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Holland liegt nicht nur in Holland

Serie: Havel-Klassiker Holland liegt nicht nur in Holland

Ein Niederländisches Plattbodenschiff in der Havelbucht ist „Wohnmobil“ eines Berliner Lehrers. Man kann das Schiff aber auch chartern.

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Bernd Preller hat das Verdeck des Niedergangs beiseite geschoben. Mit der Kaffeetasse in der Hand steigt er hinab in seine Kajüte, in der lebt, schläft, kocht und arbeitet.

Quelle: Rainer Schüler

Innenstadt. "Ich liebe Altes. Ich liebe Schrott. Deshalb hab’ ich auch den Kahn gekauft." Bernd Preller (63) sitzt in der Kapitänskajüte der "Jacob van Berlijn" (benannt nach Jacob, seinem Sohn), doch er lebt alleine hier, in dieser Kajüte, eine komplette Wohnung auf rund 15 Quadratmetern. Einsam ist er hier, aber verheiratet. Nicht, dass Ria ihm davon gelaufen wäre, aber so, wie sie einst unverhofft zu ihm gekommen war aufs Schiff, so ging sie nach zwölf Jahren wieder, um noch was anderes zu machen im Leben außer Segeln. Sie lebt heute auf einem 150 Jahre alten "Apfelhof" bei Hamburg, arbeitet als Homöopathin.

Preller ist nicht glücklich damit, aber ohne den "Kahn" kann er nicht sein. So wie Ria das einfache Leben hinterm Deich der Elbe liebt, so liebt er das einfache Leben auf der Havel. Er hat nicht viel, aber was er hat, reicht ihm vollkommen. "So still wie bei ihr am Deich könnte ich nicht leben", sagt er, "noch nicht. Vielleicht, wenn ich in Rente bin." Derzeit aber braucht er noch die Stadt nebenan, das Geräusch vorüberdonnernder Züge, den Job als Lehrer in Kreuzberg, an einer so genannten Brennpunktschule: "Ich war fünf Jahre Lehrer in Istanbul. Jetzt wollte ich die andere Seite der Türkei kennenlernen." Biologie, Chemie und Mathe unterrichtet der gelernte Biologe; mit den Kids kommt er gut zurecht: "Man kann denen nicht alles eintrichtern, was so gefordert wird. Ich bin froh, wenn die was lernen, und wenn es nicht reicht zum Abschluss, dann eben nicht." Geduld muss er haben mit den Kids in Berlin, Geduld hat er mit seiner Ria in Hamburg, Geduld hat er mit seinem Schiff.

Auf dem hat er in Holland lange Jahre Klassenfahrten veranstaltet mit Schülern; "Ebenhaezer" hieß der Ex-Frachtensegler damals. "Das kommt aus dem Alten Testament und ist hebräisch", erzählt Preller: Der Prophet Samuel soll einen Stein zu Ehren Gottes aufgestellt und gesagt haben "Bis hierher hat der Herr uns geholfen" ‒ Ebenhaezer. "Die Holländer", schätzt Preller ein, "sind superevangelisch, richtig streng gläubig. Daher solche Namen."

Bis nach Potsdam hat der Herr auch ihn geführt, der Weg war lang. Als der "Ebenhaezer"-Eigner Pleite ging und Prellers erste Ehe auch, gab es Glück im Unglück. Bei der Scheidung blieb nach dem Verkauf der Wohnung Geld übrig, um das Boot zu kaufen, 160000 Gulden hat er bezahlt, soviel wie in D-Mark. Das Schiff war inzwischen ein Wrack: Die Maschine lief nicht rund; der Generator hatte aufgegeben; die Inneneinrichtung war rottig und sowieso "mies ausgebaut". Preller nahm ein Jahr Urlaub und ließ das Schiff in Holland durchsanieren; die Werften dort können das super, denn rund 400 solcher Schiffe fahren auf dem Ijsselmeer und in der ufernahen Nordsee. Weitere 100000 Euro für den Neuaufbau in Amsterdam musste Preller sich zusammenborgen; er hat alles längst zurückbezahlt. Ostern 1989 war das Werk vollbracht. "Vorn gingen die Werftarbeiter von Deck, hinten kamen die ersten Gäste rein", erzählt Preller. 25 Leute hatten Platz unter Deck; das Geschäft lief gut. Fünf Jahre lang fuhr seine "Jacob van Berlijn", wie sie jetzt hieß, unter einem anderen Skipper. Preller verliebte sich erneut, in eine Ostfriesin, und heiratete sie. 1995 stellte er sich dann selbst ans Ruder. Die Ehe versank im Ijsselmeer.

