Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Hipsterglück und Havelblick

Neue MAZ-Serie Hipsterglück und Havelblick

Wie lebt es sich den Potsdamer Stadtteilen? Welche besonderen Menschen bereichern den Kiez, welche neuen Geschäfte gibt es und was sollte man als Zugezogener unbedingt kennenlernen? In einer neuen Serie „MAZ zu Hause ...“ beleuchten wir immer zwei Wochen lang einen Stadtteil. Den Auftakt macht die Brandenburger Vorstadt.

Voriger Artikel
Rewe ersetzt Kaiser’s-Markt in Potsdam
Nächster Artikel
Klavier-Shootingstar David Fray in Potsdam

Generationentreff Rudolf-Tschäpe-Platz. Der Kiez ist bei Jung und Alt beliebt.

Quelle: Foto: Christel Köster

Brandenburger Vorstadt. Die Mütter haben ihren Zweitwohnsitz bezogen. Im gleichnamigen Café in der Geschwister-Scholl-Straße mit den bewusst zusammengewürfelten Möbeln ist es gemütlich und ein bisschen so, als wäre man in den Morgenkreis einer Krabbelgruppe geraten. Zwischen Kaffeelöffelklappern und Hintergrundplappern weint ein Kleinkind. Frauen Ende 20/Anfang 30 sitzen mit Babys in bunten Tragetüchern an Kaffeetischen und löffeln Kuchen aus dem Glas. Dabei sagen sie Sätze wie: „Ich bin immer nur am Organisieren“, „mir ist es wichtig, dass der Mann auch Zeit hat mit dem Kind“ und „ich sag auch manchmal zu Malte, ist doch ne geile Zeit jetzt“. Dann wird besprochen, wer wann wieder in den Kreativ-Job einsteigt, wo es Büros für Freiberufler zu mieten gibt und ob man eine Verengung der Zeppelinstraße gut finden würde – wo man eh nur mit Fahrrad und Kinderanhänger unterwegs ist.

Gute Lage zwischen Park und Havel

Gute Lage zwischen Park und Havel.

Quelle: Grafik Scheerbarth

Die Zeppelinstraße, die beim Stillen und Chillen im Kiezcafé erörtert wird, ist die Hauptschlagader der Brandenburger Vorstadt. Gleichzeitig ist die mehrspurige Trasse mit Straßenbahngleis eine Art Scheidewand, die den Stadtteil in eine rechte und linke Herzkammer teilt. Stadtauswärts gesehen links, liegen die Siedlung am Schillerplatz mit ihren wuchtigen, dreigeschossigen Häuserblöcken und das Neubaugebiet Auf dem Kiewitt: Plattenbauten mit idyllischer Aussicht auf die Havelbucht, in denen viele Rentner leben.

Der Prenzlauer Berg von Potsdam

Rechts der Zeppelinstraße liegt der Kiez, den wohl die meisten mit der Brandenburger Vorstadt verbinden. Feuerbachstraße, Sellostraße, Rudolf-Tschäpe-Platz und – der aktivste Muskel – die Geschwister-Scholl-Straße mit Cafés, Bioladen, Buchhandlung. Nicht weit der Zugang zum Park Sanssouci als riesigem Gemeinschaftsgarten hinter den denkmalgeschützten Mehrfamilienhäusern. Der Prenzlauer Berg Potsdams mit Second-Hand-Designerkinderwagen schiebenden Soja-Latte-Muttis, die auf Metropole machen – dieser Ruf eilt dem kinderreichen Viertel seit einiger Zeit voraus.

Cherif Diagne (29), Tischler

Cherif Diagne (29), Tischler: „Ich stamme aus dem Senegal und fühle mich im Kiez sehr wohl. Die Menschen sind sehr freundlich, grüßen, suchen das Gespräch. Es ist wie in einem Dorf – und man kommt gut nach Berlin von hier aus.“

Quelle: Bungert

„Ich war seit 20 Jahren nicht im Prenzlauer Berg“, sagt Kai Weber trocken. „Wie die das wohl finden in Berlin, dass sie immer mit Potsdam verglichen werden?“, fügt er in einem Selbstbewusstsein hinzu, das wohl typisch ist für die Bewohner der Brandenburger Vorstadt. Man wohnt nicht eben zufällig hier, sondern weil man sich bewusst dafür entschieden hat. Kai Weber stammt aus Göttingen, lebt seit 1993 in Potsdam und hat schon einige Stadtteile durch wie Babelsberg und Waldstadt. In der Brandenburger Vorstadt habe er nun seinen „Punkt“ gefunden. Kai Weber (45) ist Büroleiter der SPD-Landtagsabgeordneten Klara Geywitz und selbst für die SPD in der Stadtverordnetenversammlung. Aber – auch wenn Politik immer irgendwie eine Rolle spielt – sitzt er nur als Bewohner am Tisch in der Waschbar, der Waschsalon-Kneipe, die längst Kult ist im Kiez. Weber ist Vorsitzender des Vereins Brandenburger Vorstadt. Mit ihm am Tisch sitzt Ulrike Bleyl (46), Hebamme und Vorsitzende des Stadtteilnetzwerks Potsdam-West, das nicht nur für die Brandenburger Vorstadt, sondern auch für das Neubauviertel Haeckelstraße zuständig ist.

