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„Ich bin durch und durch konservativ“

Abschiedsinterview mit Potsdams Kulturdezernentin Magdowski „Ich bin durch und durch konservativ“

Iris-Jana Magdowski (CDU) wird am Montag im Potsdam-Museum nach achtjähriger Amtszeit als Dezernentin für Kultur, Bildung und Sport verabschiedet. Sie wird als Rechtsanwältin in Potsdam bleiben. Im Interview mit der MAZ spricht sie über Potsdams Kultur, die schwierige Schulplanung und ihr Verhältnis zu den Linken, zur SPD und zur eigenen Partei.

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Kulturdezernentin Iris Jana Magdowski (CDU) wird am Montag verabschiedet.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Innenstadt. Iris-Jana Magdowski (CDU) wird am Montag im Potsdam-Musrum nach achtjähriger Amtszeit als Dezernentin für Kultur, Bildung und Sport verabschiedet. Sie wird als Rechtsanwältin in Potsdam bleiben.

Sollte sich Potsdam nach der für 2010 gescheiterten Kampagne für 2025 noch einmal als Kulturhauptstadt Europas bewerben?

Ein klares Ja. Die Stadt hat nach der letzten Bewerbung noch einmal extrem zugelegt. Wir haben jetzt auch die Wiederherstellung der historischen Mitte mit dem Museum Barberini. Wir haben die Schiffbauergasse als großes Areal der Soziokultur, das sich gut entwickelt hat. Man kann doch nicht sagen: Ich bin einmal gescheitert, und jetzt mache ich nichts mehr.

Nach der Kür von Essen und dem Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt 2010 spöttelten hiesige Kommunalpolitiker, Potsdam sei zu schön für den Titel. Ist da was dran?

Ich bin damals als Bürgermeisterin von Stuttgart eingeladen worden, mitzuwirken in einem Gremium zur Kulturhauptstadtbewerbung des Ruhrgebiets. Und das war dort schon exzellent gemacht. Sie sind eigentlich angetreten mit null Chancen. Aber sie haben mit einer enormen auch wirtschaftlichen Unterstützung arbeiten können. Oliver Scheytt hat als Kulturdezernent von Essen international für die Bewerbung geworben, hat Lobbyarbeit gemacht. Er hat dies alles selbstbestimmt gemacht und hatte nicht den bürokratischen Aufwand, den wir hier in Potsdam bereits bei den entsprechenden Dienstreisen hätten, wo wir für die Genehmigung Einladungen vorlegen sollen. Wer schickt schon lästigen, aber effektiven Lobbyisten Einladungen?

Welches waren die wichtigsten Baustellen für Sie als Kulturdezernentin in Potsdam?

Der Anfang war hart mit der Diskussion um den Standort der Stadtbibliothek in der historischen Innenstadt. Die Bibliothek gehört in die Mitte der Stadt. Doch die Initiative Mitteschön war stark dagegen, und ich hatte auch in der Diskussion mit dem Baudezernenten Matthias Klipp (Grüne) Angst, dass man völlig unrealistisch mit diesem Thema umgeht. Mit der Wilhelmgalerie gab es am anderen Ende des Platzes der Einheit doch auch schon ein moderne Gebäude. Wenn Sie es jetzt sehen: Das passt. Und die Bibliothek ist im Bildungsforum gemeinsam mit der Volkshochschule und der Wissenschaftsetage ein echter Bringer.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Tobias Wellemeyer, dem scheidenden Intendanten des Hans-Otto-Theaters?

Es gibt Stücke, „Der Turm“, von ihm selbst inszeniert, und „Abend über Potsdam“ über Lotte Laserstein, die fand ich genial gut. Herr Wellemeyer hat seine Verdienste. Das Festival „Stadt für eine Nacht“ ist seine Idee gewesen.

Ist die Diskussion um die Sommerbespielung der HOT-Seebühne mit der ersatzweisen Öffnung des Gasometerhofs als Freilichtteater erledigt?

