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Geschichten aus dem Potsdamer „Pickel“

Maz zu Hause in ...Jägervorstadt Geschichten aus dem Potsdamer „Pickel“

Das frühere Tanzlokal auf den Weinbergterrassen ist längst Geschichte. Geblieben ist der Ruf des „Pickel“ als Amüsiertempel. Viele Potsdamer erinnern sich noch an das Lokal – und können nun auf eine Sanierung des Geländes hoffen.

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Blick auf das verwahrloste Areal der „Weinbergterrassen“.

Quelle: Foto: Bernd Gartenschläger

Jägervorstadt. Die Prärieauster war in den 60er-Jahren der Renner an der Bar. Eigelb, Tomatenmark, Pfeffer, Salz. „Das wurde gerne genommen, wenn man schon zu viel getrunken hatte“, erinnert sich Ilse Ilsemann. Auch einen California könnte die 78-Jährige heute noch im Schlaf zusammenmixen. Dosenananas in Stücken, damals aus dem „Delikat“, gehören unbedingt in das Getränk. Von 1961 bis 1965 leite die Potsdamerin die Bar in den „Weinbergterrassen“. Bis 1995 hat Ilse Ilsemann noch mit ihrem Mann, dem früheren Gaststättenleiter, über dem ehemaligen Lokal in der Gregor-Mendel-Straße gewohnt, das im Volksmund nur „Pickel“ genannt wurde – als Synonym für die Schulterstücke der vielen Soldaten, die sich dort beim „Ausgang“ aus der Kaserne amüsierten.

„Das Potsdamer Vergnügungskarussell aller Uniformträger“, seien die „Weinbergterrassen“ gewesen, schreibt ein Zeitzeuge im Internet. „Männersüchtige, tanzfreudige junge Mädels aus der ländlichen Umgebung Potsdams“ hätten sich zum „Pickel“ aufgemacht. Auf der Suche nach Liebe, Lust und Leidenschaft. „Der Tanz auf dem Vulkan“, hochoben auf den Terrassen sei das gewesen. Alkohol und Prügeleien inklusive.

Anfangs sei es nicht so wild zugegangen, meint Ilse Ilsemann. Vor allem an die 60er Jahre erinnert sich die gelernte Gastronomin gerne. „Es war eine sehr schöne Zeit. Es hatte Niveau“, sagt die Rentnerin. Der Tanzsaal bot Platz für bis zu 400, die Terrasse für 120 Gäste. Über der Bar befanden sich Logen. In den 70ern und 80ern dominierte dann Discogeschehen. „Wir haben direkt über dem Tanzsaal geschlafen“, sagt Ilse Ilsemann.

Das Schlafzimmer direkt über dem Tanzsaal

Womöglich wummerten die Bässe von Volker Goede bis in ihr Schlafzimmer. Goede, der heute mit seiner Agentur die Berliner Eisbären promotet, legte damals als staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter heiße Scheiben auf. Ob er sich immer an die Vorschrift 60 : 40 – 60 Prozent Ostmusik, 40 Prozent aus dem nichtsozialistischen Ausland – gehalten hat? Die Frage beantwortet sich von selbst:„Auf der Tanzfläche ging es richtig zur Sache“, sagt der 58-Jährige. „Earth, Wind and Fire“ sei ein Renner gewesen. „Je später der Abend, desto exzessiver der Alkoholkonsum, vor allem bei den russischen Streitkräften. Die haben gefeiert bis zum Umfallen. Zwischendurch wurde Kalinka getanzt.“ Die Potsdamer hätten sich anstecken lassen. Die Stimmung sei immer gut gewesen. Besonders wenn wieder ein „Wiesner“ – Apfelsaft mit Korn – die Runde machte. Auch in NVA-Foren tauscht man sich immer noch über die Zeit aus. „Da kennst du in Potsdam sicher auch den Pickel mit der legendären Treppe, die man so herrlich rauf- und runterfallen konnte“, fragt ein Forumsnutzer.

Olaf Carstens kennt die Treppe nur zu gut. Er ist die Stiege heruntergepurzelt, mitsamt seiner Liebsten. Er habe sie gerade in die Arme genommen, dann sei er auf den Stufen ausgeglitten und den Berg auf dem Hosenboden heruntergerutscht. Olaf Carstens hat sich im „Pickel“ ins Glück gestürzt. Vor 40 Jahren lernte er dort seine Frau kennen. „Ich war 19 und Heizungsinstallateurlehrling“, erzählt der 59-Jährige. Der „Pickel“ war für ihn Partyort, wenn er nicht gerade selbst Platten auflegte. Vier Häuser weiter organisierte er mit einem Freund den Jugendclub „Lotte Werkmeister“. „Wir hatten nebenan unsere eigene Disco“. Aber der „Pickel“ habe schon ein besonderes Flair gehabt. „Ringelpiez mit Anfassen“, sagt er lachend.

Ein Investor will Wohnungen auf dem Areal bauen

Mit den wilden Partys ist es schon lange vorbei. 1988 schloss das Lokal. Nach der Wende verfiel das Gelände, auf den Terrassen ist seit vielen Jahren Totentanz. „Uns ist derzeit nicht bekannt, was aus dem Areal werden soll. Es gibt derzeit keine gültige Baugenehmigung und es liegt aktuell auch kein Bauantrag vor“, sagt Stadtsprecher Jan Brunzlow.

Zwischenzeitlich gehörte das Grundstück einem Kleinmachnower Zahnmediziner. Er sei nicht mehr der Eigentümer, sagte er der MAZ. Dem Vernehmen nach hat kürzlich ein Investor das Areal sowie das nebenstehende Grundstück gekauft und will dort Wohnungen errichten. Potsdamer wie Ilse Ilsemann, Volker Goede und Olaf Carstens, die sehr persönliche Erinnerungen mit den „Weinbergterrassen“ verbinden, finden für den Anblick des verkommenden Geländes unisono nur drei Worte: „Es tut weh.“

Geschichte des Hauses

Das Haus in der Gregor-Mendel-Straße stammt im Kern aus dem 18. Jahrhundert. Unter dem Namen „Mühlenberggrotte“ war es etwa seit 1885 eine Ausflugsgaststätte.

Zu DDR-Zeiten gehörte das Lokal der staatlichen Handelsorganisation (HO). 1954 erhielt Heinz Ilsemann den Auftrag, die „Mühlenberggrotte“ zu einer Tanzgaststätte umzugestalten. Pfingsten 1955 wurde sie als „Weinbergterrassen“ eröffnet. Im Volksmund wurde das Lokal wegen der vielen Soldaten unter den Gästen „Pickel“ genannt.

wurden die „Weinbergterrassen“ geschlossen. 2011 ist ein Teil des Komplexes abgerissen worden.

Von Marion Kaufmann

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