Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Tradition und Lebenslust

Gesellen auf Wanderschaft – Teil I Tradition und Lebenslust

Der Tischler Alexander Trapp lebt seit fast drei Jahren als Wandergeselle. In Potsdam bereitet er nun einen jungen Babelsberger Zimmerer auf die Mühsal, Regeln und Tricks der Wanderschaft vor. Wenn Trapp seinen Aspiranten für würdig befindet, macht er ihn zu einem „Rolandsbruder.“

Voriger Artikel
Freiwillig in die Verbannung
Nächster Artikel
Potsdam am Freitag: Das ist heute wichtig

Der Tischler Alexander Trapp ist schon fast drei Jahre auf Wanderschaft In Potsdam holt er als „Exportgeselle“ einen jungen Zimmerergesellen ab.

Quelle: Peter Degener

Innenstadt. Die Menschen auf der Straße drehen sich nach Alexander Trapp um. Mit seinem glänzenden Zylinder und seinem samtenen Frack ist er auch nicht zu übersehen. An seiner Weste und der schwarzen Schlaghose blitzen Biesen, abgesteppte Falten, in kräftigem Blau – der Farbe seiner Gesellenvereinigung. Wie aus der Zeit gefallen wirkt Alexander. Doch er geht nur einer alten Tradition nach. Er ist ein Wandergeselle.

Es gibt nur wenige hundert Wandergesellen auf der Welt verteilt

Vor bald drei Jahren, im Oktober 2012, ist Alexander, der lieber Alex genannt wird, losgegangen. Damals war er 19 Jahre alt und hatte gerade seine Lehre in einer Hamburger Bautischlerei abgeschlossen. Früher eine der Voraussetzungen für die Zulassung zur Meisterprüfung, ist es heute jedem Gesellen freigestellt, ob er sich auf Wanderschaft begibt. Alex zog es hinaus in die Welt: neue Orte, Menschen und Erfahrungen lockten ihn. Hinzu kam der Wunsch, die Traditionen seines Berufsstandes, der Tischler, zu wahren.

Das Wanderbuch – fungiert auf der Wanderschaft als Ausweis

Das Wanderbuch – fungiert auf der Wanderschaft als Ausweis. Bei Ankunft in einer neuen Stadt holt sich der Wandergeselle das Stadtsiegel sowie Stempel von Handwerkskammern und Gewerkschaften ab. Arbeitszeugnisse werden hier handschriftlich eingetragen

Quelle: Peter Degener

Sogenannte Schächte, Vereinigungen von Handwerkern, die auf Wanderschaft sind oder waren, gibt es deutschlandweit sieben, erzählt Alex, fünf alte (die zum Teil deutlich länger als 100 Jahre existieren) und zwei jüngere. „Die sind alle relativ ähnlich“, verrät Alex, „aber intern unterschiedlich“. Was genau sie unterscheidet, kann und will er nicht sagen. Was „intern“ ist, bleibt „intern“. Er selbst wurde vom Rolandsschacht aufgenommen, ist also als „Rolandsbruder“ unterwegs. Wandernde Gesellen kommen aus verschiedenen Gewerken, zumeist aus dem Bauhandwerk. Von den über 100 000 Jugendlichen, die jährlich die Gesellenprüfung ablegen, entscheiden sich allerdings nur einige Hundert zur Wanderschaft.

Die Ehrbarkeit – erhält ein Wandergeselle erst, wenn er in einen Schacht aufgenommen ist

Die Ehrbarkeit – erhält ein Wandergeselle erst, wenn er in einen Schacht aufgenommen ist. Es ist ein Band mit Zunftzeichen.

Quelle: Peter Degener

Rolandsbrüder dürfen mindestens drei Jahre nicht näher als 60 Kilometer an ihren Heimatort herankommen. Sie gehen mit fünf Euro in der Tasche los, und kehren mit fünf Euro wieder zurück. „Wir wollen uns erfahrungsmäßig bereichern“, erklärt Alex, „nicht finanziell“. Was sie besitzen, tragen Wandergesellen bei sich: eine gute Kluft und eine zum Arbeiten, Schlafsack, Zahnbürste, andere Dinge des täglichen Bedarfs. „Unsere Kluft ist quasi unser Wohnzimmer“, scherzt Alex. Bevor es losgeht, heißt es: Auto verkaufen, Miet- und Mobilfunkverträge kündigen, Konto auflösen, kurzum: alle laufenden Kosten hinter sich lassen.

