Oberlin hatte zwischen 2005 und 2015 Umsatz und Mitarbeiterzahl verdoppelt. Es rumpelt erheblich, denn die mächtigen Geschäftsführer der Tochterfirmen sollen Kompetenzen an den Vorstand abgeben – Personal, Recht, Marketing. In den Besprechungen geht es derart zur Sache, dass der Vorstand Mitte 2016 eine gemeinsame Verhaltens-Charta aufsetzen lässt. Darin vereinbaren Geschäftsführer und Vorstand, sich an eigentlich allgemein akzeptierte Verhaltensweisen – zumal in einem christlichen Unternehmen – zu halten: Gerüchte sollen nicht an Dritte weitergegeben werden, Führungskräfte sollen Vorbilder sein, Konflikte sollen Wegbereiter für Veränderungen sein und dergleichen Mediatoren-Lyrik mehr.

Matthias Fichtmüller, Theologischer Vorstand vom Oberlinhaus

Matthias Fichtmüller, Theologischer Vorstand vom Oberlinhaus

Quelle: oh

Viel zu bewirken scheint der Schwur nicht. Anfang Juli 2017 schreiben vier Geschäftsführer – darunter jene der Oberlin-Klinik und der Reha-Klinik in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) – einen Protestbrief an den Aufsichtsrat des Oberlin-Vereins, also das oberste Aufsichtsgremium. Es geht um fehlende Parkplätze, weil ein Parkhaus zu klein geplant worden sei, um Immobiliendeals, die kritische Beurteilung von Führungspersonal, ein 500 000 Euro teures neues Logo, das Fehlen eines IT-Sicherheitskonzepts – und um viel Persönliches. Über ausgeschiedene Mitarbeiter werde schlecht gesprochen, Mitdenken sei nicht gefragt. Das Schreiben mündet in der Feststellung, die beiden Oberlinhaus-Vorstände Matthias Fichtmüller und Andreas Koch seien „weder fachlich noch menschlich in der Lage, den Verein Oberlinhaus in die Zukunft zu führen“. Mit anderen Worten: Die Geschäftsführer forderten den Rausschmiss der Vorstände.

Kaufmännischer Vorstand seit dem 1Juli 2002

Kaufmännischer Vorstand seit dem 1.Juli .2002: Andreas Koch.

Quelle: oh

Die Kritisierten allerdings bleiben, der Aufsichtsrat stärkt ihnen den Rücken. Doch an einen „respektvollen und wertschätzenden Umgang“, wie man ihn sich versprochen hatte, ist nicht mehr zu denken. Eine Geschäftsführerin wird krank, eine andere wird zum „Perspektivgespräch“ geladen und erfährt, dass man wenig Perspektive sieht für sie im Unternehmen.

Kooperation zwischen Oberlin und Klinikum

Ebenfalls unbemerkt von der Öffentlichkeit bahnen Unterhändler von Oberlin-Klinik und dem Potsdamer Klinikum Ernst von Bergmann unterdessen einen erstaunlichen Deal an – die Geheimgespräche („Projekt O“) laufen seit 2015: Das zu 100 Prozent in Stadtbesitz befindliche Bergmann-Klinikum und Oberlin wollen eng zusammenarbeiten in Unfallchirurgie und Orthopädie. Unter anderem soll Oberlin in einer Art „Shop-in-Shop“-System die Unfallchirurgie im Bergmann-Klinikum anbieten. Vorteil: Oberlin würde seine Bettenkapazität erhöhen, seinen eigenen Einrichtungen Patienten überweisen können und ein Umsatzplus einbuchen können. Bergmann wiederum wäre die sehr aufwendige Unfallchirurgie los und könnte die renommierte Orthopädie im Mutterhaus anbieten – wenn auch unter Oberlin-Label. Das ist eine ziemliche Sensation für zwei Häuser, die sich als Konkurrenten betrachten.

Ein Schulterschluss der Lokalrivalen ist sinnvoll. Bundesweit fordert der Wettbewerb im Gesundheitswesen immer häufiger Opfer unter kleineren Krankenhäusern. Private Klinikketten erweitern ihr Netzwerk mit dem Ziel, günstigere Konditionen mit den Kassen aushandeln zu können. Berlin als Gesundheitsmarkt ist für die Potsdamer Häuser Bedrohung wie Chance zugleich – da hilft ein breiter Leistungskatalog. Außerdem ist das lange Zeit hoch profitable Geschäft mit Hüftprothesen vom Gesetzgeber zurückgestutzt worden, weil die OP-Zahlen ständig stiegen. Krankenhäuser erhalten ab einem bestimmten Kontingent nur noch 65 Prozent der bisherigen Vergütung für eine Hüfte. Die rechnet sich also nur noch bei hohen Stückzahlen und einem hohen Grad von Spezialisierung.

