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Heimisch wurde Theodor Storm hier nicht

Spurensuche in Potsdam Heimisch wurde Theodor Storm hier nicht

Theodor Storm hätte am Donnerstag seinen 200. Geburtstag gefeiert – er verbrachte auch vier wenig glückliche Jahre in Potsdam. Eine Spurensuche über drei Wohnungen in der preußischen Residenzstadt.

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Altersporträt des berühmten Schriftstellers Theodor Storm (1817–1888) aus Husum.

Quelle: epd

Potsdam. Theodor Storms Potsdamer Jahre zählen zu den schwierigsten seines Lebens. Als er im November 1853 in der preußischen Garnisonstadt eintraf, lag eine lange Zeit beruflicher Ungewissheit hinter ihm. Aufgrund der erfolglos gebliebenen Schleswig-Holsteinischen Erhebung gegen Dänemark hatte Storm seine Zulassung als Rechtsanwalt in Husum verloren und musste sich eine neue Existenz aufbauen.

Storm mietete eine Wohnung in der Brandenburger Straße ganz in der Nähe seines Dienstortes, dem Königlichen Kreisgericht in der Lindenstraße. Zunächst sichtlich erleichtert, schrieb er seiner Frau Constanze, die mit ihren drei Söhnen erst später eintraf: „Ueber die Potsdamer Wohnung wirst Du Dich freuen; ich habe sie heute gleich auf 4 fernere Monate, auf 7 Mark gemiethet. Außerdem liegt die Wohnung dicht am Brandenburger Thor, wo es nach Sanssouci hinausgeht.“

Dass Storm der Abschied von Husum dennoch sehr schwergefallen war, belegen seine Briefe an die Eltern, die von einer bedrückenden „Heimwehverstimmung“ gezeichnet sind. Der Weg zum Gericht war ein „recht sauerer Gang“. Einsamkeit und „das drückende Gefühl, in einem fremden Lande“ zu sein, wo einem „der Boden unter den Füßen fehlt“, belasteten Storm ebenso wie die „Unterordnung“, die er als Husumer Rechtsanwalt bisher nicht kannte. Als Assessor ohne Stimmrecht war Storm in Potsdam lediglich einem Referendar gleichgestellt, der einer Gegenzeichnung des vorgesetzten Richters bedurfte. Hinzu kamen Ängste, den Herausforderungen des Preußischen Landrechts nicht gewachsen zu sein. Auch gegenüber Theodor Fontane beklagte sich Storm über eine permanente Überforderung durch zahlreiche Bagatellprozesse und das kaum zu bewältigende Aktenpensum. Es gab zudem große finanzielle Sorgen, weil Storm im ersten Jahr kein Gehalt bezog und die Familie auf Unterstützung der Eltern angewiesen war. Im Juli 1854 zog sie deshalb in eine günstigere Wohnung in der Waisenstraße, wo Tochter Lisbeth geboren wurde; im April 1856 folgte ein letzter Umzug in die Kreuzstraße.

Trotz aller Belastungen bemühte sich Storm um literarische Kontakte. In Berlin hatte er Ende 1852 die Kunsthistoriker Friedrich Eggers und Franz Kugler sowie Fontane und Adolph Menzel kennengelernt, die einen kleinen literarischen Zirkel unterhielten und über eigene Texte diskutierten. In diesem Kreis wurde Storm herzlich aufgenommen, der inzwischen durch sein Gedicht „Oktoberlied“, wie Fontane meinte, schon „als eine Art Gattungsbegriff“ bekannt war. Wenngleich die Spannungen untereinander zunahmen, Storms Berlin-Besuche im Laufe der Zeit weniger wurden und auch die Freunde nur noch selten nach Potsdam kamen, hatte Storm zumindest in den ersten Monaten ein geeignetes Gesprächsforum gefunden. Auch in Potsdam vermehrten sich Storms gesellschaftliche Kontakte. Die Kollegen schätzten ihn und luden ihn zu Lesungen ein, und in der „Litterarischen Gesellschaft zu Potsdam“ wurde Storm Mitglied. Bei den Zusammenkünften im Palais Barberini trug er Kostproben aus seinem poetischen Werk sowie aus Eduard Mörikes Gedichten vor.

Storm befürchtete, im preußischen Exil keine poetischen Texte mehr schreiben zu können. Dennoch entstanden einige Gedichte, kleinere Novellen und der Aufsatz „Theodor Fontane“. Storm lobte darin einerseits Fontanes Gedichte, die frühen Novellen und „Ein Sommer in London“, meinte aber andererseits, dass Fontanes „beste Leistungen“ wohl doch eher „in der Zukunft liegen“. In Storms Gedichten findet man zahlreiche autobiografische Spuren. In „Meeresstrand“ etwa schwingt die Sehnsucht nach seiner Heimat Husum mit, in „Für meine Söhne“ hingegen ist Storms kritische Auseinandersetzung mit Preußen zu spüren und die Novelle „Im Sonnenschein“, die vor der Gemäldegalerie im Park von Sanssouci entstand, verdeutlicht einmal mehr Storms Verlangen, dem Potsdamer Alltag zu entfliehen.

Im September 1856 wurde Storm zum Kreisrichter in Heiligenstadt ernannt und kehrte auch nach seiner Übersiedelung nach Husum 1864 nicht mehr nach Potsdam zurück. Inwiefern die Potsdamer Jahre Storm beeinflusst haben, bleibt offen. Storms Preußenablehnung aber, die sein poetisches Werk durch die Kritik am preußischen Obrigkeitsstaat und Adel durchdringt, dürfte sich mit dem Aufenthalt in Potsdam gefestigt haben.

Zur Autorin: Dr. Gabriele Radecke ist Leiterin der Theodor Fontane-Arbeitsstelle an der Universität Göttingen. Sie ist Mitherausgeberin der Großen Brandenburger Fontane-Ausgabe und hat den Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Theodor Fontane kommentiert.

Von Gabriele Radecke

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