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Potsdam „Die Monarchie hätte überleben können“
Lokales Potsdam „Die Monarchie hätte überleben können“
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00:22 01.11.2018
Dieses Porträt von Kaiser Wilhelm II. hing im Berliner Schloss. Dort hieb ein Revolutionär im November 1918 vermutlich mit einem Säbel vier Mal auf die lebensgroße Darstellung des Kaisers ein. Quelle: SPSG/ Wolfgang Pfauder
Potsdam

Am 29. Oktober 1918, heute vor 100 Jahren, floh Kaiser Wilhelm II. aus Potsdam. Der Bremer Historiker Lothar Machtan (69) hat das Buch „Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht“ über das Ende der Monarchie in Deutschland verfasst.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einer „Selbstentkrönung“ Wilhelms II. Freiwillig ging er jedoch nicht. Was meinen Sie also damit?

Lothar Machtan: Die Monarchie hätte überleben können, wenn Kaiser Wilhelm II. sie modernisiert und zur Demokratie hin geöffnet hätte. Es gab Pläne dafür in den Schubläden, doch Wilhelm weigerte sich hartnäckig, sich darauf einzulassen. Ich nenne dieses Klammern an die Macht eine Selbstentkrönung. Die Hohenzollern hätten ihre Krone vielleicht behalten, wenn er rechtzeitig zurückgetreten wäre, etwa schon im September 1918, und den Weg für Reformen freigemacht hätte.

Welche Rolle spielte sein Wohnsitz, das Neue Palais in Potsdam, in diesen letzten Tagen gegenüber dem Hauptquartier des Heeres im belgischen Spa und der Reichskanzlei in Berlin?

Das Neue Palais war Rückzugsort, aber auch Wagenburg der Familie. Die Kaiserin hatte sich in den letzten Tagen der Monarchie als besonders starke Frau behauptet. Sie verstand es, das Neue Palais zu einer Trutzburg aufzubauen, die Familie dort zu versammeln und ihren Mann damit zu bestärken, seine Thronrechte zu verteidigen. Ohne diese „Bastion“ hätte Wilhelm dem Drängen auf seine Abdankung aus Berlin nicht so standhaft trotzen können. Vor seiner Abreise ins Große Hauptquartier nach Belgien hat er sogar angeordnet, das Schloss mit Maschinengewehren und Stacheldraht gegen Übergriffe zu verteidigen.

Die Kaiserin war am Ende der Monarchie wichtige politische Akteurin?

Genauso ist es und das ist auch eine der Entdeckungen meines neuen Buches, dass man ihre Rolle in der Endphase der Monarchie bisher weitestgehend unterschätzt hat. Sie hat um ihre Dynastie gekämpft wie eine Löwenmutter und ihren Mann immer wieder vom Rücktritt abgehalten.

Hat sie aber nicht gerade dadurch den endgültigen Machtverlust der gesamten Familie befördert?

Ja, das ist die Ironie der Geschichte. Mit ihren Handlungen hat sie das Gegenteil von dem bewirkt, was sie wollte. Eine offenere Haltung, ein größeres Nachgeben hätte diese Dynastie für meine Begriffe über diese Zeit und Krise gerettet. Die starre Haltung hat zum radikalen Bruch geführt.

Am 29. Oktober 1918, genau vor 100 Jahren, floh der Kaiser übereilt aus Potsdam. Was war der Grund dafür?

Es waren im Wesentlichen zwei Motive. Er fühlte sich einerseits bedrängt, vor allem durch seine eigene Regierung, die ihn zum Rücktritt bewegen wollte. Reichskanzler Max von Baden hatte seinen persönlichen Besuch im Neuen Palais angekündigt und dieser Konfrontation wollte Wilhelm aus dem Weg gehen. Der Kaiser hatte den Besuch zwar abgelehnt, doch er war sich nicht sicher, ob die Regierung ihn, salopp gesagt, nicht doch im Neuen Palais überfallen würde.

Der Kaiser floh vor der von ihm selbst eingesetzten Reichsregierung?

So ist es. Das andere Motiv für seine Abreise war, dass man ihm eingeredet hatte, dass er im Großen Hauptquartier unter den Fittichen der Obersten Heeresleitung geschützt wäre und von dort aus auch so etwas wie eine Gegenrevolution anführen könnte. So entschloss er sich im Laufe des Tages mit seinem engsten Gefolge am Abend im Hofzug nach Spa zu reisen. Dort kam er am nächsten Morgen an. Anstelle von den zwei Villen, in denen der Kaiser dort normalerweise residierte, musste ihm in den nächsten Tagen erst einmal sein Hofzug als Quartier dienen, weil nichts vorbereitet war.

Buch und Ausstellungen zum Thema

Das Buch „Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht“ (252 S., 24 Euro) von Lothar Machtan ist gerade im Verlag WBG Theiss erschienen.

Die Ausstellung „Kaiserdämmerung“ im Neuen Palais im Park Sanssouci ist noch bis 12. November von Mittwoch bis Montag ab 10 Uhr geöffnet. Am 9. November um 14 Uhr führt Kurator Jörg Kirschstein durch die Schau.

