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Happy End für Neugeborenes aus Babyklappe

Viele Babys in Potsdam gerettet Happy End für Neugeborenes aus Babyklappe

Seit 2003 existiert die Babyklappe am St. Josefs-Krankenhaus in Potsdam. Die Einrichtung ist nach wie vor die einzige dieser Art in ganz Brandenburg. Dabei konnten bislang schon zehn Babys gerettet werden – einmal sogar mit großem Happy End.

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Die Babyklappe befindet sich an der Rückwand der Krankenhauskapelle.

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Brandenburger Vorstadt. Am katholischen St. Josefs-Krankenhaus in der Brandenburger Vorstadt befindet sich seit 2003 die einzige Babyklappe Brandenburgs. Der Leitende Oberarzt der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Mattias Leupold (46) und der neue Geschäftsführer Oliver Pommerenke (41), sind von dem Hilfsangebot überzeugt.

Oberarzt Mattias Leupold und Geschäftsführer Oliver Pommerenke

Oberarzt Mattias Leupold und Geschäftsführer Oliver Pommerenke.

Quelle: Marion Kaufmann

MAZ: Wie viele Kinder wurden seit 2003 in der Babyklappe abgelegt?

Mattias Leupold: Bislang waren es zehn, sechs Mädchen und vier Jungen. Zuletzt wurden im März 2015, also vor einem Jahr, zwei Babys in die Klappe gelegt. Aber unabhängig voneinander, an verschiedenen Tagen.

Hat sich auch schon mal eine Mutter gemeldet und ihr Kind später doch an sich genommen?

Leupold: Den Fall hatten wir bisher einmal, und zwar mit einem der Babys von vergangenen März. Die Mutter des Kindes hat sich kurz nach der Geburt beim Jugendamt gemeldet. Das ist natürlich toll, wenn eine Geschichte so ausgeht.

Hatte das für die Mutter Konsequenzen? Hat sie sich strafbar gemacht, weil sie ihr Kind aussetzte?

Leupold: Dafür sind wir nicht zuständig, aber soweit wir wissen, wird das kulant gehandhabt und nicht weiter verfolgt. Schließlich will man für die Frauen ja keine Hemmschwelle aufbauen, sondern sie ermutigen, sich zu ihrem Kind zu bekennen. Das juristisch zu ahnden, wäre kontraproduktiv. Wenn ein Baby in der Klappe abgelegt wird, kommt die Kriminalpolizei von Amtswegen in unser Haus, aber die Verfahren werden dann umgehend eingestellt.

Aber Sie bewegen sich selbst auch juristisch in einer Grauzone mit ihrem Angebot.

Oliver Pommerenke: Das nehmen wir gerne auf uns. Ich kenne bislang keinen Fall, wo die Babyklappe rechtliche Konsequenzen für die Ärzte oder eine Klinik gehabt hätte.

Wissen Sie, wie es den Kindern heute geht?

Leupold: Nein, das erfahren wird nicht. Die Findelbabys werden erst einige Tage bei uns betreut, dann kommen sie über das Jugendamt in Obhut von Pflegefamilien. Nach einem Jahr kann dann ein Adoptionsverfahren beginnen. Aber wir haben dann keinen Kontakt mehr zu den Familien.

Geben Sie den Babys Namen?

Leupold: Ja, meistens überlegen sich die Kinderkrankenschwestern unserer Station Namen für die Kinder. Für die erste Meldung beim Standesamt ist das auch wichtig. Wir wählen gerne Namen mit christlichem Bezug. Wir hatten zum Beispiel mal eine Maria Stern. Den endgültigen Namen geben dann aber die Pflegeeltern.

Ist es schwierig, für die Findelkinder Pflegeeltern zu finden?

Leupold: Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Listen von Leuten, die ein Kind aufnehmen und adoptieren wollen, sind sehr lang. Das liegt auch daran, dass die Zahl der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch steigt.

Anfangs stieß die Babyklappe in Potsdam ja auch auf viel Kritik. Hat sich das inzwischen gelegt?

