Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
„Ich sehe eine rote Linie bis hin zu Auschwitz“

Gedenken an den „Tag von Potsdam“ „Ich sehe eine rote Linie bis hin zu Auschwitz“

Vor 82 Jahren wurde der erste Reichstag in der Garnisonkirche eröffnet. Cornelia Radeke-Engst, Pfarrerin an der Nagelkreuzkapelle, predigte am Sonnabend bei einem Gottesdienst über die Schuld, die mit dem „Tag von Potsdam“ verknüpft ist und die auch beim Wiederaufbau der Garnisonkirche nicht vergessen werden darf.

Voriger Artikel
Neue Bürgerinitiative fordert Havelspange
Nächster Artikel
Döpfner-Posse geht in die nächste Runde

Cornelia Radeke-Engst (l.), Cornelia Kulawik (Deutschen Nagelkreuzgemeinschaft), Reverend Alan McCormick.
 

Quelle: Foto: Christel Köster

Innenstadt.  Die angekündigten Proteste sind ausgeblieben: Bei der Tagung rund um „Architektur als Mythos“, die am Sonnabend in der Fachhochschule am Alten Markt stattfand, verlief alles ruhig. Weit und breit keine Demonstranten, die ihr Unbehagen mit dem geplanten Bauprojekt Garnisonkirche an der Breiten Straße zum Ausdruck bringen wollten, so wie es im Vorfeld geheißen hatte. In einem Aufruf hatten Studenten zu „kreativen Gegenaktionen“ gegen die „verklärend und unkritisch anmutende Veranstaltung“ aufgefordert.

Als Reaktion standen am Sonnabend Polizisten vor dem FH-Eingang. Auch vor der Nagelkreuzkapelle, wo am Abend ein Gedenkgottesdienst zum 82. Jahrestag des berühmt-berüchtigten „Tags von Potsdam“ abgehalten wurde, waren Polizeiautos zu sehen.

Drinnen in der Kapelle hielt Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst eine Predigt, in der sie das Geschehen in der Garnisonkirche am 21. März 1933 – Ort des Staatsakts vor der Eröffnung des ersten Nazi-Reichstags – mit deutlichen Worten in einen historischen Kontext stellte: „Ich sehe eine rote Linie bis hin zu Majdanek, Auschwitz, Bergen-Belsen“, sagte sie: „Die rote Linie von unserer Brache (am Ort der zerstörten Garnisonkirche, d. Red.) führt bis ins zerstörte London. Die rote Linie ist eine Blutspur, die wir uns nicht ersparen dürfen.“ Die Steine der Kirche könnten aber nichts dafür; nur die Menschen, betonte Radeke-Engst. Diese Schuld müsste auch beim Wiederaufbau der Garnisonkirche stets präsent sein: „Hier darf kein Stein auf dem anderen liegen ohne ein Schuldbekenntnis, dass unsere Mütter und Väter Täter waren.“ Die Wehrmacht habe „eine Blutspur durch Europa gezogen“.

Im Rahmen der Andacht erzählte der anglikanische Reverend Alan McCormack eindrucksvoll von Kirche St. Vedast in London, die im Zweiten Weltkrieg durch deutsche Bomber zerstört und dann wiederaufgebaut wurde. Mittlerweile existiert eine intensive Kooperation mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Seine Gemeinde habe Wahrheit und Heilung durch den Wiederaufbau erfahren, sagte der Reverend.

Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) erklärte in seiner Rede: „Ohne das Vergegenwärtigen der Geschehnisse rund um den Tag von Potsdam sind die nachfolgenden Ereignisse, die wir in diesem Gedenkjahr noch begehen, nicht zu verstehen: Weder der 8. Mai noch der 70. Jahrestag der Potsdamer Konferenz. Ohne Bezug zum Tag von Potsdam ist die Erinnerung an die Nacht von Potsdam nicht denkbar.“ Anders als Pfarrerin Radeke-Engst nahm Jakobs allerdings nicht direkt zum Wiederaufbauprojekt Garnisonkirche Stellung. Die Pfarrerin hatte in ihrer Predigt dafür plädiert, dass man in dem geplanten Bürgerdialog rund um das umstrittene Projekt „richtig zuhören sollte“.

Vor der Andacht hatte es das ganztägige Architektur-Symposium in der Fachhochschule gegeben; organisiert vom Studiengang Architektur und den Initiatoren des Wiederaufbaus, konzipiert von den FH-Professoren Bernd Albers, Ludger Brands und Peter Stephan. Dabei ging es unter anderem um verschiedenste Facetten der Garnisonkirche. Kunsthistoriker Hans-Joachim Kuke erklärte den Bau vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit: Als „eindrucksvollen Höhepunkt architektonischer Sparsamkeit“ und eine „Art gebauten Pietismus“ getreu der Gedankenwelt des spartanisch gesinnten Soldatenkönigs.

 Zeithistorikerin Anke Silomon führte aus, dass die Kirchengemeinde – anders als gemeinhin oft geglaubt – dem Dritten Reich nicht als uneingeschränkt willfähriger Handlanger gedient habe. Architekt Brands zog kritische Bilanz der Architektur der Nachkriegsmoderne. Brands’ These, dass in den 70er Jahren vielerorts in den Stadtzentren „sinnentleerte Räume“ – Beispiel: Breite Straße – entstanden seien, widersprach Kunsthistoriker André Tomczak in der Debatte energisch. In den letzten Jahrzehnten seien „wertvolle Korrespondenzen“ entstanden. Sein Fazit des Symposiums : „Größtenteils neutrale und erhellende wissenschaftliche Beiträge.“ Auch Bau-Expertin Saskia Hüneke fand die Tagung geglückt: „Sie hat deutlich gemacht, dass es in der Architektur immer wieder um die Deutungshoheit zur Geschichte ging – das prägt ja auch die gegenwärtige Debatte zur Garnisonkirche.“ Ihr Plädoyer für den Bürgerdialog: Mythen hinterfragen, Fakten diskutieren.

Von Ildiko Röd

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Potsdam
Potsdams Innenstadt - vor und nach dem Krieg

Der 14. April 1945 ist ein sonniger, warmer Frühlingstag – ein Sonnabend.  Um 22:15 Uhr ertönen die Sirenen, Bomben fallen auf Potsdam und wenig später marschiert die russische Armee in Potsdam ein. Das Stadtbild ist ein anderes geworden.

Das Protokoll zum Luftangriff: www.maz-online.de/Nacht-von-Potsdam

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg