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„Habt Geduld mit euren Eltern!“

Wenn Kinder von zu Hause ausziehen „Habt Geduld mit euren Eltern!“

Wenn Kinder flügge werden, ihre Zimmer daheim räumen und in die Welt aufbrechen, ist das für Eltern oft nicht leicht. Nicht wenige fallen in ein emotionales Loch. Empty-Nest-Syndrom nennen Experten diese Krise. Die Potsdamer Therapeutin Angelika Kaddik hilft Eltern, die plötzlich allein zu Haus sind, aus der Krise.

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Angelika Kaddik und ihr Therapiehund Harley.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Potsdam. Plötzlich allein zu Haus! Was nach Müßiggang und Freiheit klingt, ist für viele Eltern der blanke Horror. Empty-Nest-Syndrom nennen Experten diese Krise. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bezieht sich auf das leere Nest, das die Kinder zurücklassen. Die Potsdamer Therapeutin Angelika Kaddik hilft Eltern aus der Krise.

Die Kinder gehen zur Lehre oder zum Studium und ziehen aus. Nach 16, 18 oder 20 Jahren sind jetzt viele Paare endlich wieder zu zweit – müssten da nicht die Korken knallen?

Angelika Kaddik: Das wäre wünschenswert und es wäre auch das Normalste. Doch dann merkt man plötzlich diese Leere und fragt sich: Was mach ich denn bloß mit meiner Zeit, meinem Leben? Und wer ist der Mensch, mit dem ich zusammenlebe? Ist das alles gewesen? Mit dem Auszug der Kinder beginnt auch für Eltern ein neuer Lebensabschnitt – das kann Angst machen, weil man im ersten Moment gar nicht weiß, was da in einem passiert. Es ist wichtig zu wissen, dass man sich so fühlen darf und man deshalb nicht psychisch krank ist.

Dass Kinder ausziehen, ist ein lange vorher absehbares Ereignis – weshalb haben Eltern dennoch so ein Problem damit?

Kaddik: Wir erziehen unserer Kinder so, dass sie irgendwann aus dem Haus gehen und ein eigenes Leben führen können. Und trotzdem kommt der Auszug des Kindes so plötzlich. Und je mehr Raum ich meinen Kindern gegeben habe, desto mehr kann es mich dann treffen. Beim ersten Kind geht’s meistens noch, aber wenn das letzte Kind aus dem Haus geht...

Kann man dem vorbeugen?

Kaddik: Wichtig ist, ein Paar zu bleiben, auch wenn man Eltern geworden ist. Man muss seine Beziehung pflegen, ab und an mal einen Babysitter nehmen und sich auch als Mutter und Vater ein Stück eigenes Leben bewahren, sich fragen: Was sind meine Bedürfnisse? Was brauche ich für mich? Das klappt nicht immer, aber achtsam zu sein, kann schon helfen. Mein Appell: Verliert euch als Paar nicht!

Wer nimmt den Auszug der Kinder schwerer: Männer oder Frauen?

Kaddik: Meistens die Mütter. Bei den Vätern kommt es später. Oft, wenn sie in Rente gehen.

Wie offen ist der Umgang mit dieser Trauer?

Kaddik: Ich erlebe, dass es vielen Frauen unangenehm und peinlich ist, über dieses Thema zu sprechen. Die Umwelt hat ja dann auch oft ein paar flotte Sprüche auf Lager wie „Endlich sturmfrei!“ oder „Du musst auch mal loslassen!“ Das stimmt ja auch und wird auch so erlebt, aber da schlagen dann eben zwei Herzen in der Brust und die Gefühlsseite leidet dann still vor sich hin.

Wie äußert sich so eine Sinnkrise, wenn der Nachwuchs das Haus verlässt?

Kaddik: Ich meine, manchmal ist es gefühlt sogar eine Lebenskrise, ein neuer Lebensabschnitt – im wahrsten Wortsinn: Es ist, als würde das Leben etwas von einem abschneiden. Es fühlt sich an wie eine Wunde und die muss erst einmal heilen. Dazu kommt das Gefühl der Trauer. Oft drängen dann plötzlich alte, noch nicht verarbeitete oder tiefer liegende Konflikte an die Oberfläche. Hinzu kommen neue emotionale Herausforderungen wie die Pflege oder der Tod der eigenen Eltern.

