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Handwerk wie zu Urgroßvaters Zeiten

Potsdam Handwerk wie zu Urgroßvaters Zeiten

Auch vor dem Handwerk macht die stetige Erneuerung nicht Halt; immer neue Methoden machen die Arbeit leichter und die Produkte besser. Doch nicht alles ist mit den modernen Verfahren der Gegenwart machbar. In einigen Branchen erleben alte Traditionen ihre Wiederauferstehung, bei der Sanierung von Baudenkmalen etwa. Ein Besuch bei der Firma Roland Schulze.

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Ziegelring um Ziegelring wird das Gewölbe von außen nach innen kleiner. Frisch in den Mörtel gesetzte Steine werden durch Schnurgewichte gehalten

Quelle: R.Schulze

Potsdam. Böhmische Kappen sind nichts, was Narren sich beim Babelsberger Weberfest auf ihre Köpfe setzen. Diese Kappen sind Gewölbe, kunstvolle Mauerwerke wie zu König Friedrichs Zeiten, doch auch dessen Architekten haben das Verfahren nur geklaut. „Schon in der Antike hat man das so gemauert“, sagt Maurermeister Stefan Unkelbach: „Nur hatte man die Methode im 20. Jahrhundert fast vergessen.“

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Auch im Handwerk kommen immer neue Techniken und Technologien zum Einsatz, doch gerade im restaurativen Baugewerk ist vieles nicht zu machen ohne Methoden, wie sie schon unsere Urgroßväter kannten und Generationen vor ihnen.

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So setzte man auch bei der Baudenkmalpflege Roland Schulze Jahrzehnte lang die Gewölbeziegel auf hölzerne Schalungsunterböden, die für sich genommen schon Kunstwerke waren, am Ende aber doch geschreddert oder auch verfeuert wurden. Bis vor elf Jahren einer einen Fehler machte beim Wiederaufbau der Villa Jacobs auf dem Pfingstberg: Er vergaß in all der Planung und Berechnung die teure Gewölbeschalung für den Keller. In der Zeitnot erinnerte sich ein Mitarbeiter eines alten Buches von 1881, in dem eine simple Methode zum Mauern ohne Schalung beschrieben wurde. Man errichtete die flach gewölbte Kuppel „freihändig“ von außen nach innen, Ziegelring um Ziegelring wurde die Öffnung immer kleiner.

Ist improvisiert, aber eine uralte Methode, die immer noch funktioniert

Ist improvisiert, aber eine uralte Methode, die immer noch funktioniert: Das Festhalten der frisch in den Mörtel gesetzten Ziegel durch Gewichte, die an Schnüren hängen.

Quelle: R.Schulze

Damit die Ziegel des jeweils kleinsten Rings nicht herunter fielen, legte man Schnüre von außen nach innen und hängte Steine oder Flaschen daran, deren Gewicht die Ziegel hielten, bis der Mörtel ausgehärtet war. Das 3000 Jahre alte Verfahren funktionierte so verlässlich, dass es in Roland Schulzes Firma inzwischen die Vorzugsmethode beim Kuppelmauern ist. „Es ist sehr selten, dass jemand noch ein Gewölbe mauert und dann auch noch die Steine offen sehen lässt“, sagt Unkelbach.

Doch auch in anderen Bereichen der modernen Denkmalpflege ist die Tradition nicht wegzudenken. Überall, wo staatliche Behörden und private Bauherren originalgetreues Aussehen verlangen oder gar auf den Verfahren der Errichtungszeit bestehen, muss man es machen wie anno dazumal. Dann wird wieder Beton der 1920er Jahre gemischt, den man mit Natursteinkörnern vermischte, um ihn wie Naturstein aussehen zu lassen. „Man wollte keine teuren Steinbruchblöcke mehr kaufen, transportieren und bildhauerisch bearbeiten“, erklärt Terrazzowerkermeister Thomas Schaffner: „Normalbeton sah nach nichts aus, einfach bloß grau.“ Körner verschiedenster Gesteine hineinzumischen, erzeugte ein naturnahes Bild. Und damit es nicht betonglatt aussah, stockte oder scharierte man es: Man brach die Oberfläche auf mit einem Hammer, der aussieht wie ein Fleischklopfer, oder hämmerte mit dem Meißel Scharten in den Kunststein, so dass der Betrachter glaubt, das Stück komme direkt aus dem Steinbruch.