„Wir sind darauf angewiesen, Menschen kennenzulernen, uns in anderen Städten zurecht- und Arbeit zu finden“, erläutert Alex den Sinn dieser Regeln. Als Fremdgeschriebene, Fremde oder Wandergesellen bezeichnen sich die Rolandsbrüder selbst. Sie befinden sich auch nicht „auf der Walz“, wie landläufig angenommen, sondern auf Wanderschaft oder Tippelei.

Nur was man auch tragen kann, kommt mit auf die Reise

Von Hamburg aus führte ihn sein Weg in die Pfalz und die Schweiz, nach Belgien und sogar auf die Balearen, erinnert sich Alex. „Wir sind bis Barcelona getrampt und haben uns dann das Geld für die Fähre erarbeitet.“ Andere sind bis nach Südostasien, Australien und in die USA gekommen. Aber um andere Kontinente zu erreichen, muss man fliegen. „Das war mir zu teuer“, bekennt Alex. Seine Reiseroute ist im Wanderbuch dokumentiert: Stempel aus unzähligen Städten, handgeschriebene Arbeitszeugnisse verschiedener Betriebe.

Der erfahrene Alexander Trapp (l) holt als „Exportgeselle“ den Aspiranten Jonathan Wertmann aus Potsdam zur Wanderschaft ab

Der erfahrene Alexander Trapp (l.) holt als „Exportgeselle“ den Aspiranten Jonathan Wertmann aus Potsdam zur Wanderschaft ab.

Quelle: Peter Degener

Darüber, wo er am Abend schläft, macht sich Alex keine Sorgen. Manchmal stellen Arbeitgeber ein Bett oder man kommt privat unter. „Im Sommer gibt es sowieso nichts Besseres, als draußen zu schlafen“, meint Alex. Wer aber bei Regen oder im Winter keinen Schlafplatz findet, hat ein Problem. „Dann schläft man auch mal in der Tiefgarage oder im Sparkassenvorraum. Aber eigentlich hat sich immer irgendwas ergeben.“ In einigen Städten gibt es zudem sogenannte Buden – Gaststätten, in denen sich Wandergesellen treffen, um Informationen auszutauschen: Kontakte, Adressen, Tipps für die Reise.

Sein Wanderbuch dokumentiert eine Reise durch ganz Europa

Nach Dresden will Alex, wenn seine Wanderzeit im Oktober endet, er wieder „Einheimischer“ wird: „Da war alles toll: Menschen, Stadt und Arbeit.“ Bis dahin kümmert er sich um Jonathan. Der Potsdamer hat alles noch vor sich.

>>Teil II: Hier lesen sie die Geschichte von „Aspirant“ Jonathan Wertmann.

Regeln und Symbole der Wandergesellen

Drei Jahre und einen Tag müssen Gesellen unterwegs sein, wenn sie sich für die Wanderschaft entscheiden. In dieser Zeit dürfen sie nicht in die Nähe ihres Heimatortes kommen.

Der Bannkreis der Rolandsbrüder, zu denen Alexander Trapp gehört, beträgt 60 Kilometer.

Alles, was Wandergesellen mitnehmen dürfen, müssen sie tragen können. Hohe Geldbeträge, Kreditkarten und Mobiltelefone sind nicht erlaubt.

Die „Kluft“ der Wandergesellen besteht aus Hut, weißer Staude (kragenloses Hemd), einer Weste mit 8 Knöpfen (für einen 8-Stunden-Arbeitstag), einem Jacket oder Frack mit 6 Knöpfen (6-Tage-Woche), einer Schlaghose und schwarzen Schuhen.

Einen Ohrring tragen Wandergesellen am linken Ohr – meist eine Creole oder das jeweilige Zunftzeichen. Früher wurde mit dem goldenen Schmuck die Beerdigung auf Wanderschaft verstorbener Gesellen bezahlt.

Von Marcel Kirf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg