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Gift im Baby-Brei: Verzweifelte Retter am Tatort

Zweiter Verhandlungstag am Landgericht Potsdam Gift im Baby-Brei: Verzweifelte Retter am Tatort

Am Landgericht Potsdam haben am zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen den Mann, der seinen anderthalbjährigen Ziehsohn vergiftet haben soll, Sanitäter, Polizisten und der Notarzt ausgesagt. Demnach haben nicht nur sie versucht, das Leben des Jungen zu retten. Auch der Angeklagte soll sich bemüht haben, das Kind zu reanimieren. Doch Ricardo H. schweigt.

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Der Angeklagte sitzt in Untersuchungshaft.

Quelle: dpa

Schlaatz. Die Schreie der Frau gellten weithin durch den Sperberhorst. Gellten durch die Nacht, die sich schon über den Schlaatz gelegt hatte. Drangen durch die geschlossenen Fenster des Wagens, der die Rettung bringen sollte und der nun nicht an den parkenden Autos vorbei kam. „Das waren sich einbrennende, hysterische Schreie“, sagt einer der Notfallsanitäter, die am 29. März 2014 zu einer jungen Mutter in den Schlaatz eilten, weil ihr kleiner Sohn nicht mehr atmete. „Es war die blanke Panik“, sagt ein anderer. „Die Frau stand vor dem Haus und schrie. Es war Angst.“ Die Männer wissen in diesem Augenblick, dass es um Leben und Tod geht. Sie greifen ihre Ausrüstung, rennen die letzten vierzig, fünfzig Meter und stürzen die Treppen hinauf. Doch all ihre Mühen sind vergebens.

Zunächst deutete nichts auf eine unnatürliche Todesursache hin

„Plötzlicher Kindstod“ steht am Ende dieser Nacht in den Protokollen. Egal, ob Sanitäter, Notarzt oder Polizist – dass sie nun alle am Landgericht als Zeugen in einem Mordprozess aussagen, hat sie zunächst verwundert. Denn folgt man den Eindrücken von damals und selbst den Aussagen von heute, deutet zunächst nichts auf eine unnatürliche Todesursache hin. Demnach gab es keine Verletzungen, das Kinderzimmer war in einem gutem Zustand, der Anderthalbjährige regelmäßig beim Arzt, die Mutter und der Stiefvater trauerten gemeinsam mit dem Kindsvater und dessen Freundin. Erst ein halbes Jahr später enthüllte das toxikologische Gutachten, wie es beim Tod eines Kindes routinemäßig eingeholt wird, dass bei diesem Fall etwas nicht stimmt: Im Körper des kleinen Jungen fanden sich starke Schmerz- und Schlafmittel – ein Mix aus den Medikamenten, die dem Stiefvater verschrieben worden waren. Ein Unfall, beteuert dieser, seit der Verdacht auf ihn fiel. Mord, sagt der Staatsanwalt, der den Leichnam des Kindes im Laufe der Ermittlungen exhumieren ließ. Die Untersuchung der Haare zeigte, dass das Kind über einen längeren Zeitraum hinweg die Medikamente bekam: Ricardo H. habe den Sohn seiner damaligen Partnerin ruhig stellen wollen, weil er selbst seine Ruhe haben wollte. Am 29. März jedoch habe er ihn heimtückisch ermordet.

Tag 2 im Prozess gegen den 37-Jährigen wirft vor allem ein Licht auf die Retter. Ihnen allen ist anzumerken, wie nah ihnen der Kampf um das Leben des kleinen Jungen gegangen ist. Ein Beamter des Kriminaldauerdienstes berichtet, dass er darum bat, am Tatort mit „nebensächlichen Sachen“ erledigen zu dürfen, weil er ein Kind im gleichen Alter hat. Einer Streifenpolizistin geht ein Bild nicht aus dem Kopf: „Der Junge lag vor seinem Bett unter einer kuschligen Babydecke, nur der eine Fuß schaute raus.“ Ein Sanitäter berichtet, wie er mit dem Notarzt beinahe eine Stunde lang versuchte, das Kind wiederzubeleben: „Egal, was wir probiert haben, das kleine Herz ist nicht ein einziges Mal angesprungen – nicht einmal der Versuch war da.“

„Alles andere als ein idealtypischer Mensch“

Der Angeklagte, der vor Eintreffen der Retter ebenfalls versucht haben soll, den Jungen zu reanimieren, schweigt derweil. Er wolle sich zu diesem Zeitpunkt des Verfahrens weder zu den Vorwürfen noch zu seiner Person äußern, sagt Verteidiger Christoph Balke: „Ich habe lange mit ihm gerungen.“ Sein Mandant befürchte aber, dass ihm niemand glauben würde. „Der Angeklagte ist alles andere als ein idealtypischer Mensch“, so Balke. Ricardo H. sei trockener Alkoholiker, medikamentenabhängig und vorbestraft „und möglicherweise neigt er auch zum Lügen“. Er sei eine Person, die relativ schnell als Täter in Betracht kommen könnte. „Hier setzt meine Tätigkeit an“, sagt Balke und dem Gericht zugewandt: „Sie haben einen sehr dramatischen Fall zu verhandeln.“ Die Maxime seiner Verteidigung sei der Zweifel, „ob der Angeklagte dieses fürchterliche Verbrechen begangen hat“. Balke kündigte an, dass er immer wieder den Zweifel zu Gehör bringen werde: „Auch wenn sich im Saal Gewissheit breit macht.“ Nur ein sehr kleiner Täterkreis komme in Betracht. „Ist es eine Tat der Mutter? Eine gemeinsame Tat der Mutter und das Angeklagten? Oder ist es fahrlässige Tötung?“

Die Mutter des Kindes blieb dem Prozess, in dem sie Nebenklägerin ist, bislang fern. Für den 2. November ist sie als Zeugin geladen.

Die Besetzung der 1. Großen Strafkammer bleibt bestehen

Mit einem Antrag bei Prozessauftakt hatte der Verteidiger die Besetzung der Strafkammer als vorschriftswidrig gerügt. Eine zunächst benannte Schöffin hatte sich entpflichten lassen. Sie sei an zehn von zwölf Terminen aus beruflichen Gründen verhindert. Das zweifelte der Anwalt an und lehnte den Nachrücker ab.

Das Gericht befand nun, dass die Kammer ordnungsgemäß besetzt ist. Die Schöffin habe eine Vertrauens- und Schlüsselstellung inne und sei für den Arbeitgeber unabkömmlich. Die Entpflichtung sei rechtens. nf

 

 

Von Nadine Fabian

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