Leupold: Das stimmt, die Babyklappe war anfangs auch politisch umstritten. Linke und SPD wandten sich dagegen. Die CDU war dafür, auch aus christlichen Motiven heraus. Dass Kinder ausgesetzt werden, gab es schon immer. Früher wurden sie oft an Kirchentreppen abgelegt. Dass ein katholisches Krankenhaus eine Babyklappe etabliert, liegt insofern nahe. Kritiker warnten anfangs vor Missbrauch: Sie dachten, Frauen könnten sich dadurch ermutigt fühlen, leichtfertig ihr Kind wegzugeben.

Und, gab es Missbrauch?

Leupold: Nein, davon kann keine Rede sein. Im Schnitt wird pro Jahr ein Kind bei uns abgelegt. Dass Mütter massenhaft zur Babyklappe pilgern, ist nicht passiert. Bis das erste Baby in die Klappe gelegt wurde, vergingen sogar zwei Jahre: Im Februar 2006 wurde ein Mädchen zu uns gebracht, erst wenige Stunden alt. Was aber passiert, ist eine andere Art von Missbrauch: Immer wieder öffnen Leute die Klappe, um zu sehen, was darin ist – und lösen den Alarm aus.

Geht da der Puls hoch, wenn der Alarm losgeht?

Leupold: Ja, sicherlich. Man ist dann erst einmal angespannt und schaut sofort auf den Bildschirm auf der Station, der den Innenraum der Babyklappe überwacht. Wenn tatsächlich ein Baby im Wärmebettchen liegt, geht der Puls sofort nach oben. Man hofft natürlich, dass das Baby gesund ist. Zum Glück war das bislang bei allen zehn Kindern der Fall, keines war in kritischem Zustand.

In Berlin-Neukölln ist Anfang Januar ein toter Säugling in einer Babyklappe abgelegt worden. Das Neugeborene starb offenbar, weil es nicht fachgerecht entbunden wurde. Setzt die Babyklappe als Angebot nicht zu spät ein?

Pommerenke: Auch wir bieten die Möglichkeit der vertraulichen Geburt, die seit Mai 2014 in Deutschland besteht. Frauen können ihre Kinder medizinisch sicher im Krankenhaus entbinden und es dann verlassen. Die Daten werden hinterlegt und mit 16 kann das Kind seine Herkunft erfahren. Bislang gab es bei uns noch keine vertrauliche Geburt, nur zwei anonyme Entbindungen, bei denen die Frauen das Krankenhaus ohne Angabe von Daten wieder verlassen haben. Eine Klinikentbindung ist für Mutter und Kind natürlich sicherer als eine Geburt zu Hause ohne Hilfe, aber die Hemmschwelle, sich in eine Klinik zu begeben, ist für eine Frau, die ihre Schwangerschaft verheimlicht hat, sicher höher. Deswegen werden wir die Babyklappe auch weiterhin parallel behalten – als niedrigschwelliges Hilfsangebot.

Kritiker der Babyklappe stören sich aber genau an diesem Aspekt: Kinder hätten später im Leben oft darunter zu leiden, dass sie ihre Herkunft nicht kennen.

Pommerenke: Lieber kenne ich meine Herkunft nicht, bin aber am Leben. Für mich ist das kein Argument.

Können die hilfesuchenden Mütter denn sicher sein, unerkannt zu bleiben?

Leupold: Ja, die Klappe befindet sich geschützt vor fremden Blicken an der Außenseite der Rückwand der Klinikkapelle an der Allee nach Sanssouci. Der Bereich ist nicht videoüberwacht.

Was kostet der Unterhalt der Babyklappe?

Pommerenke: Das sind rund 4000 Euro im Jahr. Die Technik, also das Alarmsystem, die Kamera und die Heizung, muss gewartet werden. Auch die Versorgung der Babys übernehmen wir, dafür zahlt ja keine Krankenkasse. Aber ich finde, das ist eine geringe Summe, wenn dafür nur ein Kind gerettet werden kann. Ich bin seit Jahresanfang in Potsdam und sehr verwundert, dass es im Land Brandenburg nur eine einzige Babyklappe gibt.

Gab es nie Nachfragen von anderen Häusern?

Leupold: Soweit ich weiß, nicht. Offenbar gibt es bei vielen Krankenhäusern doch eine Angst vor der Debatte oder rechtliche Bedenken. Wir können die Kollegen nur ermuntern, auch Babyklappen einzurichten: Immerhin zehn Kinder wurden allein in Potsdam so schon gerettet.

Interview: Marion Kaufmann

Von Marion Kaufmann

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