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Hafenbarkasse wartet auf Liebhaber

Backdecker zu DDR-Zeiten umgebaut und nach der Wende mehrfach verkauft Hafenbarkasse wartet auf Liebhaber

"Patria o Muerte" rief Che Guevara einst den Kubanern zu: "Vaterland oder Tod". Eine Yacht am Kai in der Potsdamer Bertinistraße sieht irgendwie nach beidem aus, nach Vaterland und nach Tod: "Patria" steht am kantigen Ruderhaus, und das Schiff macht den Eindruck, als hätte es - mit Che am Steuer - soeben als Himmelfahrtkommando die amerikanische Blockade durchbrochen und habe das nur knapp überlebt: Schwarz gestrichen, mit blutroten (Bull-)Augen, ein langes Vorderdeck mit Platz für ein Geschütz.

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Nauener Vorstadt. Aber natürlich hat niemand jemals Krieg geführt mit diesem "Pippi-Langstrumpf-Boot"; es war stets ein Spaßobjekt.

Was es ganz am Anfang war, weiß heute niemand mehr. Gebaut in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts in einer längst nicht mehr bekannten Werft, vermutlich in den Niederlanden, war die "Patria" zunächst wohl ein Zubringerboot in irgendeinem Hafen. Schon zu DDR-Zeiten kam sie in private Hände, in die eines Bastlers offenbar. Der baute dem ursprünglichen Backdecker mit Standardkoje unterm Vorderdeck ein wetterfestes Steuerhaus oben drauf und eine geräumige Kajüte übers Achterdeck: Stahlblech, Reichsbahn-Fenster, Berliner S-Bahn-Türen, DDR-Elektrik vom Duroplast-Kippschalter bis zu den riesigen Positionslaternen. Die eigengefertigten Farbglastüren zur Schlafstatt im Bug zeugen von einer gewissen volkskünstlerischen Ader eines Vorbesitzers. Den Unternehmens- und Stilberater Uwe Fenner muss soviel Improvisation gereizt haben, als er in den 1990ern das Boot erwarb.

Christian Graf Brockdorff kaufte die "Patria" 2004 und ließ sie nocheinmal verändern. Die "antike" Kettensteuerung wurde durch eine hydraulische ersetzt, und weil das schnittig schmale Schiff wegen der unpassenden Aufbauten und des damit deutlich höheren Schwerpunkts allzu schnell ins Schaukeln kam bei Seegang oder fremden Wellen, wurden unter Wasser Stabilisatoren angeschweißt, allerdings mit eher mäßigem Erfolg, denn noch immer braucht es erfahrene Hände am Steuer, um die "Patria" ruhig zu halten. Anwalt Brockdorff jedenfalls kann das inzwischen. Als er die "Patria" in Co-Eignerschaft mit einem Freund von Fenner kaufte, war sie als Weihnachtsgeschenk für die Familie gedacht. Ein Bild von ihr hatte er als Puzzle zerschnitten; zur Bescheerung setzten die Kinder es zusammen; ihre Spannung stieg von Stück zu Stück, bis sich ein Boot abzeichnete: "Hurra, Papa. Wir fahren mit dem Schiff nach Gran Canaria!" Nun, soweit hinaus ging es nie, aber noch am ersten Feiertag liefen alle los zum Jungfernsee, wo das Boot inzwischen lag. Die "Sippe" war total begeistert und blieb es über Jahre. Dass Käpt'n Brockdorff erst im Mai darauf seinen Bootsführerschein machte, störte Weihnachten noch keinen.

Abenteuerfahrten gab es viele mit den vier Brockdorff-Kindern auf und unter Deck, mit ihm als Käpt'n und Frau Donata, die ihn vom Sonnendeck vorn durch die gekippte Scheibe - ganz aufmachen kann man sie nicht - fütterte, denn die Hände vom Steuer lassen wollte Brockdorff lieber nicht. Die Kinder sind groß geworden mit dem Boot, das sie gern in der Familie halten würden. "Aber ich hab als Anwalt viel zu tun und keine Zeit zum Basteln", sagt der heutige Alleinbesitzer Brockdorff: So wird das/die "Vaterland" wohl wieder mal verkauft. Und der Familie bleibt die Erinnerung an schöne und an spaßige Erlebnisse, zuweilen auch an peinliche.

An die unsägliche Panne auf dem Griebnitzsse etwa, als wieder mal der Motor streikte und man sich ausgerechnet von einem Seegler abschleppen lassen musste. "Wir versteckten unsere Gesichter vor Scham", gesteht Donata Brockdorff heute. Die Tochter sprang damals mit einem Seil in den See und zog die "Patria" an Land.

Auch mitten auf dem viel befahrenen Wannsee blieben sie mal liegen, mit zwei Opti-Seegelbooten an der Seite; sie hatten ihren Jungen gerade von der Regatta abgeholt und schafften es nun selbst nicht heim. Ein Freund holte sie ab und brachte sie zum Liegeplatz.

Ganz ohne Panne ging's mal bis Brandenburg: die Familie übernachtete zu sechst auf Deck. "Über Bord gegangen" sind mal zwei Männer des Brockdorff-Clans: Jack-Russel-Hund "Jacky" etwa und der Käpt'n selbst, beide ganz freiwillig, beide unter kuriosen Verhältnissen. "Jacky" etwa fand eine Fahrt über den Fahrländer See zwar nett, aber den Bratwurstduft vom Ufer noch viel netter. Er sprang von Bord, und keiner merkte es. Erst als es von ferne bellte, fiel das auf; man dreht um und holte sich den Hund zurück.

Einmal ankerte man vor Cecilienhof, unwissenderweise illegal. Wieder büchste "Jacky" aus, doch diesmal hechtete der Käpt'n hinterher, "wie Gott ihn geschaffen hat", feixt seine Frau. Übersehen hatte man nicht nur das "Parkverbot", sondern auch die Polizei: "Sie dürfen hier nicht ankern!" "Aber der Hund ist los", wandte Frau Brockdorff ein: "Und er darf doch nicht frei im Park laufen. Und mein Mann ist nackt da draußen!" Den Polizisten focht das nicht an: "Sie dürfen hier nicht ankern!" So schwamm Christian Brockdorff zurück zum Boot und entstieg dem Wasser blank und bloß; die Polizei sah zu. Zehn Euro Strafe zahlte er. "Blacky" lief zu Fuß nach Hause.

Von Rainer Schüler

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