Wohin kann das Empty-Nest-Syndrom schlimmstenfalls führen?

Kaddik: Zu Depressionen, schlimmstenfalls zu Medikamentenmissbrauch oder Sucht. Wichtig finde ich, dass Frauen mit Empty-Nest-Syndrom nicht pathologisiert werden, obwohl es im Internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten schon als Anpassungsstörung gelistet ist. Nicht jede Frau benötigt eine Therapie oder ein Medikament – und nicht immer sind es die Wechseljahre, die Probleme machen. Trauer darf sein und muss auch in diesem Fall anerkannt werden.

Wann braucht man Hilfe?

Kaddik: Wenn man das Gefühl hat, den Halt zu verlieren, wenn somatische Beschwerden auftauchen, Ängste oder tatsächlich eine Depression oder ein Stresssyndrom.

Welche Mittel gibt es gegen das Empty-Nest-Syndrom?

Kaddik: Das Wichtigste ist anzuerkennen, was mit einem ist und zu wissen, dass man in solchen Lebensmomenten auch traurig sein darf. Gespräche mit Gleichgesinnten tun gut, ebenso Überlegungen, wie ich mein neues Leben gestalten möchte. Was habe ich aufgegeben, als ich Mutter wurde? Was hat mir damals Freude bereitet? Besetzen Sie das Kinderzimmer – allerdings als Gästezimmer oder als Hobbyraum. Bitte richten Sie kein Kindermuseum ein! Ihre Kinder sind nun Gäste und können im Gästezimmer übernachten. Arbeiten Sie an Ihrer Paarbeziehung! Fragen Sie sich: Wo stehen wir? Was ist unser weiteres gemeinsames Ziel? Entdecken Sie eine neue Intimität und Zufriedenheit – eine Paarberatung kann dabei helfen. Und denken Sie daran: Ihre Kinder ziehen nicht auf den Mond. Sie sind nicht komplett weg – man kann sich besuchen oder Kontakt über die sozialen Medien halten. Führen sie Gespräche mit Ihren Kindern – sie dürfen ruhig wissen, dass Sie stolz auf sie sind, es Ihnen aber trotzdem ein bisschen schwer fällt, sie gehen zu lassen. Für die Kinder ist es ja auch nicht einfach, plötzlich auf eigenen Beinen zu stehen. Geben Sie den Kindern aber nicht das Gefühl, dass sie sich um Sie kümmern müssen. Gönnen Sie Ihren Kindern das eigene Leben!

Was raten Sie Kindern?

Kaddik: Habt Geduld mit euren Eltern! Haltet den Kontakt und redet miteinander – auch über Themen, die vielleicht nicht so angenehm sind.

Wie haben Sie – als Profi – den Auszug Ihrer Söhne erlebt?

Kaddik: Naja, ich bin ja auch nur eine Mutter. Beim Älteren ist es mir relativ leicht gefallen. Als dann der Jüngere auszog, hat es mich dann aber auch kalt erwischt. Ich habe eine Trauer gespürt, die ich im ersten Moment auch nicht benennen konnte. Ich habe mir aber die Zeit für diesen Lebensabschnittsprozess gelassen und es geht mir inzwischen sehr gut damit, dass beide Söhne aus dem Haus sind.

Zur Person

Angelika Kaddik wurde 1956 in Hamburg geboren. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne und eine Enkelin. Die examinierte Kranken- und OP-Schwester hat unter anderem eine Beratungsstelle für traumatisierte Frauen geleitet.

In Potsdam lebt Angelika Kaddik seit dem Jahr 2004. Hier führt sie seit elf Jahren ihre eigene Praxis für heilkundliche Psychotherapie, Paarberatung und Coaching, die im Ärztehaus am Stadthaus zu finden ist.

Mehr unter www.angelika-kaddik.de

Interview: Nadine Fabian

Von Nadine Fabian

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