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Potsdam „Heimkinder haben einen schwierigeren Start ins Leben“
Lokales Potsdam „Heimkinder haben einen schwierigeren Start ins Leben“
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19:44 26.03.2018
Das Kinderheim Am Stern ist mächtig in die Jahre gekommen und soll nun abgerissen werden. Quelle: Friedrich Bungert
Potsdam

Bei der diesjährigen MAZ-Weihnachtsaktion sammeln wir für den Neubau des Kinderheims Am Stern. „Heimatstern“ heißt das Projekt, bei dem die Kinder und Jugendlichen mitbestimmen dürfen, wie ihr neues Zuhause gestaltet wird. Die MAZ möchte den Kindern und Jugendlichen eine Wohnwand mit gepolsterten Höhlen stiften. Liebe Leser, bitte helfen Sie mit, dass wir das schaffen!

Wie wichtig ein gemütliches Zuhause ist, erzählt Heimleiter Thorsten Häcker im Interview.

Der 46-jährige Sozialpädagoge und Vater 13-jähriger Zwillingssöhne stammt aus Stuttgart und kam 1996 fürs Studium an der Fachhochschule nach Potsdam – und blieb.

Thorsten Häcker leitet das Kinderheim Am Stern. Quelle: Friedrich Bungert

Elf Jahre hat Thorsten Häcker bei der Suchthilfe in Berlin gearbeitet, dreieinhalb in Potsdam als systemischer Familientherapeut. Seit September 2016 ist er Einrichtungsleiter des Kinder- und Jugendhilfeverbunds des Deutschen Roten Kreuzes – oder kurz: Heimleiter.

Heimkind – das war lange Zeit ein Schimpfwort...

...und es ist immer noch mit einem Makel behaftet. Es ist aber nicht mehr so wie früher, als es wichtig, war, wer man ist und woher man kommt. Die Frage der Herkunft ist heute in der Gesellschaft nicht mehr so entscheidend. Und auch für Kinder und Jugendlich ist es nicht mehr so wichtig, ob jemand im Heim lebt oder bei den Eltern, man kann dennoch befreundet sein. Trotzdem ist die allgemeine Vorstellung von Kinderheimen eine überholte.

Inwiefern?

Viele Menschen denken, Heimkinder sind verhaltensauffällig und aggressiv. Dem ist nicht so. Kein Kind kommt verhaltensauffällig auf die Welt – das ist meine tiefste Überzeugung. Aber: Kinder reagieren mit auffälligem Verhalten auf die Überforderungen, die ihnen das Leben bietet. Und Heimkinder haben nun einmal einen schwierigeren Start ins Leben. Aber die Kinder werden hier im Heim sehr gut versorgt und sie machen auch alle einen Schulabschluss. Wir Erwachsenen leben es ihnen hier vor: Ihr seid wertvoll. Das wirkt sich enorm auf ihr Selbstwertgefühl aus. Früher haben sich viele Heimkinder versteckt. Heute sind sie selbstbewusster: Wir sind die Truppe aus dem Kinderheim! Dazu wird auch das tolle neue Haus beitragen.

Mit welchem Vorurteil würden Sie gern aufräumen?

Dass wir hier arme Leute sind zum Beispiel. Ich sage es ganz deutlich: Wir brauchen keine gebrauchten Sachen – wir versorgen die Kinder mit neuen Sachen. Natürlich sind unsere Kinder materiell nicht so gut ausgestattet wie viele andere, aber sie haben alles – auch ein i-Phone. Der Gedanke, dass etwas Gebrauchtes für sie noch gut genug ist, ist diskriminierend. Nein, die Kinder sind genauso gut wie alle anderen und haben neue Sache verdient! Aber dieses Bild von Oliver Twist ist noch immer drin in den Köpfen.

Wie sieht der Heim-Alltag denn aus?

Der Alltag hier ist immer bunt und laut und etwas chaotisch. Morgens werden die Kleineren geweckt, die Jugendlichen stehen allein auf. Es gibt ein gemeinsames Frühstück, danach geht’s in die Kita und zur Schule. Unser Haus füllt sich ab 15 Uhr wieder. Dann zeigen die Kinder ihre Hausaufgabenhefte vor – alle, denn sie achten sehr darauf, dass Regeln eingehalten werden. Gleichbehandlung und Gerechtigkeit sind ihnen sehr wichtig – sie erziehen sich gegenseitig dazu. Wenn die Schularbeiten erledigt sind, haben die Kinder Zeit für sich. Sie bleiben im Haus oder spielen draußen, treffen sich mit Freunden oder gehen zum Sport. Um 18 Uhr sind alle zurück, dann gibt’s Abendbrot. Alle sitzen an einem großen Tisch und erzählen, streiten, lachen, essen. Anschließend können die Kinder den Fernseher anmachen, aber wir haben hier wenig Medienkonsum – es sind immer so viele Kinder hier, das ist viel spannender. Der Kleinste, er ist fünf Jahre alt, wird um 19.15 Uhr ins Bett gebracht. Der Älteste mit 17 geht um 22 Uhr selbstständig ins Bett – dann ist übrigens auch das W-Lan ausgeschaltet.

