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Harte Worte vor Dezernentenwahl in Potsdam

„Politischer Filz“ Harte Worte vor Dezernentenwahl in Potsdam

Obwohl Imogen Buchholz im Bewerbungsverfahren um den Sozialdezernenten-Posten in Potsdam sehr gut abgeschnitten hat, hat OB Jann Jakobs (SPD) SPD-Fraktionschef Mike Schubert als Kandidat für die Wahl am Mittwoch gekürt. Im MAZ-Gespräch äußert sich Buchholz nun offen zu ihren Erfahrungen und Eindrücken. Ihr Fazit: „Politischer Filz“.

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Imogen Buchholz.

Quelle: Privat

Potsdam. Imogen Buchholz (parteilos) ist Dezernentin für Soziales, Jugend, und Gesundheit im Bezirksamt Hamburg-Altona. Im MAZ-Interview spricht Buchholz über ihren Eindruck von der Potsdamer Polit-Szene.

Frau Buchholz, welchen Eindruck hatten Sie von der Ausschreibung?

Imogen Buchholz: Ich habe mich nicht aus Eigeninitiative beworben, sondern ich wurde von der Personalberatungsfirma Kienbaum angesprochen. Ich war gar nicht aktiv auf Stellensuche. Kienbaum hat dann relativ schnell reagiert, sie fanden mein Profil gut. Alles lief sehr professionell und sachbezogen. Ich konnte auch meine Fragen loswerden. Eine meiner ersten Fragen war, ob es ein echtes Verfahren sei oder ob es sich nur um eine Formalie handle, die durchlaufen werden muss. Schließlich hatte ich in der Zeitung von der Bewerbung des SPD-Fraktionschefs Mike Schubert gelesen. Ich wollte wissen, ob Herr Schubert der gesetzte Kandidat sei.

Und was antwortete man Ihnen?

Buchholz: Das wurde ganz klar so beantwortet, dass es der Stadt um fachliche Qualifikation geht und dass sie sich deshalb entschlossen habe, einen Personaldienstleister für eine bundesweite Suche einzuschalten. Im Bewerbungsverfahren gab es ein Gespräch und ein Assessment Center wie es allgemein üblich ist. Das einzige, was mich überrascht hat: Dass kein Vertreter der Stadt dabei war. Dass sich Oberbürgermeister Jann Jakobs keine Zeit nimmt - okay. Aber kein Personalchef war da, kein Vertreter von Jakobs. Bei uns in Hamburg ist es zwingend so: Wenn ein Dezernent ausgesucht wird, dann sind der Bezirksamtschef, Personalchef sowie Frauen- beziehungsweise Behindertenbeauftragte dabei. Ich dachte immer, dass die Rathausmitarbeiter doch wissen wollen, mit wem sie künftig zusammenarbeiten.

Aber es gab doch dann auch noch ein persönliches Gespräch mit dem Oberbürgermeister im Potsdamer Rathaus, oder?

Buchholz : Ja, es gab ein einstündiges Gespräch, das angenehm verlief. Wir haben über die Anforderungen der Stelle und die Situation in Potsdam gesprochen. Aber mit dem, was bei Kienbaum abgefragt wurde, hatte das alles nichts zu tun.

Hatten Sie etwas anderes erwartet?

Buchholz : Ich hatte keine Erwartungen. Aber es war ja eine Stelle mit sehr hohen fachlichen Anforderungen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich jemand aus dem Rathaus in Potsdam ein genaues eigenes Bild von meiner fachlichen Qualifikation machen wollte. Das hat man komplett Kienbaum überlassen. Alles Weitere habe ich dann immer nur noch aus der Zeitung erfahren: Welche Rangfolge es gab und wer sich in Potsdam für wen ausgesprochen hat. Diese mangelnde Geheimhaltung bei einer Bewerbung hat mich auch sehr befremdet.

„Herr Jakobs hat ausweichend geantwortet“

Wie ging es danach weiter?

Buchholz: Ich hörte eine Zeit lang nichts, bis mich der Oberbürgermeister am 22. Juni anrief, um mir zu sagen, dass er Herrn Schubert zur Wahl vorschlagen würde.

Mit welcher Begründung?

Buchholz: Die Begründung lautete; Lokalkolorit, kommunalpolitische Erfahrung und fachliche Vorerfahrung, die für das Ordnungsamt nützlich sei. Ich sagte, ich sei verwundert, weil diese Kriterien im Ausschreibungstext gar nicht erwähnt waren. Darauf hat Herr Jakobs dann ausweichend geantwortet.

OB Jann Jakobs (SPD, 2vl) und SPD-Fraktionschef Mike Schubert (3vr) auf einem Foto aus dem Jahr 2013

OB Jann Jakobs (SPD, 2.v.l.) und SPD-Fraktionschef Mike Schubert (3.v.r.) auf einem Foto aus dem Jahr 2013.

Quelle:

Sind Sie enttäuscht, wie das alles gelaufen ist?

Buchholz: Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass ich die Stelle nicht bekommen habe. Aber ich bin verärgert darüber, wie diese Entscheidung zustande kam. Es ist eine fachlich nicht angemessene Entscheidung. In der Ausschreibung hieß es, dass jemand mit Erfahrung in den Bereichen Soziales, Jugend und Gesundheit gesucht wird sowie mit Führungserfahrung von großen Personalkörpern. Nach dem, was ich von der Vita von Herrn Schubert weiß, müsste ich die Qualifiziertere sein. Gemessen an dem Ausschreibungstext halte ich die Entscheidung für nicht begründbar. Es ging nicht um Qualifikation, sondern nur darum, politische Machtspielchen zu spielen.

Woran machen Sie das fest?

Buchholz: Bei den Äußerungen der Vorsitzenden des Arbeitskreises Sozialdemokratischer Frauen (ASF) bin ich vom Glauben abgefallen. Diese Frau müsste doch das allergrößte Interesse daran haben, dass Frauen gefördert werden sollten. Und das einzige, was sie sagt ist, dass das Gleichstellungsgesetz bei Wahlbeamten nicht greift!

„Das war ein starkes Stück und rufschädigend“

Beim Auswahlverfahren sollen Sie auf Platz eins der drei Kandidaten der Endrunde gelegen sein, Mike Schubert auf Platz drei.

Buchholz: Das ist zumindest das, was mir gegenüber von Kienbaum angedeutet wurde. Aber jetzt sagen ja alle Vertreter der Rathauskooperation, dass es kein Ranking gab. Ich weiß nicht mehr, wem ich da glauben soll.

Als Ihre Bewerbung bekannt wurde, fokussierte man sich teilweise in den Potsdamer Medien sehr stark auf den Fall des kleinen Tayler, der totgeschüttelt wurde. Taylers Familie wurde von Ihrem Amt sowie von einem privaten Träger betreut.

Buchholz: Ich finde es in Ordnung, dass man diese Information in der Presse wiedergibt, denn es war ein schwerwiegendes Ereignis und hat mich sehr beschäftigt. Ich fand es aber schade, dass in der Presse einfach nur aus der Hamburger Presse zitiert wurde und nicht hinterfragt wurde, ob das in dieser Form auch tatsächlich stimmt. Man hätte es besser kenntlich machen sollen, dass zitiert wird. Was mich aber noch viel mehr stört, war der Umstand, dass man mir in der Berichterstattung Mobbing von Mitarbeitern unterstellt hat. Das war ein starkes Stück und rufschädigend.

„Ich dachte: Warum fragen die das?“

Nach der Bewerbungsphase bei Kienbaum gab es noch die Vorstellungsrunde bei allen Fraktionen. Wie haben Sie diese Gespräche empfunden?

Buchholz: Ich bin in allen Fraktionen freundlich und interessiert aufgenommen worden – bis auf die AfD, die den Termin abgesagt hatte. Bei allen anderen fand ich die Fragen, die mir gestellt wurden, in Bezug auf meine Person angemessen und passend. Nur bei der SPD war es ein bisschen komisch. Da hieß es gleich zu Anfang, dass statt der vorgesehen halben Stunde nur 20 Minuten Zeit wäre. Bei einigen Fragen, die mir gestellt wurden, dachte ich: Warum fragen die das?

Was für Fragen waren das denn?

Buchholz: Die erste Frage lautete: In Potsdam gibt es so viele Einbrüche - welche Strategie zur Verbrechensbekämpfung bei Einbrüchen haben Sie? Daraufhin habe ich geantwortet, dass Strafverfolgung eine Sache der Polizei sei und dass man da als Stadtverwaltung nur präventiv wirken könnte.

Und die nächste Frage?

Buchholz: Da ging es darum, welche konzeptionellen Vorstellungen ich für die Stadtwerke und das Klinikum hätte. Der Punkt ist: Ich habe mich nicht um die Geschäftsführung dieser beiden städtischen Unternehmen beworben, sondern ich würde in den Aufsichtsräten sitzen. Es wäre dann nicht meine Aufgabe, für die inhaltliche Arbeit der Stadtwerke zuständig zu sein, sondern eine Kontrollfunktion auszuüben. Ich habe geantwortet, dass ich erst mal die Ideen der Leitungskräfte dieser Unternehmen kennenlernen müsste und mich dann austauschen müsste. Aber für die konzeptionelle Arbeit sind nun einmal die Geschäftsführer zuständig. Die dritte Frage der SPD-Fraktion lautete dann, mit welchen Grundwerten der Sozialdemokratie ich mich identifizieren könnte.

„Das finde ich schon traurig“

Hat man Ihnen auch Fachfragen – konkret das Ressort betreffend – gestellt?

