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Nach Gully-Sturz: Verwandte erstatten Anzeige

Ermittlungen gegen Stadtwerke Potsdam Nach Gully-Sturz: Verwandte erstatten Anzeige

Nach dem tödlichen Gully-Sturz einer 83-Jährigen in Potsdam mehren sich Zweifel an der offiziellen Version. Die Verwandten erheben Vorwürfe gegen die Stadtwerke, weil sie daran zweifeln, dass die Baustelle ausreichend gesichert war. Außerdem gibt es weitere Ungereimtheiten.

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An dieser Stelle ist die 83-Jährige in einen offenen Gully gestürzt.

Quelle: privat

Potsdam. Die am Donnerstag nach ihrem Absturz in einen offenen Gullyschacht gestorbene Anneliese Wolf (83) ist nicht den Folgen ihrer Kopfverletzungen erlegen.

Eine Obduktion hat nach Darstellung der Angehörigen ergeben, dass eine Vielzahl von Knochenbrüchen zum Tod der Frau geführt hat, die mit einem Rollator auf dem Weg zum Arzt war. Sie soll wegen eines abbiegenden Autos vom Straßenrand zurückgewichen und in den Schacht gestürzt sein, der angeblich mit vier Absperrkegeln, einem Warnschild und dem Messfahrzeug selbst gesichert gewesen sein soll.

Anwalt rechnet damit, dass gegen Stadtwerke ermittelt wird

Mehrere Experten bezweifeln, dass das ausreichend war, während die Stadtwerke sich keiner Schuld bewusst sind.

Die Polizei hatte noch am Freitag Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet, doch geht der Anwalt der Familie, Mathias Noll, davon aus, „dass sich die Ermittlungen auf die Stadtwerke und ihre Mitarbeiter konzentrieren.“ Die Angehörigen fordern die Aufklärung des Unglücks, um ähnliche Vorkommnisse künftig zu verhindern. Die Frau hinterlässt einen kranken, pflegebedürftigen Mann und drei Kinder.

Zweifel an der Darstellung der Polizei

Schwere Zweifel an der Darstellung des Unfallhergangs quälen die Familie. Sie will nicht glauben, dass die nach zwei Hüftoperationen gehbehinderte Frau das Warnschild, die vier Absperrkegel und den offenen Gully umkurvt haben soll, ehe sie an den Rand der Straße trat, die sie überqueren wollte. Die Kinder des Opfers vermuten vielmehr, dass die Kegel nicht da standen, wo sie später auf den Fotos der Presse zu sehen waren.

Sie hegen zudem Zweifel an der polizeilichen Darstellung, ein Auto sei von der Friedrich-Engels-Straße zum Taxistand neben dem Busbahnhof abgebogen und habe die Frau veranlasst zurückzutreten. Wäre sie beim Rückwärtsgehen rücklings in den Schacht gestürzt, hätte sie nach Ansicht der Angehörigen den offenen Schacht zuvor überfahren und übergehen müssen. Sie nehmen eher an, dass die Rentnerin vor dem Messfahrzeug zur Seite auswich, das ja einen Kran über dem Gully ausfahren und eine Kamera oder eine Sonde in den Schacht ablassen wollte. Dazu musste es rückwärts an den Gully heran fahren. Hinter dem Fahrzeug gab es offenbar keine Sicherungsperson.

Staatsanwaltschaft gibt keine Auskunft

„Da hätte auch ein kleines Kind reinfallen können“, sagt Norbert Wolf, einer der beiden Söhne des hinterbliebenen Ehemannes: „Ein Kind kennt so ein Warnschild nicht und nicht diese Absperrkegel. So eine Absperrung kann nicht korrekt sein, sonst wäre Mutter da nicht rein gestürzt.“ Wie sie tatsächlich durch die nur 80 Zentimeter große Gullyöffnung rutschen konnte, ist für Norbert Wolf völlig unklar; die Staatsanwaltschaft lehnt jede Auskunft ab. Sieglinde Sipos, Tochter des Opfers, will erfahren haben, dass ihre Mutter mit dem Kopf im Wasser am Schachtgrund gefunden worden, aber nicht ertrunken sein soll. Zum Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Leiche ist bislang offiziell nichts bekannt geworden.

Handtasche des Opfers ist verschwunden

Offenbar hat das Absturzopfer fast zehn Minuten im Schacht gelegen, ehe einer der Stadtwerkemitarbeiter sie fand und selber einen Schock erlitt. Die Uhr der Toten war um 9.35 Uhr stehen geblieben; die Alarmierung der Polizei durch die Feuerwehr erfolgte um 9.45 Uhr. Von dem Unglück hat niemand etwas gehört. Die Polizei spricht von Zeugenbefragungen, sagt aber nicht, wie viele Zeugen es gibt oder was sie womöglich gesehen haben. In Sichtweite des Tatortes befindet sich ein Busparkplatz des öffentlichen Nahverkehrs. Dass die Frau so lange verschwunden war, legt nahe, dass es keinen direkten Zeugen gibt. Hinzu kommt, dass die Handtasche des Opfers verschwunden ist, die nach Ansicht der Familie üblicherweise in einem zugeklappten Sitzfach des Rollators liegt, wenn sie mit der Gehhilfe unterwegs war. Die Tochter vermutet, dass jemand die Tasche gestohlen hat.

Eindreiviertelstunden nach dem Unglück stand die Kriminalpolizei mit dem Rollator vor der Wohnungstür des noch ahnungslosen Ehemannes Gerhard Wolf. Der Rollator hatte zwei kleine Aufkleber mit der Adresse der Verunglückten. Die Polizisten erklärten dem Mann, was passiert war und rieten ihm dringend davon ab, die Frau nochmal zu sehen, doch der Ehemann besteht darauf und kommt zu seinem Recht.

Gerhard Wolf sitzt mit dem Bild von der Silberhochzeit in seinem Sessel, neben sich der Sessel, in dem seine Frau Anneliese immer saß und las

Gerhard Wolf sitzt mit dem Bild von der Silberhochzeit in seinem Sessel, neben sich der Sessel, in dem seine Frau Anneliese immer saß und las. Sie las ihm oft vor, viel auch aus der MAZ. Sie studierte sie von vorn bis hinten.

Quelle: Rainer Schüler

„Wir waren 64 Jahre verheiratet“, erzählt er der MAZ: „Es gab niemals wirklich Streit. Wir haben alles miteinander besprochen. Sie hat gerne diskutiert“, sagt er, „aber sie hatte ja auch meistens Recht.“ Die Mutter habe nicht auf ihrer Meinung beharrt und oft die Wogen geglättet, berichtet die Tochter. Anneliese Wolf sei „sehr strebsam“ gewesen, sehr belesen, politisch interessiert, ergänzt der Ehemann. So habe sie ihm beim Fernstudium geholfen. Seit über 40 Jahren hätten sie beide die Zeitung „von vorn bis hinten“ gelesen, erst die Märkische Volksstimme, dann die MAZ. Wenn sie mal vergessen hätten, die Zeitung aus dem Kasten zu holen, sei er noch nachts hinaus gegangen, sie zu holen: „Bis in die Früh hat sie mir vorgelesen. Sie kannte sich echt gut aus in Potsdam und der Politik.“

Mann lernte seine Frau beim Möhrenschippen kennen

Gerhard Wolf, einer von fünf Brüdern, war noch 1945 als Jugendlicher zum Volkssturm eingezogen worden und sollte mit der Panzerfaust gegen die Russen kämpfen, die Potsdam immer näher kamen, doch er büchste aus. Fast hätten ihn die Feldjäger noch gefasst und zurückgeschickt, dann riss ihm eine Holländerin die Uniform vom Leib und bewahrte ihn vor dem Zugriff der Russen. Er hat die Bombennacht vom 14. April 1945 erlebt.