Das Potsdam-Museum beschäftigt sich 2019 mit den Folgen des Endes der Monarchie für die Residenzstadt Potsdam. Am 24. Februar öffnet die Sonderausstellung „Umkämpfte Wege der Moderne. Potsdam und Babelsberg 1914-1945.“

Ist 100 Jahre später eine Neubewertung des Endes der Monarchie nötig?

Ich bin der Auffassung, dass man heute deutlich sagen muss, dass die Monarchie überlebensfähig und der Ausgang der Systemkrise im Herbst 1918 prinzipiell offen war. Außerdem muss man klar betonen, dass die neu entstandene Republik eher ein Produkt des plötzlichen Zerfalls des Kaisertums war, und nicht der erklärte Wille der damals im Reich maßgeblichen politischen Kräfte. Bis zum 9. November 1918 haben die Mehrheitsparteien im Reichstag alles andere gewollt als das, was später die Weimarer Republik werden sollte. Auch Friedrich Ebert als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei wollte das Kaiserreich erhalten – wenn auch nicht mit diesem Monarchen.

Die Hohenzollern waren nicht die einzigen Herrscher, die in diesen Tagen abdankten. Wie verhielt sich das Kaiserhaus im Vergleich zu den anderen deutschen Fürstenhäusern?

Was Wilhelm II. getan oder unterlassen hat, war im Deutschen Reich stets beispielgebend für die anderen Herrscher, darunter immerhin drei weitere Könige. Die Hohenzollern waren die Leit-Dynastie des fürstlichen Machtkartells. Man kann aber in allen Dynastien 1918 massive politische Verfallserscheinungen beobachten. Einen erklärten Willen zum Machterhalt der deutschen Fürsten konnte ich nirgends entdecken.

Kleine Chronik der Flucht des Kaiserpaars

Die täglichen Geschehnisse und Besuche am Kaiserhof sind in den Hof-Fourierbüchern gut dokumentiert. Jörg Kirschstein, Kurator der Ausstellung „Kaiserdämmerung“, hat sie ausgewertet. Vier Wochen dauerte es, bis nach Wilhelm II. auch die Kaiserin die Residenzstadt ins Exil verlassen hatte.

Am 29. Oktober 1918 geschah demnach folgendes: 9.30 Uhr Frühstück. Anschließend spazierte das Kaiserpaar im Park. Ab 12 Uhr empfing der Kaiser den Chef des Marine-Kabinetts. „Eventuell waren die meuternden Matrosen in Kiel Grund für dieses Gespräch“, spekuliert Kirschstein. Die Kaiserin Auguste Viktoria sprach zeitgleich mit Georg Michaelis, dem Oberpräsidenten der Provinz Pommern. „Er war Spezialist für Ernährungsfragen und könnte über die katastrophale Ernährungslage berichtet haben“, sagt Kirschstein.

Um 13 Uhr speiste das Kaiserpaar gemeinsam mit Michaelis und dem Prinzen August Wilhelm. Um 20 Uhr fand das Abendessen der beiden mit ihrem Sohn Oskar statt.

Die letzte Eintragung des Tages: „Um 23 Uhr traten Seine Majestät der Kaiser die Reise nach dem Westen von der Station Wildpark an. Ihre Majestät begleitete Seine Majestät zum Bahnhof“. Von der damaligen „Hofstation Wildpark“, heute als Kaiserbahnhof bekannt, hatte der Kaiser sich auf den Weg ins Hauptquartier nach Belgien gemacht – er kehrte nie wieder nach Deutschland zurück.

Den nächsten Tag verbrachte die Kaiserin mit Spaziergängen und ihrer Hofdame. Am 31. Oktober fuhr sie nach Berlin und besuchte die Kronprinzessin in Cecilienhof.

Am 4. November lud sie den Potsdamer Polizeipräsidenten Henry von Zitzewitz zu sich – vermutlich um über die Sicherheitslage zu sprechen. Am 7. und am 8. November versammelt sich die Familie auf ihr Drängen im Neuen Palais.

Von der Verkündung der Abdankung Wilhelms II. am 9. November erfahren die Hohenzollern wie ein Gerücht. Am gleichen Tag wird das Stadtschloss aufgebrochen, doch zu Plünderungen kommt es nicht. Die Schlosswache am Neuen Palais, die aus der Leibgarde der Kaiserin besteht, bildet einen Soldatenrat, stellt aber die Kaiserin unter ihren Schutz.

Am 21. November jedoch desertieren die Wachen, woraufhin die Kaiserin das Schloss verlässt und in die Villa Ingenheim zu ihrem Sohn Eitel Friedrich zieht.

Am 26. November besucht sie einen letzten Gottesdienst in der Friedenskirche und die zum Lazarett umgenutzte Schlossorangerie.

Am Abend des 27. November folgt sie ihrem Mann vom Kaiserbahnhof aus ins Exil. Die meisten Prinzen verbleiben in Potsdam, das noch bis 1945 den Titel einer Residenzstadt trägt.

Von Peter Degener

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