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„Ich möchte betroffenen Eltern Mut machen“

Interview mit Autorin Katherine Biesecke „Ich möchte betroffenen Eltern Mut machen“

Katherine Biesecke leitet das Kompetenzzentrum für Taubblinde im Babelsberger Oberlinhaus. Ihr Buch „Zu Hause im Heim“ lädt ein zum Blick hinter die Mauern und will mit Vorurteilen gegenüber behinderten Kindern und ihren Eltern aufräumen.

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Katherine Biesecke.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Babelsberg. Katherine Biesecke hat von 1984 bis 1991 mit taubblinden Menschen im Oberlinhaus gearbeitet und einige Jahre ein heilpädagogisches Kinderheim geführt. Seit 2002 leitet die 1964 geborene Therapeutin das Kompetenzzentrum für Taubblinde im Babelsberger Oberlinhaus. Nun hat sie ein Buch über die Arbeit mit behinderten Kindern veröffentlicht.

Ihr Buch „Zu Hause im Heim“ gibt Einblicke in eine Wohnstätte für Kinder mit schweren, mehrfachen Behinderungen – für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Ich habe dieses Buch für alle geschrieben, die mutig und neugierig sind, hinter die Mauern zu sehen. Ich habe es außerdem für die Kolleginnen geschrieben, die in der Einrichtung arbeiten. Ich möchte damit ihre Arbeit öffentlich sichtbar machen und ihnen meine Wertschätzung ausdrücken. Ich habe das Buch auch für all jene geschrieben, die z.B. den Beruf des Heilerziehungspflegers erlernen möchten und wissen wollen, worauf sie sich einlassen – auf eine sehr wertvolle und schöne Arbeit, die alles andere als leicht ist und die täglich neue Herausforderungen mit sich bringt. Und natürlich hab ich das Buch auch für die Kinder, die hier leben, geschrieben. Und für ihre Familien. Sie haben meinen höchsten Respekt, denn sie haben eine Entscheidung getroffen, die noch immer – selbst in Fachkreisen – sehr unpopulär ist: Sie haben sich entschieden, ihr Kind in einem Heim aufwachsen zu lassen.

Sie wählen den Begriff „Heim“ bewusst...

Ja, gerade weil er mit einem Stigma behaftet ist. Heute spricht man eher von Wohnstätten oder Wohneinrichtungen. Dennoch ist der Begriff „Heim“ lebendig. Ich benutze ihn nicht nur der Einfachheit halber, sondern auch weil es genau darum geht – um ein Heim, um ein freundliches Zuhause für Kinder mit schweren, mehrfachen Behinderungen, in dem sie zeit- und kindgemäß aufwachsen können, in dem sie es gut haben und in dem es manchenm sogar besser geht. Ich positioniere mich nicht nur für den Begriff „Heim“, sondern auch für eine Leben im Heim und möchte betroffenen Eltern Mut machen, so eine Unterstützung anzunehmen.

Sie beginnen Ihre Schilderungen vor den Türen des Heims – auf der Straße vor dem Oberlinhaus, im Supermarkt vis a vis, an der Bushaltestelle nebenan. Die Antworten der Passanten sind zum Teil heftig: Eine Frau sagt über die Bewohner: „Das ist doch ganz schrecklich, wenn man die so sieht.“ Weshalb haben Sie sich für diesen unbequemen Einstieg entschieden?

Glauben Sie mir, ich habe noch viel, viel Schlimmeres gehört. Aber ich habe mich für die Sicht von außen entschieden, um den Leser einzuladen, hinter diese Mauern zu schauen, die sehr schwer, sehr dick und ehrfurchtsvoll sind. Dieser Blick von außen und die Antworten sind exemplarisch für die Art und Weise, wie auf das Haus geschaut wird. Die Menschen draußen, unsere Nachbarn, sind neugierig, schauen aber zugleich bewusst weg. Dabei ist Babelsberg um das Oberlinhaus herum gewachsen. Wir haben nun den Spielplatz und den Sinnesgarten für alle geöffnet; viele Babelsberger nutzen den Campus auch als Abkürzung – und dennoch tut man sich mit dem Miteinander mitunter schwer. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf und arbeite weiter daran, dass die Grenzen fließender werden und man sich irgendwann selbstverständlich und auf Augenhöhe begegnet.

