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Potsdam Heiße Debatte auf neutralem Boden
Lokales Potsdam Heiße Debatte auf neutralem Boden
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15:02 24.11.2017
Chefredakteurin Hannah Suppa mit den Diskutanten: Lutz Boede (Mitinitiator des Bürgerbegehrens gegen die Garnisonkirche), Wieland Eschenburg (Kommunikations-vorstand Stiftung Garnisonkirche), Andreas Kitschke (Experte für Potsdamer Kirchen) und Gerd Bauz (Martin-NIemöller-Stiftung). Quelle: Christel Köster
Potsdam

Wütende oder zustimmende Zwischenrufe aus dem Publikum, spontaner Applaus, hitzige Debattenbeiträge – beim MAZ-Talk am Mittwoch im Alten Rathaus war richtig Dampf im Kessel. Schließlich drehte sich das Podiumsgespräch, das von Chefredakteurin Hannah Suppa moderiert wurde, um das Aufregerthema par excellence: „Die Garnisonkirche – ein neues Wahrzeichen für Potsdam?“ Auf dem Podium: Wieland Eschenburg, Kommunikationsvorstand der Garnisonkirchenstiftung, und der Potsdamer Kirchenexperte Andreas Kitschke als Unterstützer des Wiederaufbaus; auf Seiten der Kritiker Gerd Bauz von der Martin-Niemöller-Stiftung und Lutz Boede, Mitinitiator des Bürgerbegehrens gegen die Garnisonkirche. Fast 180 MAZ-Leser waren gekommen.

Viele Debattenbeiträge gab es aus dem Publikum des MAZ-Talks. Quelle: Christel Köster

Auch drei Wochen nach dem Gottesdienst zum Baustart des Garnisonkirchturms, der von Protesten begleitet war, ist das Interesse an dem Wiederaufbauprojekt ungebrochen.

Wie gut gelingt die Aufarbeitung der Vergangenheit?

Gerd Bauz von der kirchennahen Martin-Niemöller-Stiftung, der aus Frankfurt/Main angereist war, hielt mit seiner Kritik nicht hinterm Berg: Der Garnisonkirchenstiftung wirft er einen „wirklichen Nicht-Umgang mit 14 Jahren Weimarer Republik“ vor.

Gerd Bauz (Martin-Niemöller-Stiftung). Quelle: Christel Köster

Auch Lutz Boede, Mitinitiator des Bürgerbegehrens, sieht auf der Internetseite der Stiftung nur den „Tag von Potsdam“, den 21. März 1933 mit dem Nazi-Festakt zur Eröffnung des Reichstags in der Garnisonkirche – aber nicht viel mehr. Die Vorgeschichte des „Tags von Potsdam“ komme viel zu kurz in der Darstellung, kritisierte Bauz: „Wir stoßen da auf Geschichtsklitterung und Fehlinterpretationen.“

Kirchenexperte Andreas Kitschke. Quelle: Christel Köster

Eine Bewertung, die den Kirchenexperten Andreas Kitschke so richtig auf die Palme brachte. „Sie tun so, als wäre die Nazi-Bewegung in Potsdam entstanden“, wetterte er, um dann auf die Anfänge in München zu verweisen. Und: „Hitler war auch kein Preuße.“ In der Weimarer Zeit sei Preußen ein Hort der Demokratie gewesen, SPD-dominiert regiert von Ministerpräsident Otto Braun. Das Potsdamer Gotteshaus wiederum sei nicht mehr verstrickt gewesen als andere Kirchen. Auch Anhänger der nazi-kritischen Bekennenden Kirche hätten sich in der Gemeinde befunden.

Ist die Versöhnungs- und Erinnerungsarbeit nicht nur eine politisch- korrekte Hülle, das Narrativ für den Wiederaufbau?