Zahlen und Fakten

11.544 Einwohner waren 2014 mit Haupt- und 373 mit Nebenwohnung in der Brandenburger Vorstadt gemeldet.

Das Durchschnittsalter liegt bei 42, 8 Jahren.

Der Kinderanteil liegt bei 12,6 Prozent – und damit 0,7 Prozent über dem Potsdamer Gesamtdurchschnitt.

Der Pkw-Anteil liegt bei 31,3 Prozent . Das sind 6,9 Prozent weniger als in der gesamten Landeshauptstadt.

Die Wohnfläche je Einwohner liegt bei 38,4 Quadratmeter – mehr als der Potsdamer im Durchschnitt hat.

Singlehaushalte überwiegen (3848) zwar, aber es gibt auch 545 Haushalte mit vier und mehr Personen.

379 Alleinerziehende sind unter den insgesamt 1238 Haushalten mit Kindern.

Politik : Die Linke war bei der Kommunalwahl 2014 im Stadtteil mit 22,8 Prozent stärkste Kraft, gefolgt von SPD (19,3 Prozent) und Grünen (17,9 Prozent). Die Wählergruppe Die Andere war mit 16 Prozent in der Brandenburger Vorstadt gewohnt stark.

Dass die beiden gleichaltrigen Vorsitzenden gemeinsam an einem Tisch sitzen, sagt viel über die Entwicklung der Brandenburger Vorstadt seit der Wende. Ursprünglich waren sich die Vereine nicht grün. Ein klassischer Generationenkonflikt. Der Verein Brandenburger Vorstadt wurde 1996 gegründet. Als Antwort von Alteingesessenen auf den Wandel, der sich im Kiez andeutete. „Die meisten Wohnungen waren zu der Zeit noch unsaniert und recht günstig“, erklärt Weber. Viele Studenten zogen damals in den Kiez. „Schon damals ging es um Integration“, sagt Weber, der im Verein mit Mitte 40 ein Youngster ist – das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt zwischen 60 und 70.

Zwei Vereine, die sich ergänzen

Das Stadtteilnetzwerk wurde 2010 aus der Taufe gehoben, von Jüngeren wie Ulrike Bleyl. Eine Gruppe Kreativer wollte den bei Zuzüglern beliebten Stadtteil auf ihre Art beleben – anfangs kritisch beäugt vom etablierten Verein. Inzwischen, betonen Ulrike Bleyl und Kai Weber, arbeite man gut zusammen und ergänze sich. Die „Lust am Miteinander“ sei es, die den Stadtteil besonders mache, meint die Hebamme. „Die Brandenburger Vorstadt ist der aktivste Stadtteil“, ist auch Weber überzeugt. Es gibt ein Stadtteilfest, einen lebendigen Adventskalender und Projekte wie das „Stadtteilauto“, das mittlerweile 300 Mitglieder hat. Nicht nur Autos, auch ein Paddel- und ein Segelboot sowie ein Motorrad werden gemeinschaftlich genutzt.

Achim Beeck (79), Diakon und Werkzeugmacher in Rente

Achim Beeck (79), Diakon und Werkzeugmacher in Rente: „Ich bin Am Schillerplatz, der früheren Friedrichstadt, aufgewachsen und ging aus beruflichen Gründen nach Berlin. Mein Bruder lebt noch hier und möchte nirgendwo anders wohnen.“

Quelle: Bungert

Karin Latschkowski hat den Wandel miterlebt. Die 72-Jährige ist in der Brandenburger Vorstadt geboren. Autonome seien ins Viertel gezogen, dann kamen die Familien, jetzt Flüchtlinge, erzählt sie. Probleme habe es nie gegeben. „Man hilft sich gegenseitig“, sagt sie.

Aber da ist noch der Kiewitt. Das Stiefkind auf der anderen Seite der Zeppelinstraße. „Eine schöne Aussicht aufs Wasser, aber keine Einkaufsmöglichkeiten“, fasst Weber das Dilemma zusammen. In der früheren Kaufhalle ist heute ein Indoorspielplatz untergebracht, für die vielen Kinder jenseits der Hauptachse.

Francis Hausmann (28), Tourismusmanageri mit Elouan (5 Monate)

Francis Hausmann (28), Tourismusmanageri mit Elouan (5 Monate): „Ich wohne seit vergangenen August hier und finde es toll. Ein super Kiez mit Kindern, viele engagierte Leute. Die Brandenburger Vorstadt ist der schönste Stopp vorm Land.“

Quelle: Bunger

Für Bewohner auf beiden Seiten der Zeppelinstraße von Vorteil: Die Verkehrsanbindung ist gut. Am Bahnhof Charlottenhof hält der Regionalexpress nach Berlin. Für Pendler und alle, die sich bei einem Besuch in Prenzlauer Berg versichern wollen, dass es sich in der Brandenburger Vorstadt viel netter lebt.

Von Marion Kaufmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg