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Stadtwerke Potsdam lassen Mieter hängen

Schäden nach Spülbohrungen Stadtwerke Potsdam lassen Mieter hängen

Bewohner in der Templiner Straße in Potsdam sind fassungslos: In ihren Kellern brachen in den vergangenen Wochen Böden auf. Zäher Schlamm ergoss sich in die Räume und verschmutzte Inventar. Für die Mieter ist klar: Schuld sind sogenannte Spülbohrungen für eine Kabelverlegung. Doch die zuständigen Stadtwerke wollen erst ein Gutachten abwarten.

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Siegbert Prinz zeigt den aufgebrochenen Kellerboden in seinem Haus in der Templiner Straße.

Quelle: Rainer Schüler

Templiner Vorstadt. Am 1. Juli tat sich am Brauhausberg die Erde auf: Wegen einer verdächtigen Delle hatte man die Straße über den Berg komplett gesperrt und sägte sie auf. Der Schnitt war noch nicht beendet, da stürzte die Straße ein, drei Meter in die Tiefe. Unter der Delle hatte sich ein gewaltiges Loch von fünf Metern Durchmesser gebildet; nur die knapp 20 Zentimeter dünne Asphalt-Fahrbahn lag noch darüber. Eine Katastrophe hätte hier passieren können, wenn die Straße mitten im Verkehr gebrochen wäre.

Gutachter wurden bestellt, um herauszufinden, wie das Loch entstanden war und ob es zu tun hatte mit einer Spülbohrung vom Brauhausberg hinab zur Havel, unter der Straße hindurch. Starkstromkabel sollten hier verlegt werden für einen Ringschluss im 110-Kilovolt-Netz von Potsdam. Die Stadtwerke als Auftraggeber der Bauarbeiten erklärten damals schnell, die Bohrung sei am Loch vorbei gelaufen und habe damit nichts zu tun.

Für Siegbert Prinz (52), der nur wenige hundert Meter weiter in der Templiner Straße wohnt, ist die Sache aber völlig klar: „Natürlich hat die Spülbohrung das Loch gemacht.“ Etwa 60 Zentimeter Durchmesser habe der Bohrkopf gehabt; die Spülflüssigkeit, die man in den Bohrkanal presste, um ihn nach der Bohrung wieder aufzufüllen, muss enorm gewesen sein. Seine Beobachtung stimmt, denn die Bohrung hatte einen Durchmesser von 65 Zentimetern. Ein Bündel von vier flexiblen Schutzrohren mit je 20 Zentimetern Durchmesser schob man ein. Es wird derzeit mit den Stromkabeln bestückt.

Mysteriöses Loch am Brauhausberg

Ein etwa drei Meter tiefes Loch tat sich am 1. Juli in der Straße Am Brauhausberg auf. Die Straße wurde gesperrt, das Loch mit Erde verfüllt.

Wie sich inzwischen herausgestellt hat, lief eine horizontale Spülbohrung genau vier Meter unter dem Loch. Bis Ende August verweigerte die Energie und Wasser Potsdam (EWP) allerdings jede weitere Auskunft zur Ursache und erklärte, die Gutachter hätten sich noch nicht erklärt.

Doch statt wie geplant Ende August werde das Gutachten „nicht vor Ende September“ vorliegen, sagte jetzt Stadtwerkesprecher Stefan Klotz der MAZ. Die Arbeiten an dem Gutachten seien „sehr umfangreich“.

Entlang der Bohrtrasse über Hermannswerder durch die Havel hinüber zum Umspannwerk in der Brandenburger Vorstadt gebe es keine weiteren Gefährdungspunkte, so Klotz. Boden- und Georadaruntersuchungen hätten das ergeben. Ein Bodengutachten habe es auch vor der Bohrung am Brauhausberg gegeben, ohne eine Gefährdung festzustellen, „sonst wäre keine Baugenehmigung erteilt worden“.

