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Im Bett mit dem Messer

Kinder von DDR-Dissidenten erzählen von ihren Erfahrungen Im Bett mit dem Messer

Anna Schädlich kämpft mit ihrer Stimme, als sie an dem Kapitel ansetzt, dass ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt hat. Es ist das Jahr 1977, an das sie sich am Donnerstagabend bei der Lesung aus dem Buch „Ein Spaziergang war es nicht.

Kindheiten zwischen Ost und West“ im „11- line“ gut erinnern konnte.

Gemeinsam mit ihren Eltern, dem Schriftsteller Joachim Schädlich, ihrer Mutter Krista Maria und Schwester Susanne musste Anna 1977 die DDR verlassen – auf Veranlassung des Regimes, weil das Wirken des Vaters ein Dorn im Auge des Politbüros war. Verraten wurde er von seinem eigenen Bruder. „Ich war verängstigt als ich zu Bett ging und legte mich mit dem Küchenmesser hin. Das Licht brannte, aber ich hatte Angst, dass wir abgeholt werden“, berichtete sie vor 40 Gästen über ihre damalige Gefühlslage.

Die Erfahrungen aus Sicht der Dissidenten-Kinder haben Anna und Susanne Schädlich 35 Jahre nach dem unfreiwilligen Auszug aus der DDR verschriftlicht. Gemeinsam mit anderen Autoren wie Eliyah Heinemann, dem Sohn von Wolf Biermann, haben sie auf 317 Seiten ein Werk der Erinnerung verfasst, dass sich mit dem Zwangsumzug aus Sicht der Künstler-Kinder befasst. „Man schwimmt natürlich erstmal mit, aber irgendwann passen die Lebenswege nicht mehr so ganz zu denen der Eltern“, erzählte Susanne. Von Ost-Berlin ging es für die Schädlichs auf eine kleine Odyssee quer durch das westliche Bundesgebiet. Erst Düsseldorf, dann Hamburg, schließlich wieder West-Berlin. Während Anna sämtliche Umzüge mitmacht, bekommt die ältere Schwester Susanne zuviel und geht in die USA. „Ich bin so weit nach Westen, bevor es wieder Osten wurde“, sagte Susanne Schädlich. „Natürlich war es im Nachhinein ein Segen nach Westdeutschland zu können“, versicherte die Schriftstellerin, die die Textsammlung Anfang 2011 konzipiert hat. „Wir haben versucht, viele Dissidentenkinder anzuschreiben. Für viele war es auch ein elementares Bedürfnis über ihre Erfahrungen zu schreiben“, berichtete die Schriftstellerin.

Auch bei Autorin Luisa Schönemann hat die Zwangsumsiedlung ihre Spuren hinterlassen. Ihre Eltern, die Filmemacher Sibylle und Hannes Schönemann, saßen erst ein Jahr im Stasi-Gefängnis, bevor sie 1985 ausgebürgert wurden und die Wohnung auf der Jägerallee unfreiwillig verlassen mussten. „Heute sitzt dort eine Anwaltskanzlei. Gerne würde ich hin und sagen, dass es eigentlich mein Kinderzimmer ist“, beschrieb Schönemann mit einem Kloß im Hals. Ihre Familie zog es nach Hamburg, direkt auf den Kiez nach St. Pauli. „Dort war der am klügsten, der zu Hause blieb. Das einzig schöne waren die Leuchtreklamen an jeder Ecke“. Täglich wird sich mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Sie studiert in Golm, im Gebäude der ehemaligen Jura-Fakultät der Stasi. „Dort haben die Leute studiert und gelernt, die uns ausgewiesen haben.“

Das Buch „Ein Spaziergang war es nicht. Kindheiten zwischen Ost und West“ ist im Heyne-Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro. (Von Marcel Jarjour)

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