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Hoher Besuch aus England besichtigt provisorische Kapelle

Dekan von Coventry ermutigt Potsdam zu Garnisonkirchen-Bau Hoher Besuch aus England besichtigt provisorische Kapelle

Es ist erst fünf Tage her, dass ein Garnisonkirchen-Gegner einen Wehrmachtsmantel überzog, Schnee drauf streute, der an Hitlers Russland-Feldzug erinnern sollte, und sich mit einem Schild in der Hand vor die freigelegten Fundamente in der Breiten Straße stellte.

POTSDAM. Darauf stand: „Den Ort der Schande baut man nicht wieder auf!“ Währenddessen bereitet die Stadt Bauarbeiten vor, um die Breite Straße schmaler zu machen – damit genug Platz für das Fundament des Garnisonkirchenturms ist, der bis 2017 wieder stehen soll.

An der Zukunft des Gotteshauses, das weltweit als Symbol des deutschen Sündenfalls 1933, der unheiligen Allianz von Konservativen und Nazis, gilt, scheiden sich mehr denn je die Geister. Kurz vor dem 80. Jahrestag des „Tags von Potsdam“ (21. März) tut der Blick von außen gut. Der frisch ernannte Dekan der Kathedrale von Coventry in England, John Witcombe, besuchte gestern die provisorische Kapelle der Garnisonkirche – ein starker symbolischer Akt, denn: Der Mann ist gerade drei Wochen das Oberhaupt jener Gemeinde, deren Gotteshaus von deutschen Bombern am 14. November 1940 in Schutt und Asche gelegt wurde.

Und was sagt er zum Wiederaufbauprojekt am „Ort der Schande“? Es sind bemerkenswerte Worte. „Wenn wir die Geschichte aus Scham vergraben, dann vergiftet sie die Erde. Wir brauchen einen Raum, in dem die Geschichten erzählt werden können. Kirchen sind sehr starke Symbole und die Menschen suchen heute mehr denn je nach Symbolen“, sagt der anglikanische Geistliche.

Dass Reverend Witcombe seinen Antrittsbesuch nach Deutschland verlegt hat, ist Absicht und ein Bekenntnis. „Es ist mir sehr wichtig, mit Dresden, Berlin und Potsdam Verbindungen und Freundschaften aufzubauen“, sagte Witcombe gestern. Die Frauenkirche in der sächsischen Hauptstadt und die Berliner Gedächtniskirche sowie die Kapelle der Versöhnung auf dem Mauerstreifen entlang der Bernauer Straße in Berlin-Mitte hat er gestern besucht.

Diese Kirchen gehören wie die Garnisonkirche der Nagelkreuzgemeinschaft an. Ihr Symbol sind drei Zimmermanns-Nägel, die ein Kreuz bilden. Aus dem Schutt des Dachstuhls der Kathedrale von Coventry hatte man sie geborgen. Nun verbinden sie Gemeinden weltweit als Zeichen der Versöhnung und der Feindesliebe. Potsdam gehört seit 2005 der Gemeinschaft an. Natürlich ist den Gästen nicht entgangen, wie umstritten das Potsdamer Wiederaufbauprojekt ist. Sie sprechen sich dennoch für die Errichtung aus. David Porter, Beauftragter für Versöhnung des Bistums Coventry, fasst die Gründe in folgende Worte: „Wenn Ihr nicht die geschichtliche Verantwortung übernehmt, dann kümmern sich andere darum – und das ist nicht gut. Man muss mit der Geschichte ringen, egal wie schwierig sie ist, muss das Gift aus dem Boden holen.“

Dekan Witcombe lässt das Schande-Argument nicht gelten und verweist auf den Bedeutungswandel des zentralen Symbols der Christenheit: „Kreuzigung war der schändlichste Weg zu sterben. In dieser Schande wurde Gott gefunden.“ Symbole könne man umdeuten. Das gelte auch für die Garnisonkirche, zumal auch deren Geschichte lichte Momente kenne.

Die enge Verbindung Potsdams zu Coventry hält Witcombe für geboten, denn die Versöhnung sei noch nicht vollendet. „Es passiert, dass Deutsche in Coventry nicht sehr freundlich aufgenommen werden.“ Gleichzeitig seien auch viele Briten „nicht gut darin, ,Entschuldigung’ zu sagen“.

Die Versöhnungs-Routine der Nagelkreuz-Gemeinden sieht ein regelmäßiges Gebet zum Andenken vor. Pfarrerin Juliane Rumpel spricht einmal im Monat in der provisorischen Kapelle in der Breiten Straße das Coventry-Gebet. Jetzt schon laufen Gespräche, wie Potsdamer und die Engländer gemeinsam den hundertsten Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs im Jahr 2014 begehen.

Unterdessen gehen die Vorbereitungen für die Rekonstruktion des Kirchturms und der beiden Seitenschiffe bis 2017 weiter. Laut Burkhart Franck, Vorsitzender der Fördergesellschaft zum Wiederaufbau der Garnisonkirche, sind 40 Millionen Euro für den Bau veranschlagt. Das Geld ist noch nicht beisammen – es fehlen noch 30 Millionen. Der Bau soll laut Franck deshalb in kleine Bauabschnitte unterteilt werden von jeweils zehn bis 15 Millionen Euro. Das Hauptschiff soll später drankommen. (Von Ulrich Wangemann)

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