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Golm ist enttäuscht. Neid auf Marquardt

Energieversorgung in Potsdam Golm ist enttäuscht. Neid auf Marquardt

Was in Marquardt funktionierte, funktionierte in Golm nicht: Die Umverlegung einer Hochspannungstrasse aus dem Ort heraus. In Marquardt musste man dafür keine neuen Pläne machen, in Golm hatte man das aber tun müssen; dort würde die Ersatztrasse durch ein Landschaftsschutzgebiet führen. Man tat es aus Zeit und Kostengründen nicht und baute neue Masten statt der alten.

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Die alte und neue Freileitung schwingt sich aus dem Golmer Luch an der Geiselbergstraße über einen Zipfel von Golm, in dem ein halbes Dutzend Häuser unter den Starkstromkabeln steht.

Quelle: Rainer Schüler

Golm. Die Messen sind gesungen; der Kampf ist vorbei. Gewonnen hat ein Konzern, verloren haben rund 100 Golmer Bürger: Sie wollten die alte Hochspannungsleitung von 1936 endlich aus der Ortslage verbannen, gerade „jetzt“, da sich der Energieversorger Edis anschickte, die betagten Masten und Leitungen durch neue zu ersetzen, durch die man mehr Strom leiten kann. Die Bürgerinitiative „Golm unter Strom“, die rund 40 Eigentümer vertritt, wollte, dass man die Freileitung besser um den Ort herum legt oder durch eine Erdverkabelung ersetzt. Aber die Edis hatte gar keinen Handlungsdruck, denn die alte 110-Kilovolt-Trasse von Wustermark nach Geltow genießt Bestandsschutz.

Dass sie ohnehin schon zum überwiegenden Teil durch das Landschaftsschutzgebiet „Potsdamer Wald- und Havelseengebiet“ führt, nährte bei der Menschen unter den Freileitungen oder weniger als 15 Meter davon entfernt die Hoffnung, dass das neue Planfeststellungsverfahren zu ihren Gunsten ausgehen könnte.

Das Land wog alle Einwände ab und entschied für den Energiekonzern

Doch das Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR) wog alle Einwendungen der Bürger und der Stadt Potsdam ab und blieb bei der Entscheidung: Ersatzneubau auf alter Trasse. Der verlange niemandem neue Opfer ab, die Umverlegung – ob als Freileitung oder als Erdkabel – schon. Die Bürger hätten sich wegen des Wertzuwachses ihrer dann von Starkstromfreileitungen unberührten Grundstücke an den Mehrkosten der Umverlegung beteiligen müssen. Wenn Potsdam die Mehrkosten getragen hätte, dann nur bei Einbeziehung aller Betroffenen, aber nur ein kleiner Teil wollte das. Die Mehrkosten gegenüber der bisherigen Planung der Edis lagen nach Auskunft der Stadtverwaltung bei 1,5 Millionen Euro, die für eine Erdverkabelung bei 2,8 Millionen.

Vom Reiherberg aus senkt sich die Mastenreihe hinunter in den alten Teil von Golm und führt mit Minimalabständen weiter durch eine neue Eigenhe

Vom Reiherberg aus senkt sich die Mastenreihe hinunter in den alten Teil von Golm und führt mit Minimalabständen weiter durch eine neue Eigenheimsiedlung zum Wissenschaftspark.

Quelle: Rainer Schüler

Die Edis hatte den Ersatzneubau ursprünglich nur „anzeigen“ und ohne Planfeststellung umsetzen wollen. Widerstände in den betroffenen Ortsteilen und der Landeshauptstadt veranlassten das Landesamt aber zur Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens, in dem „erhebliche Einwendungen“ gemacht wurden, vergeblich. Trotzdem suchte und führte die Stadt danach „immer wieder“ Gespräche mit der Edis AG, um eine Umverlegung der Leitungen zu erreichen.

Was Marquardt von Golm beim Trassenbau unterscheidet

In Marquardt klappte das, in Golm nicht. Warum? In Marquardt bot sich eine Bündelung mit der Bahnstromtrasse und der Bundesstraße 273 über intensiv landwirtschaftlich genutzte Flächen an. In Golm hingegen würde eine Ortsumgehung über Niedermoor und Grünland sowie durch ein Landschaftsschutzgebiet verlaufen. Die benötigten Flächen in Marquardt sind zu etwa 95 Prozent in öffentlicher Hand, in Golm handelt es sich überwiegend um privates Streueigentum. In Marquardt wird eine Entlastung des Siedlungsraumes erreicht, es gibt keine Belastung sensibler Bereiche. In Golm steht einer Entlastung des Siedlungsraums und des Reiherbergs die Belastung des Naherholungsbereichs Golmer Luch gegenüber. In Marquardt entstehen Mehrkosten für 500 Meter, in Golm für 1500 Meter. Und für Golm wurde sehr früh die Bündelung mit der Bahnstromtrasse ausgeschlossen, da es dadurch lediglich zu einer Verschiebung der Betroffenheit innerhalb des Siedlungsraums gekommen wäre.

