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Giftmord-Prozess: Mutter sagt drei Stunden aus

Landgericht Potsdam Giftmord-Prozess: Mutter sagt drei Stunden aus

„Er hat tief und fest geschlafen“, sagt die Mutter des anderthalbjährigen Jungen, der von seinem Ziehvater mit Medikamenten vergiftet sein soll. Die 30-Jährige ist am dritten Verhandlungstag im Mordprozess am Landgericht Potsdam als Zeugin vernommen worden. Am Anfang der Ermittlungen galt sie selbst als tatverdächtig.

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Der Angeklagte Ricardo H. verbirgt am dritten Verhandlungssaal sein Gesicht, als er Saal 8 des Landgerichts betritt.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Schlaatz. Betül Gülsen ist eine grazile Person, doch an diesem dritten Verhandlungstag in Saal 8 des Potsdamer Landgerichts wird sie zum menschlichen Bollwerk. Die Anwältin schiebt ihren Stuhl zwischen Friederike K. (30) und den Mann, der ihren anderthalbjährigen Sohn im März 2014 mit einem Medikamentencocktail – eingerührt in süßen Babybrei und Tee – vergiftet haben soll, sie hält ihrer Mandantin die Hand, bestärkt sie, weiter zu reden.

Ricardo H. (37) ist wegen Mordes angeklagt. Friederike K. tritt im Prozess als Nebenklägerin auf. Die beiden hatten sich im Dezember 2012 im Internet kennengelernt, „öfter mal hin und her geschrieben“, wie die Verwaltungsangestellte sagt, und sich dann getroffen. Im April 2013 gibt H. seine Ein-Zimmer-Wohnung in Werder auf und zieht bei Friederike K. und ihrem Baby im Schlaatz ein. „Wir waren wie eine kleine Familie“, sagt sie: „Vielleicht wollte er nachholen, was er bei seinem eigenen Sohn verpasst hat.“ Ricardo H. habe sich geradezu darum gerissen, den Jungen zu wickeln, zu füttern, ihm abends das letzte Fläschchen zu geben und ihn ins Bett zu bringen: „Er wollte auch, dass er Papa zu ihm sagt. Ich habe aber gesagt: Er hat einen Vater“.

Eifersüchtig auf den leiblichen Vater

Dieser habe sich immer um seinen Sohn gesorgt und sich täglich nach ihm erkundigt. Alle zwei Wochen habe er den Kleinen für ein paar Tage abgeholt. Ricardo H. sei das ganz und gar nicht recht gewesen. „Er war immer sehr eifersüchtig“ und habe den Ex aus der Vaterrolle, aus ihrem Leben drängen wollen. Die Situation spitzt sich zu, als ein Gespräch in der Kita anberaumt ist und Ricardo H. statt des leiblichen Vaters daran teilnehmen will – einen Tag später stirbt das Kind in seinem Bettchen.

Der letzte Tag im Leben des kleinen Jungen ist ein Samstag. Friederike K. schildert ihn wie folgt: Frühstück gegen 9 Uhr, danach krabbelt das Kind wieder ins Bett und schläft. Sie fährt einen Bekannten nach Berlin, ist zum Mittag zurück. Das Kind wacht auf, isst Brei, gemeinsam fährt man zum Einkaufen. Auf dem Rückweg erbricht sich das Kind im Auto. Sie legt sich zwei Stunden mit ihm schlafen. Gegen 19.30 bekommt das Kind von Ricardo H. den Abendbrei; er macht den Kleinen bettfertig. Während H. noch fern schaut, geht sie um 22 Uhr allein zu Bett, deckt zuvor den Jungen noch einmal zu, legt ihm sein Plüschschäfchen in den Arm. „Er hat tief und fest geschlafen“, sagt Friederike K. Das Kind röchelt: „Ein kleiner Schnupfen.“ Dann, gegen 23.30 Uhr kommt H. ins Schlafzimmer und sagt „relativ laut“, dass der Junge tot ist. Er habe „wie angewurzelt“ dagestanden. Friederike K. setzt den Notruf ab und beginnt mit der Herzdruckmassage... – Ein halbes Jahr später zeigt die Obduktion, dass der Junge nicht wie vom Notarzt vermutet am plötzlichen Kindstod gestorben ist, sondern an einer Schmerz- und Schlafmittel-Vergiftung.

Sie wusste, dass der Angeklagte medikamentenabhängig ist

Für ihre Mandantin, die anfangs selbst als tatverdächtig, zumindest als Mitwisserin galt, ist Betül Gülsen eine Bastion. Dass sich Friederike K. nun während ihrer dreistündigen Aussage vor Gericht kein einziges Mal an ihren ehemaligen Lebenspartner, wendet, mag dieser Bastion geschuldet sein. Womöglich einer besonderen Disziplin. Vielleicht auch der Angst. Dass sie Ricardo H., von dem sie wusste, dass er schwer medikamentenabhängig ist, aber niemals Vorwürfe gemacht hat, wie sie beteuert, verwundert Staatsanwalt Peter Petersen zutiefst. Er fragt nach: Warum nicht? Wo sie doch nichts davon gewusst habe, dass der Angeklagte dem Kind schon länger Medikamente gab? Wo sie doch selbst aus allen Wolken gefallen sei, dass das Kind vergiftet wurde? – „Weil ich gehofft habe, dass dieser Prozess schneller kommt, als es jetzt passiert ist.“

Keine drei Wochen nach dem Tod des kleinen Jungen habe sie sich von Ricardo H. getrennt, sagt Friederike K.: „Für ihn war der Alltag wieder eingekehrt. Ich habe da nicht groß eine Trauer wahrnehmen können.“ Er habe gesagt: „Jetzt können wir unser Leben allein genießen.“ Noch lange habe er den Kontakt gesucht. „Er hat mich terrorisiert: mit Mails, über Facebook, Whatsapp, SMS. Er hat mir Centbeträge überwiesen mit dem Vermerk ,Bitte melde Dich’.“ Eine andere Nachricht: „Wir waren es nicht – wir brauchen uns nichts vorzuwerfen.“

Von Nadine Fabian

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