Kann Ihr Buch dazu beitragen?

Wir vom Oberlinhaus sind ja generell sehr aktiv. Wir verstecken uns nicht. Wir gehen raus und konfrontieren die Gesellschaft damit, dass es Menschen mit schweren Behinderungen gibt. Wir wollen kein Separée, wir sind mittendrin. Mit dem Buch öffne ich die Tür in unsere Welt und gebe den Menschen die Möglichkeit, um die Ecke zu sehen.

Die Einblicke, die die Mitarbeiterinnen und die Familien dabei gewähren, sind sehr intim und alles andere als selbstverständlich. Wie schwer war es, Kontakt aufzunehmen?

Es war einfacher als gedacht. Ich habe die Kolleginnen und Familien gefragt und bin auf Offenheit und Vertrauen gestoßen. Die Kollegen fühlen sich durch das Buch gesehen und sind auch ein bisschen stolz. Die Familien zeigen eine sehr große Loyalität und Dankbarkeit, denn als sie sich an uns gewandt haben, waren sie oft in großer Not und sie haben erfahren, dass wir sie unterstützen und nicht verurteilen. Sie haben das Bedürfnis zu zeigen, dass sie keine Rabeneltern sind, dass sie eine Entscheidung zum Wohle ihrer Familien und ihrer Kinder getroffen haben und dass diese Kinder immer ein Teil der Familie bleiben werden.

Was bewegt die Eltern?

Schuldgefühle und Dankbarkeit. Mein Herz schlägt für die Eltern, denn sie wollen das Beste für ihr Kind, egal, wie behindert es ist. Bei uns erleben sie, dass es für ihr Kind eine kindliche Normalität gibt – dass es nicht nur ein medizinischer Fall ist. Seien wir ehrlich: Wo ist ein behindertes Kind schon willkommen? Die Eltern sind dankbar dafür, dass da jemand ist, der weiß, was es bedeutet, mit einem behinderten Kind zu leben – und der dieses Kind auch liebt, bei dem sich das Kind wohlfühlt und bei dem es willkommen ist. Natürlich reiben sich Eltern mit Kollegen auch mal: Die Eltern erleben uns oft auch als Konkurrenz. Das ist ein großer Balanceakt.

Sie sagen, dass die Arbeit ihrer Kollegen oft übersehen wird...

Im Fall einer Schule oder Klinik stellt niemand die Fachlichkeit in Frage. Aber beim Wohnen? Wohnen – das macht doch jeder! Das kann doch jeder! Bei uns wird alles in Frage gestellt, dabei geht es hier nicht nur um eine Grundversorgung. Hier wird sehr menschlich und sehr professionell gearbeitet. Dazu braucht man viel Fingerspitzengefühl. Man muss jedem Kind gerecht werden, jedes Kind braucht eine eigene Ansprache. Es ist auch eine große Herausforderung, dass das Heim wohnlich ist und nicht klinisch, obwohl die Behinderungen der Kinder höchste Hygiene erfordern. Hier im Alltag Atmosphäre, Ruhe und Normalität zu schaffen, ist eine hohe Kunst. Dazu braucht man viel Geduld – auch mit sich selbst.

Sie greifen auf 30 Jahre Berufserfahrung zurück – was haben Sie bei der Recherche neu entdecken können?

Es hat mich sehr beschenkt, dass mir die Familien, Kollegen und Kinder so sehr vertraut haben. Es ist ein Geschenk zu sehen, was da in den vergangenen Jahren entstanden ist. Die Kolleginnen, die ich für das Buch interviewt habe, habe ich ja selbst im Laufe der Jahre eingestellt. Heute kann ich sagen: Es hat sich etwas entwickelt, das sich von dem unterscheidet, was ich einst hier vorgefunden habe. Wir haben gemeinschaftlich etwas Gutes erschaffen. Dazu braucht man die richtigen Leute – Frauen und Männer jeden Alters, die sich aus ganzem Herzen engagieren und ihren Beruf lieben. Und die arbeiten hier!

Von Nadine Fabian

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