Der Stahl der alten Masten von 1936 war spröde geworden

Der Stahl der alten Masten von 1936 war spröde geworden. Neue Masten mussten her

Quelle: Rainer Schüler

Die Edis musste handeln. Ihre alte Trasse war veraltet, potenziell sogar gefährlich. Die Masten hatten trotz regelmäßiger Instandhaltung wegen „Stahlversprödung“ das „Ende ihrer normativen Nutzungsdauer“ erreicht, so das Landesamt. Die Leitungen daran seien zudem nicht in der Lage gewesen, die künftig nötigen, weit größeren Strommengen zu übertragen. Künftig werde die Leitung „auch zum Abtransport der steigenden Grünstrom-Einspeisung in dieser Region dienen“, erklärte am Montag der Sprecher der Edis AG, Horst Jordan.

Landesamt: Die Menschen haben sich selber der Trasse ausgesetzt

Das Landesamt erinnert die Golmer Bürgerschaft daran, dass eine „Vielzahl der Einwender“ ihre „Wohnhäuser erst nach dem Bau der ursprünglichen 110-KV-Hochspannungsleitung errichtet und sich der Belastung damit selber ausgesetzt“ hat. Die Wohnqualität sei schon vor dem Ersatzneubau beeinträchtigt gewesen: „Diese Einwender haben sich mithin für ein Wohnen unter Hochspannungsleitungen aus freien Stücken entschieden“, erklärt das Amt. Die Umverlegung der Trasse als Freileitung oder Erdkabelbündel auf nicht bebaute Freiflächen westlich des Wissenschaftsparks sowie des Siedlungsbereichs durch das Golmer Luch habe sich „nicht aufgedrängt“, so die Edis als Vorhabenträger, da der heutige Trassenverlauf bereits einen „vorgeschädigten Bereich“ darstelle und jede andere Trasse zu einem erstmaligen, neuen Eingriff führen würde. Die bestehende Wohnnutzung in Golm sei uneingeschränkt möglich.

Links und rechts der Trasse wird in Richtung Wissenschaftspark eifrig weiter gebaut

Links und rechts der Trasse wird in Richtung Wissenschaftspark eifrig weiter gebaut.

Quelle: Rainer Schüler

Nun, die Trasse steht; der Zorn dürfte bei einigen Protestierern noch schwelen, glaubt Ortsvorsteher Marcus Krause. Die übergroße Mehrheit der Einwohnerschaft habe mit der Sache abgeschlossen Sie wurde ja auch schnell durchgezogen; erst im September letzten Jahres hatte die EDI.SON Energietechnik GmbH, Wustermark, damit begonnen.

Bürgerinitiative: Die Freileitung ist „energietechnisches Mittelalter“

Die Bürgerinitiative ärgert das negative Votum des Amtes. Im Wissenschaftspark Golm würden High-Tech-Produkte und Technologien für morgen und übermorgen entwickelt, erklärte die Initiative. „Vor dem Fenster“ aber behalte Golm „energietechnisches Mittelalter.“ Von den Freileitungen gingen Gefahren durch Strahlung, Kabelriss und Mastbruch aus. So seien im November 2005 im Münsterland gleich 82 solcher Masten umgebrochen. Die Bundesnetzagentur erklärte nach diesem Unglück: „Eine Erkenntnis aus den Ursachen der Versorgungsstörung ... ist, dass ein solcher Störfall sich überall erneut ereignen kann.“ Und: „Da es bereits vergleichbare Schäden in den letzten 25 Jahren gegeben hat, kann von einem Jahrhundertereignis nicht mehr gesprochen werden.“

In Wiesmoor nördlich von Oldenburg riss am 9. Januar 2014 sogar das Seil einer 110-kV-Freileitung über einem Wohngebiet; Netzbetreiber war die Eon.

Auch in Golm gab es einen Absturz: Bei der Kabelziehung von Mast zu Mast stürzte am Nachmittag des 8. Februar ein zum Glück noch stromloses Kabel auf ein Einfamilienhaus in der Geiselbergstraße, wo ein halbes Dutzend Häuser direkt in der Trasse steht.

Von Rainer Schüler

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