Seine spätere Frau lernte beim „Möhrenschippen“ vor einem Konsum-Laden in Neuseddin kennen. „Quatsch nicht dumm“, sagte sie zu ihm: „Hilf mal lieber!“ Schnell war die Liebe da; nach einem halben Jahr Verlobung heiratete sie ihren Gerhard im Mai 1951; da war er 21 und sie 19. Tochter Sieglinde kam im September ’51 zur Welt, Norbert im Oktober ’55, Frank im Dezember ’65.

Der Reichsbahner Gerhard Wolf fuhr gerne Schlitten mit seiner Tochter Sieglinde

Der Reichsbahner Gerhard Wolf fuhr gerne Schlitten mit seiner Tochter Sieglinde.

Quelle: privat

Ihr Mann hatte als Elektrohelfer angefangen bei der Reichsbahn. An der Fachschule in Dresden machte er schließlich seinen Meister, betreute die Indienststellung der Fahrtechnik, der Loks aus dem Karl-Marx-Werk etwa, die später in Rumänien weiter gebaut wurden. Als das Paar im Mai 2015 aus gesundheitlichen Gründen ins „Semmelhaack-Quartier“ am Bahnhof zog, störte Gerhard Wolf das nicht im Geringsten; er fühlt noch immer wie ein Eisenbahner.

Anneliese hat über Jahre Tagebuch geschrieben. Selbst Kleinigkeiten notierte sie in den Kalendern; der letzte Eintrag stammt vom 18. Juni 2015, dem Tag vor ihrem Tod. Für den Unglücksfreitag hatte sie einen 10-Uhr-Termin bei ihrem Hausarzt im Eck-Karree zwischen Friedrich-Engels-Straße und Heinrich-Mann-Allee.

Anneliese Wolf schrieb über Jahre Tagebücher und Reisetagebücher, sogar einen Lebenslauf für den Trauerredner an ihrem Grab

Anneliese Wolf schrieb über Jahre Tagebücher und Reisetagebücher, sogar einen Lebenslauf für den Trauerredner an ihrem Grab.

Quelle: privat

Gemeinsame Reisen nach der Wende

Doch nicht nur Tagebuch hat sie geschrieben, auch einen Lebenslauf, „für den Fall“, sagt Tochter Sieglinde Sipos, „dass sie stirbt und der Trauerredner nicht weiß, was er erzählen soll.“ Geboren am 27. März 1932 in Potsdam, wuchs sie hier auch auf ging zur Schule in der Stadt bis 1946. 1997 zog die Familie nach Schlunkendorf. Sie arbeitete im Bekina-Kindernahrungswerk von Beelitz und begann 1948 eine kaufmännische Lehre beim Konsum, wo sie ja Gerhard kennenlernte. 1958 folgte sie ihm in den Dienst der Reichsbahn, arbeitete im Bahnwerk Seddin bis zur Wende, ging 1990 in den Vorruhestand, ’92 dann in Rente.

Schon zu DDR-Zeiten reiste das Paar begeistert gern, sparte drauf, hatte einen Garten, den Anneliese über alles liebte, baute sich dort einen Bungalow. Nach der Wende waren sie in Italien, in Norwegen und Ungarn, Griechenland, Holland und der Türkei; mehrfach in Polen: in Swinemünde und in Kolberg. Sie schrieb stets Reisetagebücher. Das Paar liebte sich. „Mindestens 20 Mal am Tage haben wir uns geküsst“, erzählt Gerhard und gibt noch etwas aus Annelieses Leben preis: „Sie war ein Fernseh-Fußballfan.“

Die Familie kämpft nicht nur mit den Emotionen kurz nach dem Tode der Ehefrau, Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Sie muss jetzt regeln, wie es mit Gerhard weitergeht, der krank ist, schwer sogar. Er kann sich unter Schmerzen zwar allein bewegen in der barrierefreien Wohnung, braucht aber die Hilfe seiner Lieben. Und die stehen alle noch voll im Beruf.

Von Rainer Schüler

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