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„Ich glaube an die Schiffbauergasse“

Interview mit Siegfried Dittler, Waschhaus Potsdam „Ich glaube an die Schiffbauergasse“

In wenigen Tagen hat das Waschhaus Potsdam sein 25. Jubiläum. Es ist das älteste und meist besuchte Kulturzentrum in der Schiffbauergasse, einem der größten Kulturquartiere Brandenburgs. Dem Waschhaus geht es gut, sagt Kulturmanager Siegfried Dittler, der vor knapp fünf Jahren die Geschäftsführung übernahm. Doch er sieht auch Reserven.

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Der Drum Club des Waschhauses geht jetzt in die 80. Runde.

Quelle: Veranstalter

Potsdam. Vor knapp fünf Jahren hat Siegfried Dittler (55) die Leitung des Waschhauses in der Schiffbauergasse in Potsdam übernommen.

Siegfried Dittler

Siegfried Dittler.

Quelle: Marcel Kirf

Im Gespräch mit der MAZ zieht er zum bevorstehenden 25. Jubiläum des Kulturzentrums eine Zwischenbilanz.

Wie geht es dem Waschhaus heute?

Dem Waschhaus geht es gut. Wir haben im 25. Jahr des Bestehens die Situation, dass es inhaltlich passt. Und dank der gestiegenen Zuschüsse der Stadt sind wir in einer Lage, die man als auskömmlich bezeichnen kann. Bei einem Eigenanteil von 70 Prozent an der Gesamtfinanzierung. Die Zuschauerzahlen lagen die letzten Jahre stabil zwischen 115.000 und 120.000. Das ist glaube ich eine ganz stolze Anzahl.

Wie hoch sind die öffentlichen Zuschüsse in diesem Jahr?

Alles in allem bekommen wir voraussichtlich 500.000 Euro – etwa 400.000 Euro von der Kommune und etwas über 100.000 Euro vom Land.

Was waren in diesen fünf Jahren wichtige Wegmarken für Sie?

Zuerst sicherlich, dass wir wieder Kontinuität und Stetigkeit im Programm haben. Solche Dinge, die auf den ersten Blick gar nicht groß scheinen wie der Drum Club, den wir im Juni 2013 gestartet haben und der im Juli zum 80. mal stattfinden wird. Oder der Havelslam, den wir 2013 wieder ins Haus gebracht haben und der jetzt auch schon wieder 50 mal stattgefunden hat. Hinzu kommen größere Sachen wie die Freilichtbühne. Seit 2013 gibt es dort wenigstens einmal im Jahr ein großes Konzert. Nach Bosse, Gregor Meyle und Angst macht keinen Lärm wird es in diesem Jahr am 17. August Michael Patrick Kelly geben. Schließlich, dass wir das Sommerkino wieder in eine respektable Richtung gebracht haben gemeinsam mit einem Partner, dem Thalia.

Wann startet der Kinosommer?

Am 19. Juli mit einer französischen Komödie, „Monseur Pierre geht online“. Ich freue mich besonders auf „La La Land“ am 21. Juli .

Anfang August gibt es im Waschhaus erstmals ein „Camp Festival“. Was passiert da?

Da kommen Lichtkünstler, Performer, DJs und Musiker unter anderem aus Litauen, Italien, England, den USA, Bulgarien und Deutschland für eine Woche ins Waschhaus, um gemeinsam zu improvisieren. Sie erarbeiten ein Programm, das dann am 12. August öffentlich gezeigt wird. Sie haben das ganze Haus zur Verfügung, um eine Woche konzentriert zu arbeiten. Kuratiert wird es von Thomas Maos, einem improvisierenden Musiker. Wir hatten ihn vor drei Jahren im Konzert, und da sind wir ins Gespräch gekommen. Nach langem Anlauf hat es jetzt geklappt und da freue ich mich sehr drauf.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den anderen Häusern auf dem Gelände entwickelt?

Man kann nur sagen: Es ist topp unter den Kollegen. Mit der Fabrik und dem T-Werk haben wir vor vier Jahren „Whats art“ gegründet, eine gemeinsame Workshopwoche für Jugendliche, die es ab dem 24. Juli wieder geben wird. Ein anderes Beispiel ist die Jazz-Offensive, entstanden aus einem Gespräch mit Martina König vom Theaterschiff und mir. Spontan haben wir gesagt, wir probieren das mal, finden einen Termin im Oktober, haben alle gefragt und alle machen mit. Das HOT ist im Boot, die Fabrik, das T-Werk, wir, Fluxus. Ich glaube, es ist der Idealzustand, dass mehrere Kulturanbieter am Standort etwas entwickeln, was noch über das Festival „Stadt für eine Nacht“ hinaus geht.

Am Tage ist die Schiffbauergasse nach wie vor leer. Was ist möglich?

Man muss schon sagen: Die Häuser, die es hier gibt, sind grundsätzlich auf den Abend ausgerichtet. Wir versuchen das natürlich punktuell zu ändern. Wir haben das Haus wieder für Kurse und Workshops geöffnet. Bei uns proben der Generationenchor und das Projekt Heimatsounds. Es gibt eine Theatergruppe und eine Improtheatergruppe. Das ist eine kleine Belebung. Aber grundsätzlich wären wir gar nicht in der Lage, abends um 19 Uhr die Türen zu öffnen für den Abendspielbetrieb und am nächsten Morgen um 10 Uhr wieder einen Tagesspielbetrieb einzuleiten. Das können wir in der Form nicht bieten. Dazu müssten wir anders aufgestellt sein. Mit Probenräumen und Ateliers für Musiker und bildende Künstler. Das fehlt, das würde den Tag schon deutlich beleben. Das Geländes ist aus meiner Sicht nicht auf den Tagesbetrieb ausgelegt. Nachholbedarf gibt es auch im gastronomischen Bereich.

Haben Sie da Ideen?

Ich denke, dass man mit Streetfood-Mobilen arbeiten könnte. Mobile Einheiten, die heute vor dem Theater sind, weil da eine Premiere ist, und am selben Tag vielleicht noch am Kunstraum, weil dort eine Vernissage ist, und einen Tag später vor der Fabrik. Da wäre für mich ein lohnendes Konzept. Schön wäre es dafür, wenn es so etwas wie eine Betreibergesellschaft für die Schiffbauergesellschaft gäbe, an die man solche Ideen weitergeben könnte.

Die Suche nach einer Betreibergesellschaft wurde nach erfolgloser europaweiter Ausschreibung abgebrochen. Sie meinen, man sollte an dem Thema dranbleiben?

Sicher. Denn was mache ich jetzt mit solchen Ideen? Ein wichtiger Schritt ist, dass jetzt im Offizze ein zentraler Anlaufpunkt ausgebaut wird mit Information und Ticketverkauf für alle, die hier agieren. Im nächsten Jahr soll das eröffnen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie abgesehen von der noch nicht verfügbaren Husarenkaserne am Ausgang zur Berliner Straße für zusätzliche Räume?

Bauen oder Container oder beides. Aber diese Ideen haben schon andere gehabt. Welches Potenzial Potsdam hat, sieht man ja mit dem Rechenzentrum. Wie viel Kreativität und Dynamik es in dieser Szene gibt. Für eine Stadt dieser Größenordnung finde ich das ganz fantastisch.

Glauben Sie, dass die Kultur in der Schiffbauergasse langfristig gesichert ist?

Ich glaube an die Schiffbauergasse. Natürlich. Wir haben trotz mancher Dinge im Jahr 350 000 Besucher, und die kommen eben nicht, weil hier ein Einkaufszentrum oder ein Großmarkt oder sonst was ist. Die kommen, weil hier ein ausgiebiges, spannendes, vielfältiges Kulturprogramm geboten wird. Das finde ich doch beachtlich. Ich denke, das ist ein gewaltiges Pfund, mit dem die Stadt auch wuchern kann.

Werden Sie das 25. Waschhaus-Jubiläum feiern und wenn ja, wie?

Wir gehen dem auf die Spur mit einer Künstlerin und einer Journalistin, um dieses Jubiläum anders zu gestalten, als man es vielleicht kennt. Die Journalistin wird zehn, zwölf Interviews führen mit Akteuren aus verschiedenen Zeiten. Daraus werden wir einen Film erarbeiten, der möglichst noch in diesem Jahr gezeigt werden soll. Und es gibt eine Künstlerin, die dazu Fotos sammelt, Beiträge, alte Flyer. Was sie genau produzieren, überlasse ich dem künstlerischen Prozess. Und wenn wir diesen Film zeigen, möchte ich auch feiern.

Sie wollen die Kapazität der Arena vergrößern. Müssen Sie dafür anbauen?