Nein, sagte Wieland Eschenburg, Kommunikationsvorstand der Garnisonkirchenstiftung: „Wir machen eine Arbeit, die bitter nötig ist.“ Seit Jahren ist die Garnisonkirchenstiftung Mitglied in der Nagelkreuzgemeinschaft von Coventry, die den internationalen Versöhnungsgedanken propagiert.

Wieland Eschenburg (Kommunikationsvorstand Stiftung Garnisonkirche). Quelle: Christel Köster

Dazu zählen Gebete mit jüdischen Gläubigen oder Veranstaltungen zur Demokratie. Kitschke erklärte jedoch unumwunden: „Für mich steht an erster Stelle die schöne barocke Architektur.“

Wer versöhnt sich bei der Versöhnungsarbeit mit wem?

Auf diese Frage gab es – trotz mehrmaligen Nachfragens – keine schlüssige Antwort.

Kann man ein Gebäude für seine Vergangenheit verantwortlich machen? Immerhin werden auch andere Bauten mit Nazi-Vergangenheit weiter genutzt – Beispiel: das Bundesfinanzministerium in Berlin, Ex-Machtzentrale von Hermann Göring

„Wenn man ein Gebäude umnutzt, ist das ein Paradigmenwechsel – wenn man es wieder aufbaut, dann setzt man sich in eine Traditionslinie“, antwortete Lutz Boede. Aus Sicht der Kritiker besteht die reale Gefahr, dass sich der Bau zum „braunen“ Wallfahrtsort entwickelt: „Die einzige Sicherheit, dass es nicht zur Vereinnahmung durch Rechte kommt, ist ein anderes Äußeres“, argumentierte Boede.

Lutz Boede (Mitinitiator des Bürgerbegehrens gegen die Garnisonkirche). Quelle: Christel Köster

Bauz schlug in eine ähnliche Kerbe: Zu Nazi-Zeiten habe man die Kirche zu Werbezwecken – „Potsdam, Geburtsstätte des Dritten Reiches“ – verwendet. Er könne „nur davor warnen, dass dieses Gebäude das Wahrzeichen einer demokratischen Stadt sein soll“. Würde das die internationale Presse aufgreifen, „dann kriegen Sie Probleme mit dem Tourismus“, so Bauz.

Blick in den Saal. Quelle: Christel Köster

Ist der Bau durchfinanziert?

„Es fehlen zehn Millionen bis zur Vollendung der kompletten Schönheit“, erläuterte Wieland Eschenburg den Ist-Stand. Heißt: Derzeit kann nur ein Torso bis zur Aussichtsplattform gebaut werden, danach hofft man auf Spender, um die veranschlagten 38 Millionen Gesamtprojektkosten zusammenzubekommen. Aus dem Publikum wurde moniert, dass da die Preissteigerungen der vergangenen Jahren noch nicht berücksichtigt seien. Lutz Boedes Prognose: Die Spendensammlung scheitert, es bleibt nur ein Fragment. „Es gibt kreative Künstler in der Stadt, die noch etwas daraus machen können“, sagte er süffisant.

Ist eine Versöhnung von Kritikern und Befürwortern möglich?

Zumindest zwischen der Niemöller-Stiftung und der Garnisonkirchenstiftung scheint es durchaus die Bereitschaft zur inhaltlichen Kooperation zu geben. Sowohl Eschenburg als Kitschke sprachen die Einladung zur Zusammenarbeit aus. Auch Bauz räumte ein, dass es bei Kuratoriumsmitgliedern der Garnisonkirchenstiftung wie Renke Brahms, dem EKD-Friedensbeauftragten, den Willen zu einem „Dialog auf Augenhöhe" gebe. Deutlich wurde am Mittwoch aber auch: Es braucht Formate wie den MAZ-Talk, um auf neutralem Boden miteinander zu reden.

Der MAZ-Talk bot neutralen Raum, um sich über die strittigen Themen auseinanderzusetzen. Quelle: Christel Köster

Von Ildiko Röd

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