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„Handwerk ist Handarbeit“ – Die Fußbodentechnik Kudell

Handwerk in der Region „Handwerk ist Handarbeit“ – Die Fußbodentechnik Kudell

Die Fußbodentechnik Kudell arbeitet historische Dielen und Parkettböden, Treppen, Paneele und Deckenverkleidungen auf. Die Zerstörung der Objekte durch Abnutzung, Wetter und Überformung mit Fremdmaterial ist oft stark; der Anspruch von Bauherren und Denkmalpflege auf Wiederherstellung ganz nah am Originalzustand aber sehr hoch.

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Firmenchef Lars Kudell zeigt ein typisches Tafelparkett: Die aus vielen Teilen zusammengesetzten Tafeln werden auf einen Unterbau geklebt.

Quelle: Rainer Schüler

Michendorf. Zwei originalgetreue Zimmer wollten Detlev und Lars Kudell sponsern für das Stadtschloss Potsdam, doch daraus wurde nichts. Das Schloss steht zwar wieder, aber „nur“ als Landtag Brandenburgs, und in dem sieht kein Raum so aus wie zur Zeit Friedrichs des Großen. Ein reiner Zweckbau ist es heute. So bleibt es bei dem einen Quadratmeter angekohlten Parketts, den man einst aus der Baugrube des Parlamentes rettete und zur Erinnerung aufhängte bei den Kudells in Langerwisch bei Michendorf.

Wer die Fußbodentechniker besucht an ihrem Firmensitz und durch den „showroom“ streift mit all den alten Decken- und Bodenelementen, den Friesen, Säulen und Wandpaneelen ist überzeugt: Die Zimmer im Schloss hätten sie geschafft. Augenscheinlich gibt es nichts, was sie nicht hinbekommen, und das zieht Kreise, unter Prominenten etwa. Die Liste der illustren Kunden ist lang, aber die Kudells haben auch viele namhafte Objekte der Schlösserstiftung ausgestattet, außerdem Theater und Bühnen, Hotels und Gaststätten, Banken, Kirchen, Arztpraxen und Apotheken, Ministerien, Büros, Wohnanlagen. Überall in Deutschland waren sie, aber auch in Frankreich, Belgien und Mallorca. „Zwei Drittel der Berliner Vorstadt haben wir gemacht“, sagt Firmenchef Lars Kudell: „In der Manger- und der Seestraße fehlen uns nur etwa fünf Villen.“

Oft ist der Zustand der hölzernen Treppen, Böden, Decken und Wände mitleiderregend. Da ist der Boden über Jahrzehnte nass geworden, hat sich aufgeworfen oder ist dramatisch abgenutzt. Im Schloss Sanssouci etwa waren die vermeintlich schonenden Filzpantoffeln über viele Nutzungsjahre in Wahrheit schlimmer als Schleifpapier, weil sich Sand und feiner Kies ewig in den Sohlen hielten. In Wohnhäusern haben zudem häufig Kachelöfen den Holzboden zerstört, auf dem sie stehen, versengt, weil heiße Asche aus Eimern fiel. In Altbauten fehlte zu DDR-Zeiten meist das Material für Dielen und Parkett; man klebte lieber Teppiche und Kunststoffbeläge auf, die man heutzutage mühsam wieder ablösen muss, um den Boden in Holz zu erneuern. Wo Mietshäuser und Villen vor dem Krieg gutbetuchte Bewohner hatten, standen Küchen-Schränke, Herde und Anricht-Tische zuweilen auf Holzböden; und aus Badewannen kleckerte Jahr Wasser auf Dielen oder gar Parkett.

Kudell ist ein Traditionsbetrieb

Den Innungs- und Restaurierungsfachbetrieb im Parkettlegerhandwerk gibt es inzwischen in der dritten Generation. Manfred Kudell, der Großvater des heutigen Firmenchefs, war 1943 der erste ausgebildete Parkettmacher Deutschlands. Damals hatte man gerade das Parkettmacher- und das Verlegerhandwerk voneinander getrennt.

