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„Ich bin eine richtige Heulsuse“

Interview mit Selig-Sänger „Ich bin eine richtige Heulsuse“

Selig-Sänger Jan Plewka tourt seit Jahren mit seinem Programm „Jan Plewka singt Rio Reiser“ durch Deutschland. Am Donnerstag tritt er in Potsdam auf. Im Interview spricht er über seinen Liederabend mit Rio-Reiser-Songs, verdrückte Tränen und warum er einst vor seinem Idol floh.

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Der Musiker und Sänger Jan Plewka.

Quelle: dpa

Potsdam. Jan Plewka singt Rio Reiser. Der Sänger der Hamburger Rockband Selig tourt mit den Liedern seines Idols durch Deutschland, am Donnerstag tritt er im Potsdamer Waschhaus auf.

Herr Plewka, haben Sie schon mal auf der Bühne geweint?

Jan Plewka: Ich weine ständig auf der Bühne, ich bin eine richtige Heulsuse – genau wie Leo, der Bassist von Selig.

Wenn Sie mit Liedern von Rio Reiser auftreten, sieht man vor allem Zuschauer vor Rührung weinen.

Plewka: Dem kann man sich nicht entziehen. Da kommen Romantik, Politik und Utopie zusammen. Es geht um das Menschsein, die Freiheit und den Aufbruch. Das treibt die Tränen in die Augen.

Zu einigen Songs hat man früher aber vor allem die Faust geballt. Wie hat Sie die Musik geprägt?

Plewka: Als ich in der Schule meine erste Platte von Ton Steine Scherben bekam, war ich sofort infiziert. In den 90ern war es verpönt, auf Deutsch zu singen. Durch Rios Musik wurde mir klar, dass das geht. So hat er auch Selig beeinflusst.

Nur musikalisch oder auch politisch?

Plewka: Seine Idee von einer Gemeinschaft in einer Kommune auszuleben, hat mich immer beeindruckt.

Das klingt, als hätten Sie Sehnsucht nach einem Hippie-Leben ...

Plewka: Ehrlich gesagt, ja. So wie heute alle auf ihre Bildschirme starren, sehne ich mich danach zurück. Die Menschen freunden sich zu sehr mit einer Welt an, die nicht atmet. Rio diskutierte mit seinen Leuten am Küchentisch, man hat sich gerochen. Es war nicht so steril.

Viele von Rio Reisers späten Songs wirken sehr tröstend. Kennen Sie als Sänger das Gefühl, für Tausende ein Trostspender zu sein?

Plewka: Das ist das Schönste. Wir von Selig erhalten oft Briefe, dass zum Beispiel der Song „Ohne Dich“ bei Beerdigungen gespielt wird. Wenn man mit der Musik Trost spendet, wird klar, dass man Richtiges tut.

Hören Sie, wenn es Ihnen schlecht geht, auch eigene Musik?

Plewka: Wenn ich Musik von Selig höre, kommt mir sofort die Arbeit an den Songs in den Sinn. Ich war gerade auf einer Party und eine Freundin wollte mir eine Freude machen und einen Song vor mir auflegen. Da sagte ich „Bitte nicht!“. Wenn es mir schlecht geht, höre ich lieber Rio als mich.

Haben Sie ihn eigentlich kennengelernt?

Plewka: Ich hatte mal die Chance, aber ich bin weggelaufen.

Warum das denn?

Plewka: Kurz vor seinem Tod hatte er einen Auftritt in Hamburg. Ein Kumpel kannte ihn und sagte, dass Rio auf mich wartet. Ich sah, wie er am Tisch im Foyer des Theaters saß. Dann bekam ich weiche Knie. Die Ehrfurcht war zu groß. Ich hatte Angst, dass er mich doof findet.

Jan Plewka singt Rio Reiser


Jan Plewka (45) feierte in den 1990er-Jahren große Erfolge mit der Rockband Selig. Nach zwischenzeitiger Trennung feierte die Band 2008 ihr Comeback und hat seitdem mehrere Alben herausgebracht.

In mehreren Filmen war Plewka als Schauspieler zu sehen, etwa in „Der Pirat“ mit Jürgen Vogel und Christiane Paul und in dem Kinofilm „Liebeslied“ an der Seite von Nicolette Krebitz.

Mit dem Programm „Jan Plewka singt Rio Reiser“ ist er seit 2005 immer wieder auf Tour. In einer Mischung aus Konzert und Theater führen Sänger und Band Songs des 1996 verstorbenen Ton-Steine-Scherben-Sängers auf – vor allem auch Balladen wie „Junimond“ und „Halt Dich an Deiner Liebe fest“.

Das Konzert am Donnerstag (18. Februar) im Waschhaus Potsdam beginnt um 20 Uhr. Die Sitzplätze sind nummeriert, letzte Karten gibt es in der MAZ-­Ticketeria unter 0331/2840284

Aber er hatte selbst Probleme mit seinem Selbstwertgefühl. Ihm ging es häufig schlecht.

Plewka: Und er wurde von vielen geächtet. In Erinnerung malen ihn alle mit goldenem Pinsel, damals war er vielen zu links und den Linken nicht links genug.

Schon als Kind zerriss es Rio Reiser, keine Heimat zu finden. Belastet es Sie auch, ständig unterwegs zu sein?

Plewka: Da bin ich anders. Ich mag es, auf Tour im Hotelzimmer aufzuwachen und nicht zu wissen, wo ich bin.

Dann verrate ich Ihnen jetzt, dass das nächste Hotelzimmer in Potsdam liegt.

Plewka: Aber ich bin gerade viel unterwegs, und selbst in Potsdam kann mir das passieren.

Sind solche Solo-Tourneen ein Risiko für Selig? Die Band hat sich ja schon mal aufgelöst.

Plewka: Im Gegenteil. Wir sind wahnsinnige Egos in der Band. Es tut gut, sich woanders auszutoben, das verbessert die Stimmung, wenn sich die Band wieder trifft.

Von Maurice Wojach

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