Steinmetz Frank Schönberg schariert die glatte Oberfläche einer rund 100 Jahre alten Betonsteinstufe, die einst durch Einmischung von Naturstei

Steinmetz Frank Schönberg schariert die glatte Oberfläche einer rund 100 Jahre alten Betonsteinstufe, die einst durch Einmischung von Natursteinkörnern auf das Aussehen von Naturstein getrimmt wurde.

Quelle: Rainer Schüler

Ein großes Objekt brauchte nicht mehr von weither geholt werden; es kam sackweise zur Baustelle und wurde dort zusammengemischt. Es war sogar in komplizierte Formen zu gießen; man ersparte sich den Steinmetz. Um eine Körnung wie in den 20ern heute wieder hinbekommen, zermahlt man ein Stück altes Material, siebt die Körner aus und zählt, wieviele es auf einer bestimmten Fläche gibt. Dann sieht neu genau so aus wie alt.

Tief in die Trickkiste greift auch Stuckateur Rudolf Moisl und findet trotzdem oft keine Lösung im eignen Erfahrungsschatz. Dann knobelt und improvisiert der rastlose 79-Jährige und kam bislang noch immer zum Erfolg. Die komplizierten Gewölbe der Kirche auf dem Neuendorfer Anger im Stadtteil Babelsberg etwa stellte man im Rabitzverfahren her, mit dem man sonst nur Wände baut, falls die Massenware Gipskarton nicht gewollt ist oder nicht funktioniert, denn Rabitz ist deutlich stabiler. Basierend auf der Eisenbetonerfindung des französischen Gärtners Joseph Monier (1823 – 1906) und der Weiterentwicklung durch den Berliner Maurermeister Carl Rabitz (1823- 1891) hat Moisl mehrfach die Kuppelgewölbe von Kirchen mit Stahldrahtgeflechten geformt und diese dann mit Gipsmörtel ausgedrückt.

Rudi Moisl in seinem Reich, der Stuck-Werkstatt

Rudi Moisl in seinem Reich, der Stuck-Werkstatt

Quelle: Rainer Schüler

Damit der sich an das Metallgewebe „klammert“, mischt er, wie zu Erfinderzeiten, Tierhaare in den Gips. Die sind am Ende gekrümmt wie Haken, verhakeln sich miteinander und beugen so der Rissbildung vor. Sie ragen aber auch aus der Gipsschicht heraus und „krallen“ sich an die geriffelten Stahldrähte, aus denen das Rabitzgeflecht besteht. Man nahm früher und nimmt heute Kuh- und Kälberhaare dafür, doch sind die immer schwerer zu bekommen, weil die Tiere fast nirgendwo mehr rasiert werden. Zu DDR-Zeiten behalf man sich mit Haaren aus Friseursalons und Rentierhaaren. Kisten voller Tierhaar stehen denn auch in der Stuckwerkstatt des Unternehmens.

Wer waren die Herren Monier und Rabitz?

Joseph Monier (geboren am 8. November 1823 in Saint-Quentin-la-Poterie, Frankreich; gestorben am 12. März 1906 in Paris) war ein französischer Gärtner, Erfinder und Unternehmer. Er gilt als der Erfinder des Eisenbetons, auch wenn andere bereits ähnliche Entdeckungen gemacht hatten, sie aber nicht oder nur für kurze Zeit weiterverfolgten. Auf seinen Namen geht die deutsche Bezeichnung für Bewehrungsstahl, „Moniereisen“, zurück.

Seine Erfindungen begannen mit der Herstellung von Pflanzkästen für die transportablen Orangenbäumchen in herrschaftlichen Gärten aus der damals Zement genannten Mischung aus Zement, Sand, Schlacke oder Ziegelbruch und Wasser sowie einer Einlage aus Drahtgewebe. Er verwendete das Prinzip der Verbindung von Zement und Drahtgeweben bald auch bei der Anlage von künstlichen Felsengärten und erweiterte es auf die Herstellung von Wassertanks, Rohren, kleineren Brücken, Treppen und Betonträgern.

Carl Rabitz (geboren am 22. Dezember 1823 in Halle (Saale); gestorben am 10. April 1891 in Berlin) war ein deutscher Erfinder, Bautechniker, Bauunternehmer, Hofbaumeister und Pionier im begrünten Flachdachbau. Seit 1854 war er selbstständiger Maurermeister. 1864 erfand er die Technik des feuersicheren Deckenputzes unter hölzernen Balken und erhielt das Zusatzpatent für die Rabitzwand. Diese Technik ist als Leichtbauwand (Drahtputzwand) bekannt.

Tragende Putzträger waren Schilfrohr (verdrahtet), Rippenstreckmetall, Ziegeldraht und verschiedene Gewebe aus Metalldrähten. Verputzt wurde die Unterkonstruktion mit Mörtel, vor allem Gips- und/oder Zementmörtel. Das Gewerk zählt zu den Arbeiten des Stuckateurs. Diese Technik soll seit 1840 bekannt und von Rabitz nach Deutschland importiert und überarbeitet worden sein.

Es konnten Decken heruntergezogen, Gewölbe, nichttragende Ständerwände, die Ummantelung von Pfeilern und Stützen, die Verblendung von Installationen und der Bau von Lüftungskanälen ausgeführt werden. Heute findet dieses Gewerk vor allem in der Denkmalpflege Anwendung. Diese Technologie unterstützt die Möglichkeit der freien Ausformung der Flächen. (aus Wikipedia)

 

Tausende Gussformen haben sie bei Roland Schulze schon hergestellt: Balkon-Konsolen, Dach- und Fassadenstuck, Säulen, Podeste, Vasen, Pilaster und Baluster, nachgeformt in Gips und als Muster bewahrt für künftige Objekte. Heutzutage wie einst werden die Gipskopien in Leinölfirnis getaucht oder damit gestrichen. So entsteht eine klare, wasserabweisende Schutzschicht. Die konservierende Wirkung des Leinöls nutzten schon die alten Ägypter zur Mumifizierung ihrer Pharaonen und Würdenträger. Vom 15. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es von Kunstmalern und Handwerkern zur Herstellung von Leinölfarbe verwendet, die als ewig haltbar galt, trotz aller Wettereinflüsse. Bei den Stuckateuren wird Leinölfirnis heute noch Trennmittel von Gips gegen Silikon verwendet, als Konservierungsmittel und zum Färben von Gips, das dann aussieht wie Holz. Und ein Hauptbestandteil dieses Firnis ist oft Schellack, ein Ausscheidungsprodukt bestimmter Blattläuse, das man vor 3000 Jahren schon im alten Indien nutzte.

Auch zur Neuherstellung metallener Zierelemente auf den Dächern alter Villen, Herrenhäuser, Schlösser oder Kirchen werden Gipsformen gebraucht. Die Reste der verlorenen oder schwer beschädigten Metallobjekte fügt man zusammen und form sie ab in Gips, modelliert wie ein Bildhauer hinzu, was nicht mehr da ist. Mit flüssigem Stahl werden eine stabile Ober- und eine Unterform gegossen, zwischen die man dann ein Zink- oder auch Kupfer- oder Bleiblech legt und in die gewünschte Form presst. Metalldrücker machen sowas, zuweilen auch Klempner wie Matthias Sandkamp, der bei Roland Schulze für speziell geformte Dächer und Abdeckungen verantwortlich zeichnet. Er gestaltet aber auch Dachzierrat aller Art und die eine oder andere metallbildhauerische Treibarbeit, den Rauchabzug der historiengetreu nachgebauten Borkenküche im Neuen Garten etwa: ein Eichenstamm aus Kupfer: Äste, Rinde, Luftwurzeln, und mittendrin sitzt eine Eule.

Klempnermeister Mathias Sandkamp punziert die aus Kupferblechen gefertigte Schornsteinverblendung der Borkenküche im Neuen Garten

Klempnermeister Mathias Sandkamp punziert die aus Kupferblechen gefertigte Schornsteinverblendung der Borkenküche im Neuen Garten; sie hat die Form eines Eichenstammes.

Quelle: R. Schulze

Die nach der Pressung noch recht undeutlichen Formen werden meist per Hand nachgetrieben mit kleinen, verschieden geformten Punziereisen. Sandkamp macht das von beiden Seiten, um die Kontur zu schärfen, und weil das auf hartem Untergrund nicht geht, legt man zum Beispiel einen alten Teppich drunter. Aufpassen muss der Klempnermeister nur, dass beim Hin-und-Her-Hämmern das dünne Blech nicht reißt. Seit Tausenden von Jahren wird das so gemacht; in der arabischen Welt haben sie es beim Bau von Lampen und der Herstellung von Metalltellern und Serviertablets zur Perfektion getrieben.

Ist in Sandkamps Babelsberger Werkstatt die Form letztendlich fertig zum Einbau am Gebäude, wird sie so gestrichen, dass sie aussieht wie der Stein ringsum. An der Villa Schöningen ist das Ergebnis zu bewundern.

Von Rainer Schüler

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