Nein. Die Seebühne scheiterte seinerzeit am Geld. Wer so was machen will, muss der Politik auch eine Perspektive für den ganzen Sommer mit entsprechenden Einnahmen präsentieren. Apropos Sommerbespielung. Erst jüngst habe ich wieder gehört, dass das nicht umsetzbar ist und vieles sei auch nicht mit dem künstlerischen Anspruch des Hauses vereinbar. Was würde aber geschehen, wenn unter dem provokanten Brecht-Zitat „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ durchaus auch privatwirtschaftlich das eine oder andere möglich wäre und Geld in die Kassen spült.

Das Potsdam-Museum, das in Ihrer Zeit am Alten Markt neu eröffnete, scheint noch immer eine Baustelle zu sein. Warum kommt es nicht zur Ruhe?

Direktorin Jutta Götzmann hatte in der Gründungszeit mit unglaublich vielen Schwierigkeiten kämpfen müssen. Finanzieller Art, organisatorischer Art, das war wirklich ein harter Job. Sie hat unter deutlich anderen Rahmenbedingen ein Haus aufbauen müssen als Direktorin Ortrud Westerheide, die jetzt nebenan bei Hasso Plattner arbeitet. Wir bejubeln das anglo-amerikanische Betreiberkonzept des Barberini, aber was lernen wir? Das öffentliche Museum gehört mit seinen Schätzen uns allen, den Bürgern. Wir nehmen bei der Dauerausstellung derzeit nur ein Prozent des Zuschussbedarfes von 2,1 Millionen Euro an Eintrittsgeldern ein, aber bauen durch das Eintrittsentgelt Hürden für den Besuch auf, obwohl das Museum mit seiner stadtgeschichtlichen Ausstellung, der Geschichte des Hauses Teil des öffentlichen Raumes ist.

Wie wird das in anderen Orten gehandhabt?

Ich habe mir die Situation in London gründlich angesehen. Dort haben die großen öffentlichen Museum seit 2001 auf freien Eintritt umgestellt. Was ist passiert? Die Evaluationsberichte sprechen von Besucherzuwächsen bis zu 100 Prozent, bei Touristen bis zu 40 Prozent. Die Häuser sind am Wochenende teils überfüllt. Aber es ist auf einmal ein Familientreffen daraus geworden, ins Museum zu gehen. Darüber muss man diskutieren: Will man das oder will man den elitären Tempel?

Die Einführung des freien Eintritts wird jetzt auf Antrag der Linken geprüft. Es kam häufiger vor, dass Sie als CDU-Frau und die Linken auf einer Linie waren. Wie hat sich das ergeben?

Es war meine Maxime auch hier in Potsdam: Wenn man sich nicht darauf einlässt, viel von denen zu lernen die hier leben, versteht man sie nicht. Und ich war ganz stolz, als die Linken mir jetzt zum Geburtstag am 18. Mai eine kleine Ehrung gemacht haben. Schauen Sie mal, Banner der Arbeit, ich wusste gar nicht, was das ist. Habe ich aber jetzt gelernt. Das war in der DDR ein hoher Orden. Und Fraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg hat eine Rede gehalten. Ich bin keine Linke. In den politischen Ansichten teilweise meilenweit davon entfernt. Aber wir haben jetzt wieder einmal eine gemeinsame Basis: Den freien Eintritt. Wenn etwas sinnvoll ist, spielt Parteipolitik für mich keine Rolle.

Was ist mit Ihrer eigenen Fraktion, der CDU?

Ich bin durch und durch konservativ. Aber Kommunalpolitik besteht immer wieder daraus, einen Weg zu finden für das Machbare. Und wenn Sie die Mehrheitsverhältnisse in Potsdam sehen, dann sind die Linken immer ein wichtiger Partner gewesen.

Natürlicher politischer Partner für Sie war bis zu deren Bruch doch aber die Rathauskooperation aus SPD, CDU und Grünen gewesen. Was lief da schief?

Wir haben ja viele Entscheidungen erlebt, wo die Kooperation dann doch nicht stand.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel bei den Personalentscheidungen. Da beginnt es ganz an der Spitze, wo es nun nur noch SPD-Dezernenten und Parteilose gibt. Ich bin mit CDU-Parteibuch gewählt worden. Aber die Erwartungshaltung von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) war, dass wir trotz unterschiedlicher Parteizugehörigkeiten auch politisch das vertreten, was er politisch für richtig hielt. Da hatte man natürlich mitunter gewisse Schwierigkeiten.