Die Neugründung des Betriebes am 1. Juni 1990 erfolgte mit nur zwei Mitarbeitern. Heute sind es 16 Leute und drei Azubis.

Kerngeschäft ist der Parkettbereich , wo der Bedarf an hochwertigen Holzfußböden ständig steigt. Aus allen handelsüblichen Parketthölzern kann vom Standardstab bis zur individuellen Intarsie weitestgehend alles gemacht werden. Die Palette umfasst Stab-, Riemen-, Tafel-, Mosaik-, Lamellen- und Fertigparkett sowie Kork ebenfalls die Herstellung von Adern, Friesen und Parkettbordüren.

Als anerkannter Restaurierungsfachbetrieb restaurieren und produzieren die Kudells nach individuellen Mustervorgaben und Wünschen. Sie führen zudem Holzpflasterarbeiten und sämtliche Bodenbelagsarbeiten aus.

Besondere Erfahrung hat das Unternehmen bei der Instandsetzung und Restaurierung von Altdielenbestandsflächen, der Ergänzung von Ofenecken mit passenden Altdielen sowie der Lieferung und Verlegung von Neu- und Altdielen. Auch Parkett- und Dielenschleifarbeiten werden erledigt.

Das Programm umfasst zudem die Treppenhausinstandsetzung von Miet-, Gewerbe- und Privatbereichen. Aufarbeitung von alten Tritt- und Setzstufen, die Komplettsanierung mit massiven Stufenelementen verschiedener Holzarten und den Einbau von Sportböden.

Im Decken- und Wandverkleidungsbereich bietet der Betrieb ein Exklusivprogramm an. In der hauseigenen Werkstatt werden alle notwendigen und gewünschten Zuarbeiten vom individuellen Entwurf bis zur Komplettmontage realisiert.

MAZ-Autor Rainer Schüler stellt in seiner Serie „Tradition im Handwerk“ Gewerke vor, die mit Methoden und Technik früherer Generationen arbeiten. Erschienen sind bisher „Handwerk wie zu Urgroßvaters Zeiten“ (13. September 2017) und „Neuer Schuh für 1000 Euro“ (18. September 2017)

Jahrzehntelang beschädigte Stellen mit Material der Bauzeit auszufüllen, ist schwierig, aber nicht unmöglich. Man kann Altholz derselben Art und Abnutzung aus anderen Objekten bergen; doch die Möglichkeiten schwinden, je mehr Häuser saniert werden. Da ist es besser, wenn der Bauherr weniger wichtige Räume seines Hauses zum Demontieren freigibt, um etwa den Haupt-Salon wieder in alter Pracht herstellen zu lassen, während die „geplünderten“ Zimmer ähnlich, aber neu gemacht werden. Elegant ist auch die Lösung, das erhalten gebliebene Material auf einer kleineren Fläche als bisher neu zu verlegen und heutiges Material drumherum anzufügen, so dass die Ergänzung sichtbar ist.

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Experten in Holz retten altes Parkett und Intarsien

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Ganz hart sind die Bandagen, wenn staatliche Denkmalpfleger Herren der Sanierung sind. Abweichungen vom Original werden nicht geduldet, selbst wenn niemand die Originalität sehen kann. So waren die Kudells schon mehrfach gezwungen, in Schlössern die Unterkonstruktion von Parkett-Tafeln mit simplen oder sogar handgefeilten Schlitzschrauben im Boden zu befestigen, obwohl die Schraubenköpfe unter dem Parkett verborgen sind. „Das war so im Original und muss wieder so gemacht werden, obwohl die Kreuz- oder Sternschrauben leichter zu drehen sind“, seufzt Lars Kudell, der das Traditionsgeschäft von seinem Vater Detlev übernommen hat; der das Handwerk seines Vater Manfred erlernt hatte.