Dann trat Ria in des Skippers Leben. Eine Woche war sie Gast unter Gästen; man reichte sich die Hand zum Abschied und würde sich nie wiedersehen. Doch zwei Wochen später war Ria wieder da, mit einem Seesack auf der Schulter; sie blieb bei ihm. Er baute ihr ein Brett in den Niedergang: "Mehr Platz kann ich nicht bieten." Ihr war’s genug. "Sie hatte sich befreit von allem Besitz", erzählt der Kapitän: "Und mich hat sie als Dreingabe gern akzeptiert." Ria war die gute Seele des Schiffs, konnte Segeln, hielt die Ordnung, die Bernd eher schwer fällt. Es wurde Liebe und die Ehe Nummer 3. Drei Kinder hatte sie, er zwei: Swantje ist 18, Jacob 30; er kommt manchmal an Bord.

"Jacob" hat eine unsichere Zukunft, denn in zwei Jahren muss Preller das Boot wohl weggeben. "Jacob ist ein holländisches Unternehmen und dort registriert mit zwei Leuten als Besatzung", erklärt er: "Jetzt sagt Holland: ,Du bist emigriert. Das Schiff ist emigriert.’" Das macht Probleme: rechtliche, finanzielle, technische. Vielleicht kommt jemand, der die Probleme löst, "Jacob" kauft und ihn als Skipper anstellt. Sonst...

Das Schiff als Wohnung am Ufer festzulegen, kostet es die Hälfte seines Wertes. Und "Jacob" kostet Geld, das er als Lehrer verdient und als Skipper. 1200 Euro frisst das Schiff. "Jeder Piep, den es sagt, kostet mich 500." Gerade erst musste er zur Werft nach Spandau, weil Wasser eindrang ins Schiff. Fünf Nieten waren weggefressen, nur warum? In Potsdam hatte er das Eisenschiff an einem Pfahl befestigt, der mit Zink legiert ist gegen Rost. Es gab eine aggressive elektrolytische Reaktion zwischen Zink und Eisen; die Nieten lösten sich einfach auf.

Und Preller kennt jede Niete am Boot. "Ich lebe nicht auf dem Schiff" sagt er: "Ich lebe mit ihm. Jacob spricht mit mir; ich erfahre von ihm selbst, dass ihm was fehlt. Wir zwei sind eine symbiotische Einheit." Preller weiß, was er da sagt: Der Mann ist Biologe.

Von Rainer Schüler

Das Schiff, der Käpt'n und sein Tag

  • Der Klipper „Jacob van Berlijn“ wurde 1910 von der Werft De Groot in Gouwsluis als Segelfrachter gebaut.
  • Das 100 Tonnen schwere Schiff fuhr vor allem Holz, Käse und „Strout“ – Sch . . . zum Düngen der Felder.
  • In den 30ern wurde ein 35-PS-Hilfsmotor eingebaut, der 1965 durch den heutigen, sehr laufruhigen Caterpillar-Diesel D333 (Baujahr: 1960, 200 PS stark) ersetzt wurde. Damit wird er 8 km/h schnell.
  • Das Schiff war bis 1970 ein Motor-Frachter, wurde wieder zum Segelschiff umgebaut und in der Charterfahrt eingesetzt.
  • Der Stahl des Rumpfes war einst acht Millimeter dick, heute sind es noch sechs.
  • „Jacob“ hat 250 Quadratmeter Kunststoff-Segelfläche an einem 25 Meter hohen Mast.
  • „Vor dem Wind“ (wie die Miniatur-Fregatte „Royal Louise“) „treibt ein Stück Holz“, sagen die Holländer und segeln am liebsten gegen den Wind.
  • Bernd Preller möchte gern mal gegen die „Royal Louise“ und das Dampfschiff „Gustav“ Rennen segeln und ist sicher, dass er gewinnen kann.
  • „Jacob“ ist der einzige noch fahrende Einmast-Klipper Hollands – ein Schiff mit dem spitzen Bug und nicht ausgebauten Heck der Windjammer.
  • Der Skipper ist im Hauptberuf Lehrer, verbringt die gesamte Freizeit auf dem Schiff, macht so gut wie nie Urlaub.
  • Er lebt das ganze Jahr an Bord. Seine Kajüte ist bestens isoliert; auch bei minus 20 Grad außen hat er es warm.
  • Der Tag beginnt um 5.30 Uhr. 8 Uhr ist er in der Schule, bis 15.40 Uhr. 18 Uhr kommt er heim, 22 Uhr ist Nachtruhe.
  • Das Schiff hat drei Zwei-Bett-Kabinen, drei Vier-Bett-Kabinen: Platz für 18 Gäste.
  • Preise: Allein in der Kabine: 50 Euro, zu zweit in der Kabine: 40 Euro pro Person. Mehr Leute in der Kabine: 35 Euro pro „Nase“; inkl. Frühstück.
    Info: www.Jacob-van-berlijn.de
    E-Mail: berndundria@freenet.de
    Tel. 0331/58 24 02 75
    Tel. 0176/62 17 88 74
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