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Frontlinien und Pin-Up-Kurven

Horst Goltz sammelt Flugblätter der Alliierten Frontlinien und Pin-Up-Kurven

Horst Goltz hat ungewöhnliche Sammelleidenschaft. Der heute 83-Jährige sammelte Flugblätter der Alliierten und begann damit im Zweiten Weltkrieg, als der Besitz von "Feindpropaganda" lebensgefährlich war.

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Horst Goltz (Jahrgang 130) hat als Kind im Krieg damit begonnen, Flugblätter zu sammeln. Dieses schwebte am 9. März 1944 direkt auf ihn herab

Quelle: Bernd Gartenschläger (2)

Potsdam. Die Jagdgründe liegen gleich da draußen. Horst Goltz linst aus dem Fenster in den tiefen Wald, der an die kleine Terrasse brandet. In dieser grünen Höhle am Fuße des Telegrafenbergs hat der 82-Jährige die Sommer seiner Kindheit verbracht. „Ich habe mich immer für Biologie und für Pflanzen interessiert – das hier ist mein Revier“, sagt Horst Goltz. An einem Junitag im Jahr 1943 macht er auf einem seiner Streifzüge eine Entdeckung, die ihn zeitlebens beschäftigen wird.

Horst Goltz, Zeitzeuge des Angriffs auf Potsdam am 14. April 1945, hat ein außergewöhnliches Hobby: er sammelt Flugblätter der Allierten, die in den Kriegstagen über Deutschland abgeworfen wurden.

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Horst Goltz ist damals mit einem Freund unterwegs, um Bomben- und Granatsplitter zu sammeln. Die lassen sich später auf dem Schulhof gegen anderen Kriegs-Krams tauschen. „Was Jungs damals eben so gemacht haben“, sagt Goltz. An der Ulrich-von-Hutten-Straße findet er ein bedrucktes Stück Papier. Er hebt es auf, dreht und wendet es und wird blass um die Nase. Ein Flugblatt! Feind-Propaganda! Abgeworfen aus einem britischen Bomber. Horst Goltz zerknüllt das Papier und wirft es in die Büsche. Traut er dem Freund nicht? „Die Situation war zu gefährlich“, sagt er. Wer mit so einem Flugblatt erwischt wird, dem droht die Todesstrafe. Doch der Halbstarke ist fasziniert. Das Risiko ist ihm bewusst – und das stachelt ihn an. In der Dämmerung kehrt er zurück und klaubt das Knäuel wieder auf. „Die Sache wurde interessant für mich und ich habe begonnen, systematisch zu suchen.“ Seine Beute versteckt er hinter der Holzmiete im Stall. Niemand erfährt davon.

Heute nennt Horst Goltz eine beeindruckende Sammlung sein Eigen. Mehr als 1000 verschiedene Flugblätter der Alliierten aus dem Zweiten Weltkrieg und aus dem Kalten Krieg hat er zusammengetragen, auch Postillen wie „Sternenbanner“, „Nachrichten für die Truppe“ und „Tarantel“. Horst Goltz hat diese wertvollen Stücke selbst in Wald und Flur aufgelesen; später hat sie auch getauscht und gekauft. Ein Vermögen steckt wohlverwahrt in Plastikhüllen. Die Blätter informieren über Frontlinien („Die Elbe überquert – USA-Panzer 120 Kilometer vor Berlin“) und über Verluste („Bei dem Luftangriff auf Kiel am 9. April 1945 wurde der 10 000-Tonnen-Schlachtkreuzer Admiral Scheer zum Kentern gebracht“). Sie warnen („Die Festung Europa hat kein Dach“) und verheißen („Nur durch den Frieden kann Deutschland noch gerettet werden!“). Und sie unterhalten: mit Farbe und Montagen, mit Karikaturen – und mit sexy Pin-Ups.

Nicht nur politische Aufklärung war Thema. 

„Eine vergleichbare Sammlung gibt es auf dem Gebiet der ehemaligen DDR nur noch ein weiteres Mal“, sagt Horst Goltz. Auch zu DDR-Zeiten war das Sammeln verboten. Goltz’ Stasi-Akte gibt hinlänglich Auskunft über seine Umtriebe. Überhaupt sind so akribische Flugblattsammler wie er rar. „Weltweit sind wir weniger als 1000“, sagt Goltz. Die meisten haben sich zur „Psy War Society“ zusammengeschlossen – er ist seit Jahren Mitglied dieser internationalen Vereinigung. „Ich würde schon sagen, dass ich mich wissenschaftlich mit der Sache befasse“, sagt Goltz.

Damals, als 13-Jähriger, hat er seinen Forscherdrang aufgesplittet. Er hat die Biologie zum Beruf gemacht, arbeitete nach dem Studium als Phytopathologe im Pflanzenschutzamt. Die Geschichte blieb ein intensiver Zeitvertreib von professioneller Qualität. Horst Goltz ist ein profunder Kenner der Potsdamer Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Seine Erinnerungen an die bitteren Jahre, an die Luftangriffe und die bangen Stunden im Bunker sind sternklar. Als Junge im Krieg führte er Tagebuch, notierte seine Beobachtungen zu den Bombardements. Oft stand er vor dem Häuschen der Eltern und betrachtete den tödlichen Spuk aus der Ferne. Am 9. März 1944 sieht er die Blätter fallen. „Eines ist direkt auf mich hinabgeschwebt“, sagt er und liest vor: „Wenn Frieden einkehrt, ist die Zeit der Schreckensnachrichten vorbei.“

Von Nadine Fabian

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