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Potsdam Gift im Brei: Vom Ziehvater zum Mörder?
Lokales Potsdam Gift im Brei: Vom Ziehvater zum Mörder?
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18:30 10.10.2017
Der Angeklagte – hier mit Verteidiger Christoph Balke (l.) – sitzt in Untersuchungshaft und erschien in Handschellen vor Gericht. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Er wollte, dass für immer Ruhe ist. Er wollte töten. So sieht es Staatsanwalt Peter Petersen, der den in Untersuchungshaft sitzenden Ricardo H. wegen Mordes an seinem Ziehsohn angeklagt hat. Am Dienstag hat am Landgericht Potsdam der Prozess gegen den 37-Jährigen begonnen.

Petersen geht davon aus, dass H. am 29. März 2014 mit Heimtücke handelte und dem anderthalbjährigen Kind seiner damaligen Lebensgefährtin einen Medikamentencocktail verabreichte – gemixt aus drei starken Schmerz- und Schlafmitteln, eingerührt in süßen Tee und in Babybrei, um den bitteren Geschmack zu übertünchen.

Zweieinhalb Jahre bis zum Haftbefehl

Das Kind starb noch zu Hause in der Wohnung im Sperberhorst im Schlaatz. Laut Gerichtssprecher Sascha Beck sei der Angeklagte selbst in das Zimmer gegangen und habe festgestellt, dass es nicht mehr atmete. Der Notarzt konnte nur noch den Tod des Jungen feststellen. Weil aber H. erklärte, das Kind habe die Medikamente gefunden und verschluckt, gingen die Ermittler zwar zunächst von einen Unfall aus. Doch schnell hegte die Staatsanwaltschaft den Verdacht, dass der Angeklagte das Kind getötet hat. „Der Haftbefehl wurde aber zunächst abgelehnt, weil die Beweislage nicht ausreichend war“, so Beck. Die Staatsanwaltschaft blieb hartnäckig, ermittelte weiter und ließ auch den Leichnam des kleinen Jungen exhumieren und untersuchen. „Erst im September 2016 war die Beweislage auch nach Ansicht der Gerichte so stark, dass Haftbefehl erlassen wurde“, so Beck. Weil der Angeklagte damals aber über mehrere Wochen unauffindbar war, verzögerte sich der Fall erneut.

Als Frühchen geboren, soll der kleine Junge oft gekränkelt und Probleme mit dem Einschlafen gehabt haben. Er weinte, schrie und quengelte vor allem in den Abendstunden. Der Angeklagte, der nach Ansicht der Staatsanwaltschaft seine Ruhe haben wollte, habe dem Kind daher bereits „über einen längeren Zeitraum“ Medikamente verabreicht – darunter auch ein Morphin, das ihm selbst verschrieben worden war. Am Tattag habe er dann einen Mix aus drei verschiedenen Präparaten zubereitet. „Er wusste, dass die Mittel für Kleinkinder gänzlich ungeeignet sind und tödliche Folgen haben“, sagt Staatsanwalt Petersen: „Der Angeklagte handelte heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen.“

Über den Tathergang schweigt der Angeklagte

Der gebürtige Neuruppiner sitzt nach einem längeren Aufenthalt in der JVA in Brandenburg an der Havel inzwischen in Wulkow (Ostprignitz-Ruppin) ein. Ob er sich vor Gericht äußert, ist noch unklar. Im Vorfeld des Prozesses hatte er laut Gerichtssprecher Beck lediglich Angaben zu den Medikamenten gemacht: „Aber er hat nicht den Tathergang eingestanden.“ Er sei im Zuge der Ermittlungen bei der Behauptung geblieben, dass er nicht wisse, wie das Kind an die Medikamente gekommen sein könnte.

Der Angeklagte hat das Recht, umfassend Stellung zu beziehen und sich zu verteidigen. Er hat aber auch das Recht zu schweigen – das Gericht darf daraus keine Schlüsse zu seinem Nachteil ziehen. Doch noch bevor Ricardo H. am Dienstag überhaupt signalisieren konnte, ob er sich zur Tat oder zu seiner Person einlassen wird, fand die Verhandlung auch schon ein jähes Ende. Der Grund: Verteidiger Christoph Balke rügt die Besetzung der Strafkammer als vorschriftswidrig.

Auch die Mutter des Kindes soll vor Gericht aussagen

Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter unterbrach die Verhandlung daraufhin. Sie wird am Donnerstag, 19. Oktober, fortgesetzt. Dann wird auch die Mutter des Kindes, die als Nebenklägerin auftritt und zudem als Zeugin aussagen soll, erwartet. Der psychiatrische Sachverständige Alexander Böhle begleitet den Prozess, für den bis Mitte Dezember zwölf Verhandlungstage angesetzt sind.

Richter Theodor Horstkötter leitete 2016 auch die Verhandlung gegen Silvio S., den Mörder der Jungen Elias und Mohamed; Staatsanwalt Peter Petersen war damals der Anklage führende Staatsanwalt.

Die Rüge der Verteidigung

Die 1. große Strafkammer ist mit drei Berufsrichtern und zwei Schöffen besetzt. Weil eine ursprünglich vorgesehene Schöffin angab, aus beruflichen Gründen an dem Prozess nicht regelmäßig teilnehmen zu können, benannte das Gericht einen Vertreter.

Den Nachrücker lehnt die Verteidigung ab und meint, das Gericht hätte die Schöffin gar nicht erst entbinden dürfen. Die von ihr benannten Gründe – zu erwartende Ausfalltage – würden nicht ausreichen. „Bloße Erschwernisse genügen nicht“, so Anwalt Christoph Balke. Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Frau Termine weder aufschieben noch einen Vertreter finden könne. nf

Von Nadine Fabian

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