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Paten für die Toten

Grabpflege in Potsdam Paten für die Toten

Alte Gräber erfordern viel Pflege, doch den Friedhofsverwaltungen fehlt das Geld dafür. Patenschaften retten die historischen Anlagen und räumen den Paten das Recht ein, sich selbst, Angehörige oder Freunde dort bestatten zu lassen.

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Jutta Erb-Rogg hinter dem Komorowski-Grab mit dem gedrehten Stein.

Bornstedt . Mitten im Welterbegürtel von Sanssouci liegen die Kirche und der Friedhof von Bornstedt, das ist Verpflichtung und Last zugleich. Das historische Gelände ist gespickt mit alten Gräbern, die wenigsten so prominent wie des Königs Gärtner und Architekten. Um die prominenten Gräber im sogenannten Sello-Friedhof macht Jutta Erb-Rogg sich denn auch recht wenig Sorgen; die sind längst saniert. Die Objekte mit den unbekannten Namen sind es, um die sich die Friedhofsverwalterin mit der rheinischen Frohnatur so unermüdlich kümmert und über die sie begeistert redet bei ihren Führungen.

Der Verfall muss aufgehalten werden, doch weil dem Förderverein das Geld dafür an allen Ecken fehlt, muss er kreative Wege gehen, das zu retten, was er erhalten muss im Welterbefriedhof Bornstedt. Rund 60 Gräber brauchen dringend Hilfe; für 18 hat man schon Paten gewonnen, die für die Pflege sorgen oder selber Hand anlegen. Sie retten eine Grabstelle nicht, als wäre sie ein Baudenkmal, an dem man nichts verändern darf. Sie erhalten UND verändern es. Sie dürfen selber dort beerdigt werden.

„Die Grabstellen sind ja alle längst abgelaufen“, sagt Erb-Rogg ganz pragmatisch: „Von den teuren Toten ist in der Erde nichts mehr da.“ Und wie normalen Friedhöfen auch, darf die Stelle neu belegt werden: „Allerdings muss man hier die frühere Grabstätte respektieren, und das tun die Leute gern. Sie wissen, dass sie in einer Abfolge der Generationen stehen und sind bereit, sich selbst in die Geschichte einzufügen.“

Das geschieht nun auf verschiedene Weise: Wo Namen selbst Teil der Geschichte sind oder so kunstvoll in den Stein gemeißelt wurden, dass sie als Kunstobjekt zu schützen sind, fügt man in gebührendem Abstand neue Tafeln mit neuen Namen hinzu. Wo hingegen Namen keinen historischen Wert haben, schleift man sie von der Grabplatte ab, um Platz zu haben für einen Namenszug der Gegenwart. Man hat auch schon Platten abgeschraubt, umgedreht und neu beschriftet; so bleibt der alte Name bestehen, wenn auch auf den ersten Blick unsichtbar. Einige der hellen, steinernen Hochkreuze hat man einmal um ihre Achse gedreht, so dass die alte Schrift von hinten lesbar bleibt.

„Kommen Sie mal hier hinten lang“, verleitet Erb-Rogg den Reporter, sich hinter ein Grab zu zwängen, das dicht an einer Mauer steht. „Postier“ steht vorne drauf, mehr nicht, das ist der Pate. Man hat die kompletten Grabplatte mit dem „Gesicht“ zur Wand gedreht, und der Rückblick offenbart, wer früher hier beerdigt wurde: Alfred Komorowski nämlich, seines Zeichens Rechtsanwalt, gestorben 1924; Charlotte Komorowski, vermutlich seine Frau, sie ging 1968 von dieser Welt. Wolfgang Komorowski fiel im Alter von 24 Jahren 1942 im Krieg.

Das Grab des Rentiers Gustav Huth und seiner Frau Emilie war halb im Boden versunken,  wurde gehoben, neu fundamentiert und dann saniert

Das Grab des Rentiers Gustav Huth und seiner Frau Emilie war halb im Boden versunken, wurde gehoben, neu fundamentiert und dann saniert. Ein Pate hat dafür über 40000 Euro bezahlt. Er darf dereinst selber hier bestattet werden. Die alten Grabtafeln bleiben.

Quelle: Rainer Schüler

Nicht jedes Grab, dessen ein Pate sich annimmt, ist teuer. Manche aber schon, vor allem größere, ausladende Familiengräber. Das von Gustav und Emilie Huth etwa, das aussieht, als hätte man gerade eben aufgestellt. Man glaubt. Granit zu sehen und hat Beton vor sich, mit Gesteinssplitterchen bestreut. „Das war damals gerade erst im Kommen und ein High-Quality-Werkstoff, sehr geschätzt, sehr haltbar“, berichtet die Friedhofschefin, aber eben auch sehr schwer. Und so versank die 5-Personen-Grablege mit den Jahrzehnten immer tiefer im lehmigen Untergrund. Fast waren die Pfeiler des Umgrenzungszauns schon versunken, als ein Grabpate einen Friedhofsbesucher auf den Friedhof führte: „Such Dir was aus!“ Sie kamen an das Grab der Huths; der Mann sah es aus der Erde ragen und war fasziniert. Was es denn kosten solle, fragte er. Das hatte Erb-Rogg zwar nicht parat, aber sie stapelte lieber hoch und nannte 40000 Euro. Der neue Pate akzeptierte das sofort; er wird dereinst seinen Platz mitten in der Grablege finden, die gehoben und auf ein neues Fundament gesetzt werden musste; Babelsberger Baudenkmalpfleger haben das technisch schwierige Werk vollbracht.

Von Rainer Schüler

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