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Potsdam 60 Potsdamer Gesundheitsbuddys turnen mit hochbetagten Menschen
Lokales Potsdam 60 Potsdamer Gesundheitsbuddys turnen mit hochbetagten Menschen
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08:39 30.08.2018
Gesundheitsbuddy im Einsatz: Trainerin Loni Carl (69), Ingrid Löffler (93) und Gisela Wittstock (80, v.r.). Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Ganz langsam öffnet Ingrid Löffler ihre Handfläche. Ihr Blick ist konzentriert, das Gesicht angespannt. Die vermeintlich kleine Bewegung ist anstrengend für die 92-Jährige. Wieder und wieder nimmt sie den kleinen stacheligen Igelball fest in die Hand, lockert den Griff, packt zu. „Sehr gut, jetzt lockerlassen“, sagt Loni Carl. Und endlich kann sich Ingrid Löffler entspannen, endlich kann sie lächeln. Gisela Wittstock sitzt neben ihr, auch sie lässt den Ball nun einfach in der Hand kreisen. „Das ist schon anstrengend“, sagt sie. „Aber wir sind ja auch nicht nur zum Spaß hier.“

Ehrenamtler turnen mit Hochbetagten

Loni Carl, 69 Jahre alt, sportlicher Kurzhaarschnitt und praktische Steppweste, ist ein ganz offiziell zertifizierter Gesundheitsbuddy. Einmal wöchentlich besucht sie Ingrid Löffler und Gisela Wittstock in einer Babelsberger Seniorenresidenz und macht Sport mit ihnen. Dehnen, Muskulaturtraining und ganz vorsichtige Laufübungen stehen auf dem Programm, wenn Loni Carl anrückt. Als Gesundheitsbuddy ist es ihre Aufgabe, ehrenamtlich mit hochbetagten Menschen zu arbeiten, ihnen wieder mehr Freude an Bewegung zu bringen. Igelball, Theraband und Co. sind ihre Accessoires beim Seniorensport.

Schickes Altern – ein besonderes Projektbüro

Das Projektbüro „Schickes Altern“ hat seinen Sitz in der Potsdamer Charlottenstraße. Hier dreht sich alles um das Leben jenseits des 60. Geburtstag.

So können sich Senioren hier über Ehrenämter wie die Gesundheitsbuddys informieren und fortbilden.

Zudem gibt es Beratung zu Mini-Selbständigkeit im Alter, Sprachkurse, gemeinsame Projekte und Ausstellungen.

Das Büro ist international bestens vernetzt, es gehört dem Netzwerk „Selbstbewusst altern in Europa an“ und bietet Erasmus-Projekte an.

Senioren können hier den Umgang mit Smartphone, Tablet und Co. erlernen und sich am Laptop mit der aktuellen Technik vertraut machen lassen.

Am ersten Donnerstag jedes Monats findet um 16 Uhr der „Nette-Leute-Kennenlern-Club“ statt, der allen Interessierten offen steht.

Die Schickes-Altern-Senioren verreisen auch mal gemeinsam. Zuletzt führte ein Ausflug sie in die Hamburger Elbphilharmonie, im September geht es für die Gruppe zur Internationalen Hutmesse in Neuburg an der Donau.

Gisela Gehrmann bildet die Gesundheitsbuddys aus. Die studierte Gerontologin leitet das Projektbüro „Schickes Altern“ in der Potsdamer Charlottenstraße. „Die Idee hinter den Gesundheitsbuddys ist, dass junge Alte sich für hochbetagte Menschen engagieren“, sagt sie. Junge Alte, das sind für Gisela Gehrmann vor allem die Menschen zwischen 60 und 80 Jahren. „Aber das Altern verläuft derart individuell, dass man das kaum an Zahlen festmachen kann“, sagt die Gerontologin.

Am Anfang jeder Stunde steht eine langsame Erwärmung. Quelle: Bernd Gartenschläger

„Es gibt 60-Jährige, die älter wirken als manche 85-Jährige.“ Lieber als eine Aufteilung nach dem Geburtsjahrgang ist ihr deshalb die nach Aktivität. „Junge Alte stehen voll im Leben, hochbetagte Menschen brauchen im Alltag mehr Hilfe“, sagt Gisela Gehrmann.

Auf den Rollator angewiesen

So, wie Gisela Wittstock und Ingrid Löffler. Sie leben beide in eigenen Wohnungen im Babelsberger Pflegewohnstift und versorgen sich selbst. Aber beide sind auch auf einen Rollator angewiesen, haben Schwierigkeiten mit dem Laufen. „Ich zähle nicht, was alles weh tut“, sagt die 93-jährige Ingrid Löffler, „es ist eine Menge.“ Ihr Leben lang war die Seniorin sehr sportlich, hat Gymnastik gemacht und Tischtennis gespielt. An ihrer geraden Haltung, der Körperspannung trotz ihres Alters, sieht man das auch. Als Loni Carl mit ihrem Gesundheitsbuddy-Angebot vorbeikam, war sie sofort dabei. Ingrid Löffler trägt Leggins, ihre orthopädischen Schuhe zieht sie sofort aus, als es losgeht. Sie landen unter ihrer „Kutsche“, wie Ingrid Löffler ihre Gehhilfe scherzhaft nennt. „Danach tut es dann erstmal noch mehr weh als vorher“, sagt sie, „aber ich merke, wie gut es mir tut.“ Gisela Wittstock ist erst seit wenigen Wochen dabei. „Ich finde besonders schön, dass ich einige Übungen auch abends im Wohnzimmer machen kann“, sagt sie, „und ich genieße den Austausch untereinander, wir lachen viel zusammen.“

„Wir vollbringen hier keine Wunder“, sagt Loni Carl, „aber wir begegnen der Angst, nicht mehr eigenständig sein zu können.“ 40 Stunden hat die Weiterbildung gedauert, in der sie alles über die Zusammenhänge im menschlichen Körper und die Besonderheiten des Alters gelernt hat: Ernährung, Bewegung, Schlafrhythmus. Seit 2015 wurden insgesamt 60 Gesundheitsbuddys ausgebildet. „Man kann nicht alles den Pflegediensten überlassen“, erklärt die Altersspezialistin Gisela Gehrmann.

„Bewegung bringt Lebensqualität“

Lieber mobilisiert sie die jungen Alten, etwas zu tun, was ihnen Spaß macht und dabei noch gesellschaftliches Engagement zu zeigen. „Das große Interesse an der Qualifikation zeigt, dass diese Generation etwas Sinnvolles machen möchte, was aber gleichzeitig frisch und flott ist“, sagt Gehrmann. „Der Fernseher allein macht einen nicht glücklich“, sagt Loni Carl – das gilt für Anbieter und Nutzer im Gesundheitsbuddy-Programm gleichermaßen. „Bewegung bringt Lebensqualität, das merken wir immer wieder.“

Loni Carl und ihre betagten Schützlinge sind am Ende ihrer Sportstunde angekommen, es erwartet sie nun noch eine echte Mutprobe. Ganz langsam steht Ingrid Löffler auf, legt ihre Hände in die ihres Gesundheitsbuddys und lässt sich durch den Raum führen. Einen Fuß vor den anderen, um den Stuhl herum. Es sind nur wenige Meter, aber es sind eben wenige Meter für eine 93 Jahre alte Frau, die sie ohne den Rollator zurücklegt. „Es geht für uns einfach darum, uns lebendig zu fühlen“, sagt Gisela Wittstock, bevor auch sie Loni Carl ihre Hände reicht und vorsichtig aufsteht. Jetzt ist sie dran.

Von Saskia Kirf

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