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Tänze im goldenen Oktober

Flüchtlinge in Potsdam Tänze im goldenen Oktober

Als im Frühjahr verkündet wurde, dass in die Waldsiedlung Groß Glienicke Flüchtlinge einziehen sollen, liefen viele Sturm gegen dieses Vorhaben. Einige Bewohner benachbarter Villenhäuser klagten gar. Jetzt wohnen 113 Asylbewerber im Ort – und viele der zuvor skeptischen Nachbarn feierten mit ihnen am Wochenende ein fröhliches Grillfest.

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Potsdams Sozialbeigeordnete Elona Müller- Preinesberger (2.v.r.) feierte mit den Flüchtlingen ein fröhliches Fest. Die meisten von ihnen fühlen sich wohl in Potsdam. „Die Stadt ist gut“, sagt etwa der 40-jährige Syrer Najdat Rustom (2.v.l.). „Ich freue mich, dass die Leute so freundlich sind.“

Quelle: Köster

Groß Glienicke. Sie tanzen. Sie tanzen zu orientalischen Klängen im Kreis, die Arme wechselseitig auf die Schultern gelegt. Die jungen schwarzhaarigen Männer, die blondgelockte Frau, die Schwarzhaarige mit dem pinkfarbenen Trainingsanzug. Sie tanzen ausgelassen, fast etwas zu aufgekratzt, so als ob sie die Anspannung und Unsicherheit der vergangenen Tage abschütteln wollten. Endlich feiern, scheinen sie zu denken. An diesem sonnigen Oktobertag.

Die Flüchtlingsunterkunft in der Seeburger Chaussee 2 in einem ehemaligen Hort der Waldsiedlung Groß Glienicke existiert seit Juli. 113 Menschen sind im Augenblick dort. Es wechselt ständig die Besetzung. Erst am Freitagabend kamen wieder zwölf Leute aus Syrien an. Sie gesellen sich zu anderen Syrern, zu vielen Afghananen und zu überraschend vielen Albanern. Ihre Geschichten sind so verschieden wie ihre Gesichter. Da ist der junge Mann, der in Afghanistan während des Krieges für die Amerikaner dolmetschte. Jetzt ist er vor den Taliban geflohen. Da ist der Tschetschene, der mit seiner Familie nach Deutschland kam, weil er sich bedroht fühlt. Von wem? Er möchte es nicht sagen.

„Es werden noch mehr“, sagt die Beigeordnete Elona Müller-Preinesberger, die die Unterkunft in dem Neubaugebiet auch gegen Widerstände der Anwohner durchsetzen musste. Einige der Bewohner in den neu hochgezogenen weißen Villen, von denen einige ziemlich nahe an dem stadteigenen Klinkerbau stehen, haben sogar gegen die Unterkunft geklagt – vergeblich. Aber nun sind selbst einige Anwohner solcher Villen gekommen, haben Salate und Kuchen mitgebracht.

Gottesdienst für Flüchtlingspfarrer

Seinen Dienst als Flüchtlingspfarrer im Kirchenkreis Potsdam hat Bernhard Fricke, Jahrgang 1957, bereits am 1. Mai aufgenommen. Am Sonntag wurde in der Sternkirche der Gottesdienst anlässlich seiner Einführung gefeiert.

Der gebürtige Niedersachse folgt den Pfarrerinnen Anette Flade und Monique Tinney. In der Landeskirche Berlin, Brandenburg und schlesische Oberlausitz gibt es nur eine Vollzeitstelle als Flüchtlingspfarrer. Zuvor hatte Fricke zehn Jahre lang Flüchtlinge in den Abschiebungsgewahrsamen Berlin-Köpenick und Eisenhüttenstadt seelsorgerisch betreut.

Seine Hauptaufgaben sieht Fricke insbesondere darin, Ansprechpartner für nach Potsdam und in den Landkreis kommende Flüchtlinge zu sein sowie christliche Hilfsangebot zu koordininieren. rn

Die Stimmung ist gut. Doch das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. Für ganz Potsdam erwartet Müller-Preinesberger noch um die 600 Flüchtlinge, die es zu verteilen gilt. Auch in Groß Glienicke werden noch einige den Flügel im Haus 5 beziehen. Für die vielen anderen hat die Stadt eigens acht Leichtbauhallen bestellt, die jeweils 49 Menschen fassen und die auf bereits bestehende Flüchtlingsstandorte verteilt werden.

„Das sind Notunterkünfte, mit denen wir über den Winter kommen, sagt Müller-Preinesberger. Sie sei Berufsoptimistin. Ja, mit den Potsdamern sei es zu schaffen. Die Stadt gelte in Flüchtlingsfragen als Leuchtturm. Immerhin sei sie die erste mit einer Wohnverordnung: Flüchtlinge und Einheimische leben im Wohnungsverbund Staudenhof Seite an Seite.

Optimistisch ist auch Robert Schumann vom internationalen Bund. Er hat die Aufsicht über die Unterkunft. „Es sind sehr viele Ehrenamtliche tätig“, sagt er. Rund 60 Menschen, darunter die Koordinatorin Regina Görgen und sogar der Bauinvestor des Viertels, Bernd Wolfgang Steuten geben Deutschunterricht, bringen Frauen zum Arzt, helfen bei der Einschulung der Kinder. Manche laden Flüchtlinge zu sich nach Hause ein, damit die auch mal etwas anderes sehen. „Ich weiß, dass manche Leute, die ursprünglich dagegen waren, uns jetzt unterstützen“, sagt Schumann. Ja, es gebe Konflikte im Haus. Deshalb brauche es klare Regeln. Und wer sich nicht daran halte, verbringe auch mal die Nacht bei der Polizei, so wie neulich ein junger Mann, der Schumann bedroht hatte.

An solche Probleme denkt die 17-jährige Maryam aus Afghanistan heute aber nicht. „I’m so happy“, sagt das hübsche Mädchen, um sich herum Mutter und Brüder. Seit 40 Tagen sei sie nun hier. Sie fühle sich sicher, meint sie. Wovon sie träume? „Ich möchte studieren und Juristin werden, damit ich anderen Menschen helfen kann.“

Allein und als Familie

113 Personen wohnen derzeit in der Unterkunft in Groß Glienike. Die Stadt hat die Klassenräume eines ehemaligen Horts zu einfachen Mehrbettzimmern mit Tischen, Stühlen und Schränken umgebaut.

Gut 30 der Bewohner kommen aus Syrien. gut 20 sind Kosovo-Albaner, die kaum Chancen auf Asyl haben, etwa genauso viele Leute kommen aus Afghanistan. Schließlich gibt es noch einige Serben und Tschetschenen.

Es gibt alle Altersklassen, vom einjährigen Kind bis zum Greis. Es sind viele Familien da, es kommen aber immer mehr alleinreisende junge Männer. Insgesamt erwartet die Stadt Potsdam für dieses Jahr um die 900 Flüchtlinge.

Von Rüdiger Braun

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