Buchholz: Es gab zum Beispiel eine offene Frage: Welche Themen wollen Sie bewegen? Im Gegensatz dazu wollten die anderen Fraktionen etwas wissen zu meiner fachlichen Erfahrung und zu meiner Führungskompetenz und zu meinen Stärken und Schwächen. In meinem Herzen stehe ich der SPD näher als den meisten anderen Parteien. Und dann legt eine Partei, die sich soziale Themen auf die Fahnen geschrieben hat, keinen Wert darauf, eine Person zu küren, die dafür Expertise mitbringt – das finde ich schon traurig.

„Man muss damit rechnen, dass sich Menschen bewerben, die die Potsdamer Verhältnisse nicht im Detail kennen“

Hinter vorgehaltener Hand lautete der Vorwurf, Sie hätten sich nicht ausreichend auf Potsdam eingelassen.

Buchholz: An mehreren Stellen, wenn man mich nach Lösungsvorschlägen für Potsdam gefragt hat, habe ich gesagt: Ich lese seit meiner Bewerbung viel in den Potsdamer Zeitungen und recherchiere im Internet, aber ich muss erst mal die Probleme genau und persönlich kennen, bevor ich Lösungen präsentieren kann. Aufgrund dieser Informationen kann ich die Situation nicht analysieren. Ich kündige keine Maßnahmen an, die ich nicht fundiert begründen kann. Solche Aussagen habe ich tatsächlich in den Vorstellungsrunden getroffen. Wenn man bundesweit ausschreibt, dann muss man auch damit rechnen, dass sich Menschen bewerben, die die Potsdamer Verhältnisse nicht im Detail kennen.

„Meine Themen: Flüchtlinge und demografischer Wandel“

Ein weiterer inoffizieller Vorwurf lautete, Sie hätten noch keinen eigenen Haushalt verwaltet.

Buchholz: Die Haushaltsstrukturen in Hamburg sind anders als in Potsdam. Ich habe Umgang mit vielen Haushaltsfragen gehabt. In meinem Dezernat stehe ich in der Verantwortung für einen Haushalt in mehrstelliger Millionenhöhe, der gesteuert werden muss. Aber die Strukturen einer Haushaltsaufstellung sind in einem Stadtstaat anders als in einem Flächenstaat und in einer selbstständigen Gemeinde. Aber ich halte mich für durchaus in der Lage, das Neue zu bewältigen.

Welche Anliegen hätten Sie gerne in Potsdam umgesetzt?

Buchholz: Ich bin in einigen Fraktionen gefragt worden, welche Themen mir besonders unter den Nägeln brennen. Zum einen ist dies das Thema Flüchtlinge. Zum anderen ist es der demografische Wandel. Da habe ich die Vision, dass man zu neuen Formen der Nachbarschaft kommen soll. Das habe ich auch so dargelegt.

Sozialdezernentenwahl findet am Mittwoch statt

Imogen Buchholz (Jahrgang 1961) ist Juristin. Sie hat zwei erwachsene Söhne. In Hamburg-Altona leitet sie das Dezernat Soziales, Jugend, Gesundheit.

 

Am Mittwoch steht SPD-Fraktionschef Mike Schubert in der Stadtverordnetensitzung zur Wahl als Sozialdezernent. OB Jann Jakobs (SPD) schlug ihn als Favoriten der Top-Drei der Bewerber vor. Die Rathauskooperation (SPD, CDU, Grüne) sprach sich für ihn aus.

Wie bewerten Sie jetzt rückblickend die Ereignisse in Potsdam?

Buchholz: Manches – wie die Behauptung in einer Zeitung, dass ich Mitarbeiter gemobbt hätte – fand ich wie gesagt rufschädigend. Generell fühle ich mich nicht gut behandelt. Ich habe alles, abgesehen von der telefonischen Mitteilung des OB über seine Entscheidung, nur aus der Presse erfahren. Niemand hat mit mir gesprochen. Aber jeder hat in jedes Mikrofon hineingesprochen, das ihm hingehalten wurde, um seine Meinung kundzutun. Personalentscheidungen und Debatten gehören hinter verschlossene Türen, aber hier hat sich ja keiner zurückgehalten.

„Das wird Herrn Schubert schaden“

Fühlen Sie sich persönlich durch das alles beschädigt?

Buchholz: Das Ergebnis beschädigt andere mehr als mich. Die Stadtverordnetenversammlung beschädigt sich extrem selber und ich finde, dass Herr Schubert auch beschädigt ist. Er ist eine öffentliche Person in Potsdam und dass ihm der Ruf anhaftet, aufgrund von politischem Filz ins Amt des Sozialdezernenten gekommen zu sein, wird ihm schaden.

Stehen Sie noch bereit, falls Mike Schubert am Mittwoch doch nicht gewählt werden sollte?

Buchholz: Ich habe meine Bewerbung nicht zurückgezogen. Irgendwie muss man als Frau auch sagen: Ich streiche jetzt nicht die Segel, wenn der Wind kräftig von vorne bläst.

 

Interview: Ildiko Röd

Von Ildiko Röd

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