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„Helfen Sie mir, der Mann ist böse!“

Polizist gibt Tipps zum sicheren Schulweg „Helfen Sie mir, der Mann ist böse!“

Rund 1900 Erstklässler werden heute in Potsdam eingeschult. Am Montag beginnt der Unterricht. Im MAZ-Interview spricht der Potsdamer Polizist und Buchautor Steffen Meltzer über Gefahrenabwehr auf dem Schulweg, selbstbewusste Kinder und die Sorgen der Eltern.

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Nicht alle Kinder können gemeinsam und damit sicherer zur Schule gehen.

Quelle: dpa

Potsdamer. Der Potsdamer Polizist und Einsatztrainer Steffen Meltzer (54) vermittelt in seinem aktuellen Ratgeber „So schützen Sie Ihr Kind“ Verhaltenstipps, die nach dem Fall des verschwundenen Elias gerade für Schulanfänger und deren Eltern hilfreich sind.

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Für rund 1900 Potsdamer Erstklässler beginnt am Montag die Schule. Ab wann sollten Kinder den Schulweg allein zurücklegen?

Steffen Meltzer: Das hängt vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes und dem Schwierigkeitsgrad eines Schulweges ab. Prinzipiell sollte ein sechs- bis siebenjähriges Kind in der Lage sein, den Schulweg allein zu bewältigen. Anfangs geht man am besten mit. Später führt das Kind selbst und erklärt seinen Eltern, warum es eben diese Strecke geht. Wichtig ist, falls sich das Kind anders entscheidet, ihm keine Vorwürfe zu machen. Der Weg mit anderen Kindern oder öffentlichen Verkehrsmitteln ist dem Weg allein zu Fuß vorzuziehen. Kinder sollten auch wissen, wie sie sich in Situationen verhalten, die ihnen unangenehm sind. Sie können sich auf ihrem Weg Rettungsanker einprägen wie Geschäfte, Cafés oder Behörden. Dorthin kann das Kind laufen und um Hilfe bitten.

Steffen Meltzer

Steffen Meltzer.

Quelle: Friedrich Bungert

Vor den Schulen fahren ab Montag trotzdem wieder viele „Elterntaxis“ vor. Ist das übertriebene Sorge?

Meltzer : Es gibt sicher Ausnahmen, die das notwendig machen. Zum Beispiel, wenn der Schulweg sehr unübersichtlich oder das Kind noch überfordert ist. Ansonsten bin ich der Meinung, dass man seinem Kind durch Loslassen und Vertrauen eher Gutes tut. Es gewinnt an Selbstvertrauen. Und das ist die Basis für seine Sicherheit.

In Potsdam hat das Verschwinden des sechsjährigen Elias im Vorjahr viele Eltern verunsichert. Was kann man gegen diese Angst tun?

Meltzer: Das Wichtigste ist Vertrauen in sich selbst und sein Kind. Eigene Ängste sollten niemals auf das Kind übertragen werden. Dazu gehört auch die Akzeptanz, dass es keine absolute Sicherheit oder Garantie gibt. Fast alle Kinder, die verschwinden, finden sich wieder unversehrt ein. Viele Vermisstenfälle sind Sorgerechtsstreitigkeiten zwischen getrennten Eltern. Nur ein extrem geringer Anteil der Kinder bleibt verschwunden. Dieses Wissen und damit die Relativierung von wirklichen Gefahren, können helfen. Beruhigend ist es auch, sein Kind auf die Schule, den Schulweg und die damit verbundenen Gefahren angstfrei und sensibel vorbereitet zu haben.

Wie sollte ein Kind denn reagieren, wenn es auf dem Schulweg von einem Fremden angesprochen wird?

Meltzer: Nicht stehen bleiben, weitergehen und auf Distanz bleiben. Klar sagen: „Nein, das will ich nicht!“ Dabei laut schreien, damit andere Erwachsene aufmerksam werden. Ein Kind soll von seinem Recht wissen, dass niemand gegen seinen Willen in seinen „Wohlfühlbereich“ eindringen oder es gar anfassen darf. Auch soll es lernen, wie es sich Hilfe organisiert, beispielsweise: „Sie in der blauen Jacke, helfen Sie mir, der Mann ist böse!“ Gegebenenfalls muss ein Kind auch in der Lage sein zu kratzen, zu beißen, zu spucken, um sich zu schlagen und die Flucht ohne Schulranzen kreischend zu ergreifen. Es kommt dabei nicht auf komplizierte Abwehrtechniken an, sondern darum, Intuitionen zu aktivieren, die wir alle in uns tragen, Kinder sowieso.

Ist der Verkehr auf dem Schulweg nicht die größere Gefahr als eine Attacke von Fremden?


Meltzer: Die Risiken im Straßenverkehr sind deutlich größer, als die, Opfer eines Verbrechens durch Fremde zu werden. Die Gefahr von Kindesmissbrauch, gerade bei kleineren Kindern im sozialen Nahfeld, ist ebenso höher. Aus der Bindungsforschung ist bekannt, dass das Gefahrenrisiko deutlich steigt, wenn keine vertrauensvolle, einfühlsame Bindung zu den Eltern besteht. Diesen Kindern gelingt es dann weniger als anderen, eine selbstsichere Persönlichkeit aufzubauen. Sie suchen dann oft vertrauensselig Ersatz für Zuwendung bei fremden Menschen, sind dadurch leichter verführbar.

Das suggeriert aber, dass Eltern eine Mitschuld trifft, wenn dem Kind etwas zustößt.

Meltzer: Eltern, die fast alles richtig machen, können leider trotzdem ihr Kind verlieren. Auch viele Erwachsene haben nicht gelernt, „Nein“ zu sagen. Opferbiografien sind mitunter die Folge. Deshalb ist es wichtig, dass ein Kind von Anfang an lernt, ein deutliches „Nein“ zu formulieren, wenn es emotional spürt, dass ihm etwas nicht gut tut. Und das sollten Eltern unterstützen.

Für Eltern ist es aber nicht sehr hilfreich, wenn das Kind auf eigene Anweisungen immer mit „Nein“ antwortet.

Meltzer: Es geht nicht darum, kleine Tyrannen heranzuziehen, sondern empathische und soziale Menschen, die selbstsicher ihren eigenen Gefühlen vertrauen. Eltern sollten Kinder nicht maßregeln, sondern mit ihnen immer im Gespräch sein und alle Facetten des Lebens erklären und durchspielen, im wahrsten Sinne des Wortes: spielen! Die Urinstinkte, das Urvertrauen von Kindern soll durch spielerische, alltagstaugliche Übungen aktiviert werden. Das bleibt wirklich bei Kindern nachhaltig hängen und kann sie also schützen!

Sie raten außerdem, Kindern ein Handy mitzugeben. Dieser Rat wird viele Lehrkräfte nicht gerade erfreuen.

Meltzer: Handy oder nicht entscheiden letzten Endes ausschließlich die Eltern. Ein Handy mit aktivierter GPS-Funktion zeigt aber mit wenigen Metern Toleranz sehr genau, wo sich eine vermisste Person befindet. Man sollte zur Kostenkontrolle eine Prepaid-Card und bis zur vierten Klasse ein spezielles Kinderhandy benutzen.

Am Montag beginnt die Schule wieder

1900 Erstklässler in Potsdam werden heute eingeschult. Am Montag beginnt dann der Unterricht.

Steffen Meltzer erklärt in seinem Buch, wie Kinder sicher zur Schule kommen. Der Einsatztrainer bei der Fachhochschule der Polizei arbeitet derzeit als Sachbearbeiter in der Prävention der Polizeiinspektion Potsdam.

Sein Buch „So schützen Sie Ihr Kind! Polizeitrainer vermittelt Verhaltensrichtlinien zu Gewaltabwehr“, Preis 9,95 Euro. Beziehbar über www.steffen-meltzer.de

 

Von Marion Kaufmann

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