Zu Zeiten dieses Großvaters und schon davor, benutzte man noch handgeschmiedete Nägel. Findet man die in Objekten vor, muss man sie nach dem Willen der Denkmalpfleger auch wieder so benutzen, per Hand schmieden also. Das machen zum Beispiel Hersteller von Hufnägeln für Pferde, und immer mehr Baustoffhändler spezialisieren sich auf „antike Bauelemente“, die aus Abrissobjekten geborgen werden, „und wenn sie krumm sind“, sagt Lars Kudell, „klopft man sie wieder grade.“ Vierkantnägel hämmern die Kudells noch immer schräg durch die Dielen in die Unterkonstruktion, um dem Zug nach oben zu widerstehen, der entsteht durch das Belaufen, durch Feuchtigkeit und Temperaturwechsel.

Mit handgeschmiedeten Nägeln befestigte man einst Dielen im Untergrund

Mit handgeschmiedeten Nägeln befestigte man einst Dielen im Untergrund. In musealen Einrichtungen wird das von der Denkmalpflege immer noch gefordert.

Quelle: Rainer Schüler

Zuweilen sind alte Böden fast unkenntlich zerstört. Das zu DDR-Zeiten als Armeemuseum genutzte Marmorpalais im Neuen Garten war so ein Härtefall. Anhand von letzten Resten und alten Fotos, die man optisch erst entzerren musste, konnte man die Holzart der Bauzeit bestimmen und die Böden neu herstellen, teils sogar in dreidimensionalen Intarsienmustern. Die werden, soweit sie noch erhalten sind, mit Pergamentpapier abgepaust; was fehlt, wird nachgezeichnet, manchmal auch nur nachempfunden. So entstehen Vorlagen für die Dekupiersäge, mit der man neue Elemente aus Furnierholz schneidet. „Man könnte auch mit einem Laser schneiden“, sagt Lars Kudell, „aber die Schneidflächen im Holz brennen leicht an und werden schwarz.“ Versiegelt wird zum Schluss mit Natur- oder Bienenwachs, ein uraltes Verfahren.

Haben sich Schädlinge ins Holz gefressen, muss das nicht das Ende dieses Holzes sein. Wenn nicht zuviel herausgefressen ist, kann man das Altmaterial tränken oder begasen, um Würmer oder Käfer abzutöten, oder man schiebt das Holz zwischen riesige Mikrowellenplatten. Bei etwa 60 Grad zerfällt tierisches Eiweis, es kann aber im Holz verbleiben.

Schwammbefallenes Holz dagegen muss komplett ausgetauscht werden. Mit den in sich verdrehten und nach oben dünner werdenden Säulen vor und in der Villa Rumpf am Heiligen See machte man das so; sie war bis 2016 Sitz von Wolfgang Joops Modefirma „Wunderkind“. Das eigentlich aus einer Würzburger Kirche stammende Kiefernholz war nicht mehr zu beschaffen; man fertigte die Säulen und teils auch ihre üppigen Kapitelle aus ähnlichem Holz und in Stücken an, die man zusammensetzte und die Nähte dann kaschierte. Im Inneren sorgt ein Stahlstab für Stabilität. Geklebt wurde mit Knochenleim nach alten Rezepten, obwohl heutiger Kaltleim fester ist und besser zu verarbeiten.

Die in sich gedrehten Säulen vor und in der Villa Rumpf, die einige Jahre dem Modeschöpfer Wolfgang Joop gehörte, waren stark angegriffen und

Die in sich gedrehten Säulen vor und in der Villa Rumpf, die einige Jahre dem Modeschöpfer Wolfgang Joop gehörte, waren stark angegriffen und mussten in Stücken neu hergestellt werden. Auch die hölzernen Kapitelle sind Stückwerk, sehen aber aus wie aus einem „Guss“.

Quelle: Rainer Schüler

Den Forderungen der Denkmalpflege nachzukommen, auch wenn man selbst es anders machen würde, kostet Nerven. Und für die öffentliche Hand zu arbeiten, kostet Einnahmen. „Da wird oft nur der billigste Anbieter ausgewählt“, ärgert sich Lars Kudell, „und nicht der beste.“

 

Von Rainer Schüler

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