Laut Oberlin steht die Vereinbarung Ende November kurz vor dem Abschluss. Man hat sogar darüber gesprochen, Gesellschafteranteile auszutauschen – als Minderheitsbeteiligung. Nur eins bekommt die Bergmann-Seite nicht: einen Co-Geschäftsführer-Posten für den stets auf Expansionskurs segelnden Bergmann-Geschäftsführer Steffen Grebner in der Oberlin-Klinik. Kartellrechtliche Gründe sprechen dagegen. Als man sich am 4. Dezember trifft, lässt Potsdams Stadtoberhaupt Jann Jakobs (SPD) die Bombe platzen: Die Stadt verlangt die Mehrheit an der Oberlin-Klinik.

Weggang einer Koryphäe

Dass an diesem Punkt die Gespräche scheitern, hat noch einen anderen Grund: Nachdem der ebenfalls zur rebellischen Vierergruppe gehörende Geschäftsführer der Oberlin-Klinik, Michael Hücker , im August das Unternehmen verlassen hat, kündigt mitten in den Vertragsverhandlungen der Ärztliche Leiter der Oberlin-Klinik, Axel Reinhardt . Der Verlust ist herb, Reinhardt genießt den Ruf einer Koryphäe für Wirbelsäulenerkrankungen – einige Privatpatienten wird er mitnehmen. Außerdem nimmt Hückers Ehefrau, eine Controllerin, ihren Abschied bei Oberlin zusammen mit einem weiteren Kollegen. Ebenfalls von Bord geht der Projektleiter für den sieben Millionen Euro teuren Ausbau der Operationssäle. Als Reinhardt einen Vertrag als künftiger Chefarzt für Orthopädie beim Bergmann-Klinikum unterschreibt und Hücker ebenfalls beim Konkurrenten unterkommt, platzt den Oberlinern die Hutschnur. Von Vertrauensbruch ist die Rede. Als bekannt wird, dass der Chefarzt in der Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Villa sogar an einer Veranstaltung teilgenommen hatte, zu der etliche Oberlin-Mitarbeiter geladen waren, schmeißt Oberlin den Spitzenmediziner, dessen Vertrag zu dem Zeitpunkt noch läuft, vorzeitig raus. Vom Versuch „gezielter Abwerbung“ weiterer Mitarbeiter spricht der Oberlin-Vorstand.

Und nicht nur das: Nach all den Querelen der vergangenen Monate flattern in den vergangenen Wochen Kaufabsichtserklärungen für einzelne Oberlin-Tochterfirmen in die Büros der Vorstände. Sie kommen von einer Geschäftsführerin sowie dem Mann einer weiteren. Also genau den Personen, mit denen sich die Konzernleitung überworfen hatte. An Zufall glaubt bei Oberlin nun niemand mehr. Der Oberlin-Vorstand spricht heute offen von einer Kampagne gegen sein Haus, von „systematischem Schlechtreden“ und Vertrauensbruch, von Bemühungen, den Sozialkonzern zu „filetieren“, wie sich Vorstand Matthias Fichtmüller ausdrückt. Insbesondere Bergmann-Geschäftsführer Grebner wolle das Haus destabilisieren, so Fichtmüller.

Die Vorteile einer Übernahme

Was hätte das stadteigene Krankenhaus von einer Übernahme? Eine Menge. Denn orthopädische Leistungen bietet das Potsdamer Mutterhaus derzeit nur in geringem Umfang an. Würde es sich die exzellente Oberlin-Orthopädie einverleiben, wäre Bergmann ein Coup gelungen. Auf der Suche nach neuen Übernahmekandidaten befindet sich das städtische Klinikum schon länger. 2014 gliederte Bergmann das Klinikum Forst (Spree-Neiße) in seinen Verbund ein, 2013 Bad Belzigs Klinikum.

Niemand in der Szene zweifelt am Hunger der Potsdamer: „Wir beobachten die Sache sehr genau, weil das Ernst-von-Bergmann-Klinikum offensiv unterwegs ist“, sagt Martin Matz, Vorstandsmitglied bei der Diakonie Berlin-Brandenburg – zu seinem Verbund gehört Oberlin. Das Gesundheitsministerium – zuständig für den Krankenhausplan des Landes, der etwa Bettenkapazitäten festschreibt – sagt: „Die Krankenhausplanung des Landes hat dem Klinikum Ernst von Bergmann und der Oberlin-Klinik bereits im Jahre 2013 eine enge Kooperation auferlegt“. Wie das nach dem jüngsten Eklat gehen soll, wissen nicht einmal die Götter in Weiß.

Von Ulrich Wangemann

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