Ein Beispiel aus dem fachlichen Bereich?

In der Schulentwicklungsplanung gab es so einen Dissens. Herr Jakobs hat auch dem CDU-Fraktionschef Matthias Finken gesagt, dass er in meiner Amtszeit ausschließlich öffentliche Schulen auf die Agenda setzt. Ich halte öffentliche Schulen für sehr wichtig. Man muss aber bedenken, dass man Spitzenbedarfe hat. Und wenn man die allein durch öffentliche Schulen abdeckt, gibt es irgendwann auch wieder einen abnehmenden Bedarf und sie stehen da mit ihren neuen Schulen. Wir machen es ja auch nicht so, dass wir Multifunktionshäuser errichten, die später Altenheime werden könnten. Spitzenbedarfe können sehr gut auch durch freie Träger abgedeckt werden, denn die sind flexibler als wir.

Wollen Sie damit sagen, das riesige Schulinvestitionspaket der Stadt wäre in diesem Umfang gar nicht nötig?

Mit privaten Partnern hätte man finanzielle Entlastungen gehabt und dafür marode Schulen schneller sanieren können, für die heute das Geld fehlt. Finanzdezernent Burkhard Exner (SPD) war aus Kostengründen durchaus aufgeschlossener und Flexibilität ist wichtig. Was ich mir anrechne ist, dass wir mit einigem Getöse gegenüber Potsdam-Mittelmark endlich den Durchbruch bei der Mitfinanzierung der Schulinvestitionen durch die Umlandgemeinden geschafft haben. Die Gesetzesänderung, für die auch Fachbereichsleiterin Petra Rademacher Argumente geliefert hat, steht kurz vor dem Durchbruch.

Aber es ist schon richtig, dass es Ihre Verwaltung ist, die mit der Schulentwicklungsplanung nicht hinterherkommt?

Ich bitte um Verständnis. Aber dieser Verwaltung wurde vor zehn Jahren auch gesagt, dass sie Schulen schließen soll. Die haben sie in Potsdam so schnell geschlossen, das hätten sie in anderen Städten nie gemacht. Dort hätte man über Zwischennutzungen nachgedacht. Eins darf man auch nicht vergessen. Herr Exner hat mit seinem Bereich bei den Bevölkerungsprognosen immer sehr niedrige Zahlen angesetzt. So haben wir immer nur knapp planen können. Und wenn dann die Zahlen noch mal explodieren, hat man einfach zu wenig Schulplätze.

Die Entwicklung des Atelierhauses im Rechenzentrum lief von Anfang an über das Büro des Oberbürgermeisters. Warum haben Sie sich das Thema wegnehmen lassen?

Das kann man so nicht sagen. Der Oberbürgermeister hat mir in einem sehr frühen Stadium gesagt, dass das Rechenzentrum kein Thema der Stadt werden sollte. Er hat das dann selber übernommen. Ich muss sagen: mit großem Erfolg. Ich finde das ganz hervorragend. In der Hand des Oberbürgermeisters sind ja auch die finanziellen Ressourcen ganz anders zu diskutieren, als wenn das nur in einem Fachressort gewesen wäre. Ich würde mich freuen, wenn die Kreativen nun eine Perspektive bekommen, sei es dort oder an einer anderen Stelle. Ganz enttäuschen will diese Szene in unserer Stadt bestimmt keiner mehr.

Was machen Sie nach Ihrem Abschied aus der Stadtverwaltung? Bleiben Sie in Potsdam?

Ja, ich bleibe in Potsdam. Ich bin promovierte Juristin und habe vor meiner Tätigkeit bei der Stadt Potsdam als Anwältin gearbeitet. Mir ist es wichtig, Menschen zu helfen. Ich muss mit 65 nicht mehr das große Geld verdienen. Gerechtigkeit und Rechtsstaat in Übereinstimmung zu bringen, ist eine spannende Aufgabe.

Von Volker Oelschläger

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