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Potsdam Giftbrei-Prozess: Die Lüge vom verlorenen Sohn
Lokales Potsdam Giftbrei-Prozess: Die Lüge vom verlorenen Sohn
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07:05 07.11.2017
Ricardo H. (37) soll den Sohn seiner ehemaligen Lebensgefährtin ermordet haben. Quelle: Bernd Gartenschläger
Schlaatz

Wenn ein Kind stirbt, heißt es, sterben die Eltern innerlich mit. Friederike K. hat ihren Sohn verloren. Sie hat sich Hilfe geholt, um damit umzugehen, um weiterzugehen. „Sie ist sehr stark“, sagt ihr Vater Frank K. (56). „Es ist sehr schön, dass sie für sich weiterleben kann.“

Frank K. beschreibt seinen Enkel als properes, aber anfälliges Kerlchen. Einen Monat zu früh auf die Welt gekommen, versagte die Lunge kurz nach der Geburt, doch die Ärzte konnten das Kind retten. Dass Friederike K. den Kleinen anderthalb Jahre später begraben musste, soll die Schuld ihres damaligen Lebensgefährten sein: Ricardo H. (37) soll seinen Ziehsohn im März 2014 in der Wohnung der Freundin im Schlaatz mit Schmerz- und Schlaftabletten vergiftet haben. Er ist wegen Mordes angeklagt.

Einblicke ins Seelenleben des ungeliebten Beinahe-Schwiegersohns

Am vierten Verhandlungstag im Prozess vor dem Landgericht sagen die Eltern von Friederike K. aus und geben Einblicke ins Seelenleben des Beinahe-Schwiegersohns. „Er war nicht der Umgang, den wir uns für Friederike gewünscht haben“, sagt der Ehemann ihrer Mutter, der 51-jährige Immobilienmakler Reyk S. Dennoch habe man H. in die Familie aufgenommen. Der Tochter zuliebe. „Nun, da wir alle Puzzleteile zusammengefügt haben, ist uns klar, dass es nur einen Täter geben kann. Dass es Herr H. war mit seinen Medikamenten, die er ständig nahm, mit seinem Verhalten, den Lügengeschichten.“

Eine dieser Lügengeschichten ist die vom verlorenen Sohn, und Ricardo H. hat sie nicht nur einmal erzählt. Fakt ist: Der Angeklagte hat einen Sohn im Teenageralter. Er machte seiner Freundin und ihrer Familie aber vor, dass er noch einen zweiten, jüngeren Sohn hatte. Das Kind wäre mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen, operiert und geheilt, dann aber in einer Spielstraße von einem Auto überfahren worden – die Bilder würde er nicht mehr los, der Tod hätte ihn zum Trinker gemacht.

Ein imaginäres Telefongespräch mit der Mutter

Weihnachten 2013. Katrin S. hat ihre beiden Töchter eingeladen. Die jungen Frauen haben sich zurückgezogen und spielen mit ihren Kindern. Katrin und Reyk S. stehen bei Vorbereitungen in der Küche. „Und Herr H. saß im Wohnzimmer auf der Couch und hat – wie wir heute wissen – ein imaginäres Gespräch mit seiner Mutter am Telefon geführt“, berichtet Katrin S. „Hör doch auf zu weinen! Ich weiß, Weihnachten ist immer schwierig...“ Er habe „Mutti“ gesagt, dass sie nicht mehr traurig sein soll wegen des toten Kindes, dass alles gut sei, er habe doch jetzt wieder einen kleinen Jungen. „Er hat so laut gesprochen, dass alle mithören konnten“, sagt Katrin S. Dass alle mithören sollten? „Im Nachhinein könnte man das denken.“

Katrin S. nimmt im Zeugenstand kein Blatt vor den Mund, bleibt aber sachlich. „Ich mochte ihn von Anfang an nicht“, sagt die 55-jährige Krankenschwester. „Ich fand, dass er grundsätzlich nicht der passende Mann für meine Tochter war. Er war mir unangenehm und das habe ich meiner Tochter auch mitgeteilt. Sie hat daraufhin gesagt, dass sie sich verliebt hat und dass er gut zu ihr ist.“ Die Mutter ließ es damit bewenden. „Hätte ich Herrn H. ausgeschlossen, hätte es mir unter Umständen passieren können, dass sich meine Tochter und mein Enkel von mir entfernen“, sagt Katrin S. Das habe sie auf keinen Fall gewollt. Immerhin: Ricardo H. habe sich sehr um den Jungen bemüht. „Aus meiner Sicht sogar zu sehr“, so Katrin S. „Ich hatte Mühe, an meinen Enkel heranzukommen, weil Herr H. ihn ständig in der Mache hatte. Ich musste mir mein Recht auf meinen Enkel regelrecht erkämpfen.“

Am Ende steht er allein am Grab

Nach dem Tod des Kleinen muss Katrin S. um ihre Tochter kämpfen, denn Ricardo H. weicht ihr nicht von der Seite: „Aber nicht, um sie zu trösten, sondern um sich selbst Trost zu abzuholen“, sagt Katrin S. „Er war klebrig, er klammerte, um sich noch tiefer in die Beziehung reinzubringen.“ Das alles sei Friederike K. schnell zu viel geworden. „Sie hat ihre Art zu trauern – er hat sie dabei gestört.“ Bei der Beisetzung steht H. schließlich allein am Grab.

Ob sich ihre Tochter Vorwürfe mache? „Ja“, sagt Katrin S.: „Nicht in der Hinsicht, dass sie selbst etwas verschuldet hat, sondern, dass sie diesen Menschen in ihr Leben gelassen hat. Meine Tochter hat ihr Kind geliebt, es ist nicht vorstellbar, dass sie ihm etwas getan hätte. Niemals, niemals. Ich vermute, Herr H. wollte Friederike für sich – er wollte sie nicht teilen. Er wollte, dass er der Mittelpunkt im Leben meiner Tochter wird. Unendlich.“

Von Nadine Fabian

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