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Holländer schlagen Pieten-Kompromiss vor

Streit um Sinterklaas in Potsdam Holländer schlagen Pieten-Kompromiss vor

Über ein Sinterklaasfest ohne den holländischen Nikolaus und seine Schwarzen Pieten wird heftig diskutiert. Die Grünen und die Linken sowie der Afrika-Rat lehnen die schwarz geschminkten Pieten als Relikte des Rassismus ab, die SPD will verhandeln. Holländer selbst bieten jetzt einen Kompromiss an.

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Sinterklaas (l.) mit Schwarzen Pieten – die schwarz geschminkten Weißen sind der Streitpunkt.

Quelle: Christel Köster

Raalte/Potsdam. Kommen die Schwarzen Pieten doch nach Potsdam? Die niederländische Botermarkt-Gruppe (Buttermarkt) aus Raalte (Provinz Overijssel), die den Sinterklaas-Weihnachtsmarkt am zweiten Dezemberwochenende im Holländischen Viertel gestaltet, bietet einen Kompromiss an.

Vereinschef Henk Ziel sagte der MAZ, man könne bunt geschminkte Pieten durch das Viertel laufen lassen zum Musizieren und Geschenkeverteilen, wenn der Sinterklaas nicht unterwegs ist. Doch wenn der Nikolaus auftritt, brauche er mindestens drei Schwarze Pieten, die ihm beim Tragen der Geschenke, der Näschereien, des Stabes und des Großen Buches helfen.

Sinterklaas braucht die Pieten

Außerdem brauche Sinterklaas Pieten, um die Kinder zu überraschen mit kleinen Geschenken, weil er nicht jedem Kind persönlich begegnen kann. „Die Pieten helfen Sinterklaas, wo sie können“, zitiert Ziel die jahrhundertealte Tradition. Wenn „Sint“ auf Reisen geht, begleiten ihn die Pieten. „Wer sonst würden ihm helfen beim Aufsteigen auf sein Pferd, beim Tragen des Stabes, des Großen Buches und der Geschenke? Wie würde Sint wissen, welche Kinder nett und welche unartig waren, ohne seine Pieten?“ Der Pieten Arbeit sehe man nicht, weil sie nachts im Dunkeln über die Dächer gehen, sehen und hören, was die Kinder machen, was sie sich wünschen: „Der Piet klettert in den Schornstein, um die Geschenke in den Schuh zu legen und die lieben Gaben der Kinder für Sinterklaas und sein Pferd mitzunehmen.“

Bunte Pieten sind willkommen

Der Verein könne seinen Sinterklaas „gerne auftreten lassen, wie er will, aber ohne finanzielle Förderung durch die Stadt“, bekräftigte am Montag Rathaussprecher Stefan Schulz. Potsdam habe einen Antrag auf Förderung des Sinterklaas-Auftritts mit den Zwarten Pieten – also schwarz mit Perücken und großen goldenen Ohrringen – aufgrund der Rassismus-Debatte abgelehnt. Den Kompromissvorschlag mit bunt geschminkten Pieten „begrüße“ man im Rathaus: „Das war ja eine der Ideen, die wir mit dem Verein besprochen hatten, die der Verein aber nicht wollte“, so Schulz. „Wir werden andere Darstellungen nicht verbieten! Wir werden sie nur nicht finanziell unterstützen.“

Die Geschichte des Nikolauses

Viele Geschichten über den wahren Nikolaus gibt es, beweisbar sind sie nicht. Nikolaus wirkte in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts als Bischof von Myra in der kleinasiatischen Region Lykien, damals Teil des römischen, später des byzantinischen Reichs (heute Türkei). Sein wohltätiges Wirken machte ihn zu einem der wichtigsten Heiligen der Ostkirchen und der lateinischen Kirche. Sein Gedenktag, der 6. Dezember, wird im Christentum mit zahlreichen Volksbräuchen begangen. Die Legenden basieren nicht nur auf dem Leben des Bischofs von Myra, sondern auch auf denen eines gleichnamigen Abtes des Klosters Sion bei Myra, der später Bischof in Pinara war und 564 starb.

Umstrittene Begriffe in der Debatte

Heinrich Hoffmann dichtete und malte 1844 für seinen ältesten Sohn ein Bilderbuch, weil er vergeblich nach einem Weihnachtsgeschenk gesucht hatte. Im Folgejahr erschien „Der Struwwelpeter“ – bis heute ein Bestseller. In der Episode mit den „Schwarzen Buben“ gibt es einen „Mohrenbuben“. Für die Leiterin des Frankfurter Struwwelpeter-Museums, Beate Zekorn-von Bebenburg, gehört der „Mohr“ zum Kunstwerk, das nicht verändert werden sollte. In der „Frankfurter Neuen Presse“ erklärte sie 2013, damals sei „Mohr“ ein neutraler Begriff gewesen, den Hoffmann „ganz sicher nicht rassistisch“ gebraucht habe. Hoffmann wollte Kindern vielmehr verdeutlichen, niemanden auszulachen, nur weil er anders ist.

