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Potsdam „Ich weiß nicht, was los ist in seinem Kopf“
Lokales Potsdam „Ich weiß nicht, was los ist in seinem Kopf“
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19:17 02.08.2018
So heruntergekommen das „Minsk" auch ist – im Herbst 2017 hatten sich dort einige Obdachlose häuslich eingerichtet. Quelle: Maz-Archiv
Potsdam

Gabriel C. bringt das Gericht zum Lachen – dabei ist das, was der 53-Jährige über das Leben der Obdachlosen auf den Straßen Potsdams zu erzählen hat, alles andere als lustig. Der redselige Rumäne hat gerade sein Zelt im Park aufgeschlagen. „Bei diesem herrlichen Wetter!“, sagt er augenzwinkernd. Die Sonne und eine Flasche Wein, besser könnte er es gar nicht haben.

Wo er im Herbst, im Winter unterkommt, daran denkt Gabriel C. jetzt noch nicht – aber er denkt zurück. Im Oktober 2017, als die Nächte kälter und stürmisch wurden, hatte er Unterschlupf im ehemaligen Terrassenrestaurant „Minsk“ gesucht. Bis die Polizei das leerstehende Gebäude am Brauhausberg räumte, wohnten dort außer ihm zwei Pakistaner, ab und zu schaute ein Ukrainer vorbei – und dann war da noch der Pole Slawomir M., der einen der Treber auf dem Gewissen haben soll und nun in einen Sicherungsverfahren auf der Anklagebank sitzt. Weil er zur Tatzeit schuldunfähig gewesen sein soll, entscheidet das Gericht darüber, ob der 42-Jährige statt ins Gefängnis in die Psychiatrie muss.

Sie teilen Zimmer und Alkohol

Gabriel C. und Slawomir M. kennen sich kaum, dabei haben sie sich in besagtem Oktober drei Wochen lang einen Verschlag im Minsk, haben Brot, Zwiebeln und Schmalz und den Alkohol geteilt. „Wir haben uns im Hauptbahnhof kennengelernt und dort nicht nur einmal gemeinsam getrunken“, berichtet Gabriel C. Der Beschuldigte habe es mit dem Wodka, habe schon morgens damit angefangen. „Ich selbst trinke keine harten Sachen“, sagt Gabriel C. „Mir sind Bier und Sangria am liebsten.“

Ob Wodka oder Wein: Die nächste Runde besorgt immer der, der gerade flüssig ist. Im Oktober 2017 ist es Gabriel C., der ein paar Scheine – um die 300 Euro – in der Tasche stecken hat. „So lange ich das Geld hatte, war er freundlich, da ist alles gut und entspannt gelaufen“, sagt er über die WG-Zeit mit Slawomir M.: „Das ist wie in einer Ehe: Wenn Geld da ist, dann verstehen sich auch die Eheleute.“

Ein Schlag mit der Wodkaflasche auf den Kopf

Als aber die Finanzen zur Neige gingen und der Wodka-Nachschub ausblieb, habe sich Slawomir M. verändert. „Ich weiß nicht, was los ist in seinem Kopf, ob da was nicht stimmt – oder ob das der Suff ist“, sagt Gabriel C.Slawomir M. sei jedenfalls aggressiv geworden. Immer öfter. Und immer schneller. Am Tag, als Slawomir M. im Minsk seinen Landsmann Marek W. attackierte, ins Freie schleifte und dort liegen ließ, wurde er auch Gabriel C. gegenüber handgreiflich. „Er hat mir eine schwere, dicke Wodkaflasche auf den Kopf geschlagen“, schildert der. „Gott sei Dank hat er mich nicht so getroffen, dass ich umgekommen bin.“ Ob er sich erklären könne, weshalb M. zugeschlagen hat – ob er ihn nach dem Grund gefragt habe, wollen die Richter wissen. „Was sollte ich denn da noch fragen?“, entgegnet Gabriel C. und zuckt mit den Schultern: „Wenn man so voll mit Blut ist, stellt man keine Fragen mehr.“

Anders als Slawomir M. beteuert, habe er nach dem Vorfall nicht um Entschuldigung gebeten. „Er hat sich überhaupt nicht gekümmert“, sagt Gabriel C. „Er ist weggegangen – und ich habe ihm ehrlich gesagt auch nicht lange nachgeschaut.“ Nach dem Schlag, bei dem die Flasche zerbrach, habe er das Zimmer nicht mehr verlassen – er habe bei verschlossener Tür geschlafen und nichts mitbekommen. „Ich bin erst aufgewacht, als die Polizei im Raum stand – ich wusste überhaupt nicht, worum es geht.“

5,89 Promille intus – mindestens

Gabriel C. sagt, der Beschuldigte sei „nicht ganz normal im Kopf – auf alle Fälle, wenn er trinkt“. Und getrunken wurde im Minsk offenbar über die Maßen. Der Rechtsmediziner Jürgen Becker, der Marek W.s Leichnam untersucht hat, stellte im Urin 5,89 Promille Alkohol fest – ein Mischwert, der laut dem Experten darauf hinweist, dass W. zu Lebzeiten auch mindestens 5,89 Promille im Blut hatte, sicher sogar mehr. Spuren von Drogen und Medikamenten fand der Rechtsmediziner nicht. Dafür etliche Verletzungen, am Kopf und an den Gliedmaßen, die auf stumpfe Gewalteinwirkung deuten. So sei das Nasenbein mehrfach gebrochen gewesen, die rechte Ohrmuschel und die Kopfhaut waren gerissen. Es fanden sich zudem Unterblutungen der Hirnhäute und Zeichen der Unterkühlung.

„Viele der Kopfverletzungen sind durch Faustschläge zu erklären“, sagt Becker. „Die Zerreißungen müssen durch einen harten Gegenstand entstanden sein – die Bratpfanne, die am Tatort gefunden wurde, würde passen.“ An den Oberarmen habe er Griffspuren ausgemacht, am Rücken und Becken Verletzungen, die darauf hinweisen, dass Marek W. über eine raue Oberfläche geschleift wurde.

Schwer, nicht tödlich verletzt

„Er befand sich sicher in einer hilflosen Lage“, so Becker. „Er war mehrere Stunden bewusstlos. Die Bewusstlosigkeit kann sowohl durch die schweren Kopfverletzungen als auch durch den Alkohol ausgelöst worden sein.“ Die Verletzungen an sich seien zwar schwer, aber nicht zwingend tödlich gewesen.

Marek W. starb laut Becker an Unterkühlung. „Der Kältetod wäre allerdings abzuwenden gewesen – hätte man ihn ins Warme gebracht, hätte man Hilfe geholt, wäre das sicher anders ausgegangen.“ Slawomir M. knetet die Hände, während er der Expertise folgt. „Ich habe damals nicht rational gedacht“, sagt er. „Wenn ich in so einem Zustand gewesen wäre wie ich es hier und heute bin, wäre das gar nicht passiert.“

Die Verhandlung wird am Dienstag, 7. August, fortgesetzt.

Von Nadine Fabian

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