Machen die Kinder zusammen Ferien?

Im Sommer unternehmen sie eine Reise, meist geht es an die Ostsee. Hier im Heim haben wir regelmäßig ein Wochenende für Ausfüge – in den Volkspark oder Dank Kids-Kultür in die Biosphäre, ins Museum, ins Kino... Alle zwei Wochen haben die Kinder ein Wochenende bei ihren Eltern, der Oma, der Tante oder großen Schwester...

Wieso leben die Kinder hier und nicht bei Ihren Eltern?

Kinder zu erziehen, ist die anstrengendste Zeit im Leben – vor allem, wenn man selbst Schwierigkeiten hat. Diese Schwierigkeiten sind verschieden, meist kommen mehrere zusammen: man ist arm, alleinerziehend, eine Familientragödie hat sich ereignet. In der Regel sind die Eltern selbst nicht durch eine glückliche Kindheit gegangen. In der Summe führt das dazu, dass sie es nicht schaffen, ihre Kinder so zu versorgen wie sie es brauchen. Es sind trotzdem keine schlechten Eltern. Sie geben jeden Tag ihr Bestes. Familien haben Krisen. Die Frage ist, wie geht man damit um? Wenn eine Krise auf die nächste folgt, können das einige Menschen nicht bewältigen – die Kinder bleiben auf der Strecke. Vernachlässigung ist viel, viel weiter verbreitet als Gewalt.

Kann das Heim das Zuhause ersetzen?

Das tut es de facto, aber das beste Zuhause ist immer noch die Herkunftsfamilie. Ich kenne kein Kind, das sagt: Ich hab keinen Bock, übers Wochenende zu meinen Eltern zu gehen. Natürlich haben Jugendliche eine Trotzphase, aber auch sie wollen ihre Eltern sehen. Eltern bleiben Eltern bleiben Eltern! Das hat mit Liebe zu tun, aber auch mit einem Verantwortungsgefühl. Kinder sind sehr loyal und jedes Kind möchte, dass es Mama und Papa gut geht. Vielleicht ist dieses Beispiel treffend: Eine Armproteste ersetzt die Funktion des Armes, ist aber nie das Gleiche.

Wie lange bleiben die Kinder hier?

Manche bleiben ein Jahr, weil es eine Krise in der Familie gab und das Ziel die Rückführung ist. Aber manchmal sind Ziele nicht zu halten – deshalb werden hier viele Kinder erwachsen. Dieses Jahr haben wir drei junge Frauen in die Selbstständigkeit entlassen. Eine von ihnen war elf Jahre bei uns.

Was haben Sie gedacht, als sie das Haus das erste Mal betreten haben?

Es hat mir nicht gefallen. Es ist an vielen Stellen geflickt und nicht grundlegend saniert worden und darunter hat der Zustand sehr gelitten. Mein erster Gedanke war, hier wurde die Entwickelung verschlafen – es wird Zeit, dass sich etwas ändert. Die Arbeit der Kollegen aber ist grandios und macht die baulichen Missstände wett. Mir ist hier kein einziges unglückliches Kind entgegengekommen und das ist das Verdienst der Erzieher. Sie sind mit Herz und Seele dabei, einfach großartig. Das gleicht sehr vieles aus.

Was macht den Heimatstern aus?

Dass wir ihn nicht für Kinder bauen, sondern mit Kindern. Wir sie gefragt, was sie sich wünschen. Wir haben auch die Kollegen gefragt, was sie brauchen, um gut arbeiten zu können. Dann haben wir Kompromisse gefunden. Den Pool auf dem Dach wird es nicht geben – dafür eine Dachterrasse und einen Sandspielplatz mit Wasserpumpe. Wir können unser neues Haus gestalten – das ist eine tolle Sache. Der Heimatstern wird ein Zuhause, in dem man sich wohlfühlt und auf das unserer ganze Truppe stolz ist.

MAZ-Weihnachtsaktion: So können sie spenden

Für den Neubau ihres Heims „Heimatstern“ möchte die MAZ den Kindern und Jugendlichen eine Wohnwand mit gepolsterten Höhlen stiften. So können Sie dafür spenden:

Deutsches Rotes Kreuz

Bank für Sozialwirtschaft

IBAN: DE46 1002 0500 0003 3597 00

BIC: BFS WDE 33 BER

Verwendungszweck: MAZ-Heimatstern

Haben Sie Anregungen zur MAZ-Weihnachtsaktion oder eine Geschichte zum Thema Kinderheim? Kontaktieren Sie uns: 0331/2840280 und potsdam-stadt@MAZ-online.de

Von Nadine Fabian

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