Nein. Es gibt die Baugenehmigung von 2005 für eine Kapazität von 700 Besuchern, wir möchten sie auf 1300 erhöhen. Wir sammeln gerade die Belege, weil wir der Ansicht sind, dass es für 1300 ausreichend ist. Dafür müssen wir darlegen, dass alle Erfordernisse von den Toiletten über die Fluchtwege bis zu den Parkplätzen geregelt sind. Ich hoffe sehr, dass wir die Baugenehmigungsbehörde überzeugen können. Denn mit jedem Platz mehr erhöht man die Attraktivität gegenüber den Agenturen und den Bands.

Mit der Band Wanda sind Sie erstmals in die Metropolishalle des Filmparks Babelsberg, den bislang größten Saal Potsdams, gewechselt. Wie hat sich das ergeben?

Wir hatten Wanda zu Gast, und sie sind so nachgefragt worden, dass wir erst einen Zusatztermin gebunden haben. Und nachdem die Nachfrage weiter ungebrochen war, haben wir uns nach außen in die Metropolishalle gewagt. Sie war mit je 1900 Gästen zweimal ausverkauft.

Setzen Sie die Zusammenarbeit mit dem Filmpark fort?

Wenn es sich ergibt. Das Geschäft mit der Popularmusik hat sicher mit einem guten Riecher zu tun, viel mit Kontakten, aber auch mit Glück und Geschick. Dass wir die Band genau zum richtigen Zeitpunkt haben und nicht ein halbes Jahr zu früh. Denn das hatten wir auch schon. Dass die Kollegen sagen: Mensch so toll und nur 30 Leute.

So wie Annen May Kantereit, die bei Ihnen 2014 im Programm der „Stadt für eine Nacht“ debütierten und kurz darauf Säle füllten.

Dann hatten wir sie aber auch richtig. Wir hatten sie gleich für den Februar 2015 noch mal gebucht. Damals waren Herbert Grönemeyer und Sven Regener im Publikum, die ganz bescheiden in der Halle standen. Annen May Kantereit waren bei uns zweimal hintereinander ausverkauft, da hatten sie noch nicht einmal in Berlin gespielt.

Mitte Juli präsentieren Sie im Kunstraum eine sehr besondere Ausstellung: Wie findet Kunst aus dem Iran überhaupt den Weg nach Potsdam?

Wir zeigen Arbeiten von zwölf Künstlern aus Teheran und Isfahan in Zusammenarbeit mit einer Gastkuratorin, die die Kontakte hat. Das ist doch noch mal was anderes. Denn was wissen wir eigentlich über den Iran? Es gibt dort eine lebendige zeitgenössische Kunstszene. Wir hatten 2016 ja auch Chinesen aus Peking da. Wir können und wollen diese Internationalität nicht permanent bringen. Wir wollen auch etwa bei „Made in Potsdam“ mit Künstlern aus der Region arbeiten. Aber einmal im Jahr das Fenster aufzumachen und die Welt hinein zu holen in die Stadt, das finde ich schon sehr spannend.

Größtes soziokulturelles Zentrum Brandenburgs

Die Geschichte des Waschhauses in der Schiffbauergasse als Kulturzentrum begann am 10. Juli 1992 mit einer Technoparty. Dieses Datum gilt zugleich als Geburtstag des Kulturquartiers Schiffbauergasse-

In kurzer Zeit entwickelte sich der Club in der einstigen Garnisonswäscherei mit Tanz, Musik, Film, bildender Kunst und Partys zum größten soziokulturellen Zentrum des Landes.

Zeitweise hatte das Waschhaus 170 000 Besucher pro Jahr. Mit aktuell bis zu 120 000 Gästen jährlich ist es noch immer die meist besuchte öffentliche Kultureinrichtung Potsdams – vor dem Nikolaisaal und dem Hans-Otto-Theater.

Die schwerste Krise eskalierte 2008 mit der Insolvenz des langjährigen Betreibervereins. Die Stadt übergab die Einrichtung an eine neu gegründete gGmbH und erhöhte als Lehre aus der Vergangenheit deutlich die Zuschüsse.

Suegfried Dittler übernahm Ende 2012 die Leitung des Waschhauses. Der Kulturmanager hatte zuvor seit 2007 das Freiburger E-Werk und seit 2010 die Alte Feuerwache in Mannheim geführt.

Von Volker Oelschläger

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