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Freiwillig in die Verbannung

Gesellen auf Wanderschaft – Teil II Freiwillig in die Verbannung

Der Zimmerer Jonathan Wertmann aus Potsdam hat den Gesellenbrief in der Tasche. Er sucht das Weite und will Wandergeselle werden. Dann darf er sich über drei Jahre lang nicht seinem Heimatort nähern. Jetzt wird er von einem Hamburger Tischler aus Potsdam abgeholt, der ihn vorbereitet und entscheidet, ob er die „Ehrbarkeit“ des Wandergesellen verdient.

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Der Zimmerer Jonathan Wertmann aus Potsdam will Wandergeselle werden. Ein erfahrener Kollege holt ihn aus Potsdam ab und bereitet ihn auf die Reise vor.

Quelle: Peter Degener

Potsdam. Früher hat sich der Potsdamer Zimmerer Jonathan Wertmann selbst nach Wandergesellen in traditioneller Kluft umgeschaut. Damit machte er sich zum „Kuhkopp“, wie die Neugierigen scherzhaft von den Handwerkern auf Wanderschaft genannt werden. In wenigen Tagen wird der 21-jährige Babelsberger selbst als Wanderer seine Heimat verlassen und über drei Jahre lang einen Mindestabstand von 60 Kilometer halten müssen. „Ich möchte meine Freiheit genießen, aber ich freue mich auch auf das schlichtere Leben, das damit verbunden ist. Die Wanderschaft ist zwar mühselig, aber auch ruhiger, als das übliche Leben“, sagt Jonathan.

Der Zimmerer will „Rolandsbruder“ werden

Bei seiner Ausbildung zum Zimmermann in Bremen ging es fast nur um Neubauten. Doch stieß er dort auf die Rolandsbrüder, die seit über 120 Jahren die Tradition der Wanderschaft aufrecht erhalten. Mit neuem Bewusstsein für seinen Beruf wechselte er an einen Familienbetrieb in Celle, der alte Fachwerkhäuser sanierte. „Es geht mir um schöne Arbeit und nicht um Akkord“, beschreibt er sein Handwerk. Auch Alexander Trapp lernte er bei den Rolandsbrüdern kennen. Mit dem Gesellenbrief in der Tasche bat er den erfahrenen Kollegen, sein Exportgeselle zu werden.

Stenz und Charlottenburger – Den von einer Schlingpflanze umwundenen Wanderstab sucht sich jeder Geselle selbst in der Natur

Stenz und Charlottenburger – Den von einer Schlingpflanze umwundenen Wanderstab sucht sich jeder Geselle selbst in der Natur. Ihr Hab und Gut tragen Wandergesellen in mehreren bedruckten Tüchern bei sich, die Charlottenburger (auch Charlie oder Berliner) genannt werden.

Quelle: Claudia Jonov

„Der Exportgeselle bringt einen auf die Wanderschaft. Er verbürgt sich dafür dass ich ein Mensch bin, der für die Rolandsbrüder tragbar ist. Zu ihren Werten gehören Ruhe, Wissbegier, Toleranz und Offenheit gegenüber Neuem. Für mich ist das eigentlich ganz normales gesellschaftliches Verhalten, gerade als Reisender. Da kann man sich als Mensch nicht verschließen“, sagt Jonathan.

Der Ohrring der Gesellen wird nicht gestochen, sondern genagelt

Einen Schlafsack, mehrere Hemden und Unterwäsche, eine Kluft zum Wandern und eine zum Arbeiten, vor allem aber seinen Hammer will er mitnehmen. Seinen Wanderstock, den Stenz, hat er in einem Moor bei Celle gefunden. Als Kopfbedeckung hat er eine Melone gewählt. Noch ist seine Kluft aber nicht vollständig. Der charakteristische Ohrring und die „Ehrbarkeit“ fehlen ihm noch. Beides will er sich in zwei besonderen Zeremonien verdienen.

Das Koppelschloss – trägt der Wandergeselle am Gürtel

Das Koppelschloss – trägt der Wandergeselle am Gürtel. Jonathan hat sich für die sächsische Variante der Zimmererzunft entschieden.

Quelle: Peter Degener

Beim Abschied im Kreis von Familie, Freunden und anderen Gesellen Anfang September muss er zeigen, wie ernst er es mit der Tradition meint. „Das Ohrloch wird nicht gestochen, sondern genagelt, beispielsweise auf einen Holzklotz oder Türrahmen“, sagt er. Um wieder befreit zu werden, muss er den anwesenden Gesellen als „Nagelauslöse“ einige Versprechen geben und damit zeigen, was es ihm Wert ist auf Wanderschaft zu gehen. Das können selbstbedruckte Tragetücher, die sogenannten Charlottenburger, oder auch regelmäßige Päckchen mit warmen Socken sein.

Das „Ehrbarkeit“ genannte Kragenband muss man sich verdienen

Am Morgen danach will er gemeinsam mit Alexander Trapp bei Caputh die Stadtgrenze übertreten. Aus dem Bannkreis heraus müssen die beiden laufen, später dürfen sie auch trampen. Mehrere Monate muss Jonathan sich anschließend beweisen, um tatsächlich in die Gemeinschaft der Rolandsbrüder aufgenommen zu werden.

Der erfahrene Alexander Trapp (l) holt als „Exportgeselle“ den Aspiranten Jonathan Wertmann aus Potsdam zur Wanderschaft ab

Der erfahrene Alexander Trapp (l.) holt als „Exportgeselle“ den Aspiranten Jonathan Wertmann aus Potsdam zur Wanderschaft ab.

Quelle: Peter Degener

Über dieses Ritual, die „Erwanderung“, rätselt er selbst. „Alex darf mir nicht sagen, wie das abläuft. Ich weiß nur, dass ehemalige Gereiste zusammen kommen und mich in den Handwerkssaal holen. Das ist der Ort, wo sich die Gesellschaft trifft“, erklärt er. Wenn er als Mitglied anerkannt wird, erhält Jonathan an diesem Abend seine „Ehrbarkeit“, das krawattenähnliche Band mit dem Zunftzeichen seines Handwerks, und sein Wanderbuch, wo die Arbeitsstellen auf der Reise dokumentiert werden.

Mit Kenntnis von fünf Sprachen steht ihm die Welt offen

Dass er seine Familie jahrelang höchstens außerhalb des Bannkreises treffen kann, stört ihn kaum. „Es ist zwar ein Einschnitt, aber in meiner Ausbildung war ich auch nicht zu Hause. Ein Gedanke, der in meinem Kopf herumspukt ist natürlich, dass ich vielleicht zurückkomme und meine Urgroßmutter nicht mehr da ist“, sagt er vor dem Abschied. Eine Freundin lässt er nicht zurück. Wann er heimkehren wird, weiß er nicht. Er spricht fünf Sprachen und die Welt steht dem Zimmermann offen:„Nach Osteuropa und Südamerika soll es gehen!“

>>Teil I: Hier lesen Sie die Geschichte von „Exportgeselle“ Alexander Trapp.

Regeln und Symbole der Wandergesellen

Drei Jahre und einen Tag müssen Gesellen unterwegs sein, wenn sie sich für die Wanderschaft entscheiden. In dieser Zeit dürfen sie nicht in die Nähe ihres Heimatortes kommen.

Der Bannkreis der Rolandsbrüder, zu denen Alexander Trapp gehört, beträgt 60 Kilometer.

Alles, was Wandergesellen mitnehmen dürfen, müssen sie tragen können. Hohe Geldbeträge, Kreditkarten und Mobiltelefone sind nicht erlaubt.

Die „Kluft“ der Wandergesellen besteht aus Hut, weißer Staude (kragenloses Hemd), einer Weste mit 8 Knöpfen (für einen 8-Stunden-Arbeitstag), einem Jacket oder Frack mit 6 Knöpfen (6-Tage-Woche), einer Schlaghose und schwarzen Schuhen.

Einen Ohrring tragen Wandergesellen am linken Ohr – meist eine Creole oder das jeweilige Zunftzeichen. Früher wurde mit dem goldenen Schmuck die Beerdigung auf Wanderschaft verstorbener Gesellen bezahlt.

Von Peter Degener

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