 

Prinz ist selber ein Spühlbohropfer, in der eigenen Straße, wo dasselbe holländische Unternehmen bohrte, das die Ausschreibung des Gesamtauftrages gewonnen hatte. Die Bohrung in der Templiner Straße nahe des Sportplatzes war nicht angekündigt worden. Voruntersuchungen an der Straße und den denkmalgeschützten Mietshäusern des Arbeiterbauvereins Potsdam e.G. hat niemand beobachtet, Aushänge gab es keine. „Am 26. Juni ist es passiert. Wir hatten ganz wenig Wasserdruck. In den Wohnungen spürte man die Bohrerschütterungen“, erzählt Prinz: „Wir dachten uns nicht viel dabei.“ Dann brach im Keller der dünne Betonfußboden auf. Grauer Schlamm überschwemmte die Räume knietief und machte unbrauchbar, was unten stand und lag.

Bentonit heißt das Stabilisierungsmittel, das man mit enormem Druck hinter dem Bohrer in die Erde presst, damit das Erdreich hinter den Bohrgestänge nicht wieder zusammenfällt. Es füllt Hohlräume auf, offenbar nicht nur die der Bohrung. Es suchte sich auch andere Wege, drang in Wasseradern, verdrängte dort das Wasser. Prinz, der selbstständiger Handwerker ist, Tischler und Gartenbauer, rannte raus zu den Holländern, doch die bohrten zunächst weiter, und weiter drang der Schlamm ins Haus. Irgendwann hörte die Aktion auf. Die Arbeiter machten schlichtweg Schluss zum Wochenende.

In den Kellern verhärtete sich der Bohrschlamm zu einer zähen Masse, die bei der ungeplanten Trocknung an der Luft Risse bekam. Aus heutiger Sicht gehen die Stadtwerke nach Auskunft ihres Sprechers Stefan Klotz davon aus, dass der Bentonitaustritt im Zusammenhang mit der Bohrmaßnahme steht, doch das müsse erst gutachterlich bewiesen werden.

Aus dem Keller gerettete Utensilien sind völlig verschmutzt

Aus dem Keller gerettete Utensilien sind völlig verschmutzt.

Quelle: R.S.

Prinz hatte im Keller sein Büro mit Akten und mit Technik, in Nebenräumen seine Waschmaschine, einen Kühlschrank, Fahrräder und diverse Dinge, die man halt so im Keller hat, denn die Wohnungen sind klein. Auf 6500 Euro bezifferte Prinz den Schaden, ersetzt bekommen hat er bislang nichts. Man habe die Schadensliste bekommen und prüfe sie, erfuhr er, mehr passiert ist nicht. „Üblicherweise“, sagt Prinz, „werden Schäden gleich beglichen. Man holt sich das Geld später bei der zuständigen Versicherung zurück. Ich hätte es korrekt gefunden, wenn man wenigstens eine Teilsumme auszahlt und nicht wartet, bis alles restlos geklärt ist. Ich muss ja weiter arbeiten. So kann man mit den Menschen nicht umgehen. Es sind auch andere betroffen, drei Häuser, 15 Mietparteien.“

Der Schlamm suchte sich seinen Weg in alle Ecken des Kellers

Der Schlamm suchte sich seinen Weg in alle Ecken des Kellers.

Quelle: R.S.

Die Betroffenen würden eine Entschädigung bekommen, verspricht Klotz. Deren Höhe zu klären, sei aber Sache der Versicherungen und der Gutachter. Lediglich ausgeräumt und gesäubert wurden die Keller. Man legte Suchschachtungen an, um den Bentonitverlauf nachzuvollziehen. Was sie ergeben haben, wurde bislang nicht bekannt. Der Bauverein nutzte den bösen Zwischenfall zum Auswechseln alter Leitungen in den Kellern und pflasterte den Fußweg neu, der wegen der Bohrung ebenso gerissen war wie die Straße, doch die setzte sich wieder. In einigen Wohnungen rissen Fensterstürze und Wände unter den Tapeten, doch der Bauverein verweigerte bislang jede Auskunft zu den entstandenen Schäden und der Ursachenforschung. Das Verfahren laufe noch, erklärte man. Ob die holländische Bohrfirma für die Schäden zur Verantwortung gezogen werden muss, ist unklar. Auch dies muss das Gutachten erst klären.

Von Rainer Schüler

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