Vielerorts gibt es Mohrenstraßen. Das mit Büsten schwarzer Männer bestückte Mohrenrondell im Park von Sanssouci umzubenennen, scheint historisch unvertretbar. Eine Potsdamer Schokolaterie stellt „Mohrenköpfe“ als Figuren her, Bäcker backen sie. Mohrenkopf heißen auch ein Schmucksteins der Turmalingruppe, ein Berg in den Allgäuer Alpen und eine Siedlung auf den Moselhöhen in Trier-Pallien, zudem ein Schmetterling, ein Pferd, ein Pilz und mehrere Taubenarten. In Potsdam gibt es im Park Sanssouci sogar ein Mohrenrondell, welches in den letzten Jahren für heftige Diskussionen sorgte.

Der „Negerkuss“ ist fast verschwunden aus dem Sprachgebrauch, gewöhnt hat man sich an den Schaumkuss. Den „Eisneger“ als Vanilleeis mit Schokoüberzug fand man unlängst noch an Eisdielen. Das Zählreim-Lied „Zehn kleine Negerlein“ (basiert auf dem amerikanischen Lied „Ten Little Injuns“ von 1868), ist oft umgedichtet worden und als „Zehn kleine Zappelmänner“ sehr beliebt in Kitas. Bill Haley, die Beach Boys und die Yardbirds sangen von „Ten Little Indians“, bei der DDR-Gruppe MTS waren es „Zehn böse Autofahrer“ , bei den Toten Hosen „Zehn kleine Jägermeister“. Der „Neger Nobi“ von Ludwig Renn, ein beliebtes DDR-Kinderbuch wird heute nur noch als „Nobi“ verlegt. In der Sternsinger-Tradition malen sich Kinder als dunkelhäutiger König aus dem Morgenland an. Auf den Musik- und Theaterbühnen ist der Othello von William Shakespeare als „Mohr von Venedig“ unangefochten präsent wie der Othello in der Oper von Giuseppe Verdi: Häufig sind die Darsteller geschminkte Weiße.

Hohe Wellen schlug einst der Streit um die Zigeunersauce. Ein Verein von Sinti und Roma aus Hannover klagte erfolglos gegen den Begriff, der seit 1903 Verwendung findet, doch die Stadt Hannover verbannte die Zigeunersoße und das Zigeunerschnitzel von den Speisekarten. Das Volkslied „Lustig ist das Zigeunerleben“ wird seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gesungen, und die Johann-Strauss-Operette „Der Zigeunerbaron“ ist von den Bühnen der Welt nicht wegzudenken.

In den USA rieb sich eine Mutter aus Sacramento in Kalifornien die Augen, als sie ihrem Sohn ein Piratenschiff des deutschen Herstellers Playmobil schenkte. Ein Mitglied der Mannschaft war farbig und trug einen Sklavenring um seinen Hals. „Rassismus“ warf Ida Lockett dem deutschen Unternehmen vor. Vier Jahre lang war das Schiff im Vertrieb in Deutschland, ehe es durch eine unstrittigere Version ersetzt wurde. Auf Amazon können Kunden das Spielzeug bis heute kaufen. rai

 

Ziel berichtet auch von einer anderen Legende, die die Herkunft der Mohren beschreibt, der Zwarten Pieten (Schwarze Peter). So soll der Bischof von Myra die Mohren aus der Knechtschaft reicher Leute befreit haben, worauf sie darum baten, ihn fürderhin begleiten zu dürfen, bis heute. Eine spanische Herkunft der Pieten wird in der niederländischen Geschichtsforschung beschrieben. Demnach hat Nikolaus (Sinterklaas) als alter Mann in Spanien gelebt, wo ihm freundliche Nachbaren halfen, wenn er Hilfe brauchte. „Aber er möchte was zurück geben“, erzählt Korbflechter Henk Ziel: „Er sieht, wie die schon jugendlichen Kinder der Nachbaren arbeitslos zu Hause sitzen, und beschließt, sie als sein Personal anzustellen, so dass er seine Lebensaufgabe erfüllen kann. Und so entwickelte sich die Geschichte vom Zwarten Piet.“

In Holland pädagogisch wertvoll

Erzieherische Werte schreibt man dem Sinterklaas-Fest in den Niederlanden zu: Das Kind kann gelobt oder väterlich ermahnt werden durch einen „geliebten Unbekannten“, der ihm ein Geschenk reicht in festlicher Atmosphäre. Ältere Kinder, die entdeckt haben, dass Sinterklaas und Zwarte Pieten ein Spiel sind, bei dem Eltern oder Nachbarn sich verkleidet haben, lernen, Menschen hinter Masken zu sehen. In Holland feiern Ziel zufolge bis zu 90 Prozent der Kinder im Alter bis acht Jahren in Kindergärten und Grundschulen das Sinterklaas-Fest, ohne Unterschiede in Herkunft, Besitz und Religion.

Von Rainer Schüler

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