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Im Maschinenraum der Menschlichkeit

Gefeierte Premiere im Potsdamer Hans-Otto-Theater Im Maschinenraum der Menschlichkeit

Das Potsdamer Hans-Otto-Theater zeigt eine beeindruckende Version des wortlosen Stückes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ von Peter Handke. 90 Minuten lang werden sich zwölf Schauspieler in 120 Kostümen begegnen. Sie liefern ein Spiegelbild unserer Bewegungen.

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Ein Spiegelbild unserer Bewegungen – die Welt von Peter Handke.

Quelle: HL@HLBOEHME.COM

Potsdam. Es ist, als wäre die Welt beim Auseinanderfallen eingefroren. Ein Kinderwagen liegt seitwärts auf dem Boden, davor ein umgekippter Einkaufswagen und eine Angelrute. In der Mitte verhüllt schwarze Folie ein riesengroßes Etwas. Was soll das, wer war das?

Als die Bühne des Potsdamer Hans-Otto-Theaters am Freitagabend in Bewegung gerät, verlieren alle Fragen an Bedeutung. 90 Minuten lang werden sich zwölf Schauspieler in 120 Kostümen begegnen. Sie werden schweigen, schreien, rennen, liegen, bibbern, prusten, hasten, rasten, rangeln und knutschen. Nur eines werden sie nicht: reden. In „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ skizziert Peter Handke einen Bilderbogen menschlicher Begegnungen. Momentaufnahmen an einem unbekannten Platz in irgendeiner europäischen Stadt laufen nacheinander ab. Ein Wesen, das wie ein in Pech gefallener Samurai aussieht, zieht die Folie vom Ding auf der Bühne ab. Es ist ein schwarzer Brunnen.

Als Claus Peymann Handkes Stück vor 25 Jahren in Wien erstmals inszenierte, nahmen die Besucher es als Theaterwunder war. Radikal, sprachlos, voller Fantasie – diese Wirkung ist in der Potsdamer Inszenierung geblieben. Alexander Nerlich führt Regie, Amit Epstein hat die Kostüme geschaffen, Wolfgang Menardi das Bühnenbild. Anja Kozik ist für die Choreografie zuständig, Malte Preuß für das Sounddesign, das durch ständiges Klicken, Klacken und Surren den Rhythmus der Bewegungen antreibt. Mit an sich unspektakulären Requisiten und viel Fantasie kreieren sie eine Bilderflut, die keine Pausen kennt. Wer eine Schublade dafür sucht, weil das weder Drama noch Komödie ist, kann das Stück Tanztheater nennen. Oder es lassen.

Es geht in all den kurzen Szenen um, nun ja, das Leben. Um Vereinzelung und Gemeinschaft. Darum, dass jeder Tag einen bunten Strauß an Möglichkeiten bietet, sich die Fresse einzuschlagen. Oder, miteinander auszukommen. Die Lichtröhren am Bühnenrand dienen als Lichtschwerter, mit denen sich Kämpfer duellieren. Dann bildet sich ein Grüppchen und bricht die Assoziation. Sie positionieren die Leuchten gerade in der Luft, halten sich daran fest. Ein Tuckern ertönt, dann das Gedudel, das im Regionalexpress die Haltestellen ankündigt. Das hat was von Zirkuspantomime, fasziniert aber durch den ständigen Wechsel und die Gegenwartsbezüge, die per Requisite in die Inszenierung hereinrollen. Ein Gebetsteppich, getragen von einem Mann mit Bart, der von zwei Großstadtcowboys mit Glitzerhüten geschnappt und verknotet wird.

Der Inszenierung lässt sich kein Statement zur Zeit abtrotzen, sie liefert ein Spiegelbild unserer Bewegungen. Die Schauspieler sitzen immer wieder als Horde auf dem Brunnenrand und streichen über imaginäre Smartphones. Sind wir eine Wischi-Wischi-Gesellschaft, die sich ohne Geräte nicht mehr begegnen mag? Das wird nicht behauptet. Das eigentliche Stück spielt in den Reflexionen der Betrachter.

Es entsteht der Eindruck, in den Maschinenraum menschlicher Gefühle zu blicken. Dort, wo sich entscheidet, ob man einander hilft oder sich behindert. Dass die Schauspieler meist nackt oder in transparenten Stoffen auftreten, verstärkt die Unmittelbarkeit. In einer Szene erkennen zwei Männer, dass der Brunnen ihnen zum Thron werden kann. Eben noch einander anlächelnd, hetzen sie nun hinauf. Wie Pitbulls, die eben noch Kätzchen waren. Sie kämpfen, ihre Krawatten verknoten und entknoten sich, das Duell endet in einer Knutscherei. Alles kann passieren, es hängt vom richtigen Moment ab. Oder vom falschen.

Peter Handke ist bereits ein Klassiker

Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ ist eines von vielen Werken, mit denen der mittlerweile 74-jährige Peter Handke die deutschsprachliche Theater- und Literaturlandschaft maßgeblich beeinflusst hat.

Legendär ist sein Auftritt bei einem Treffen der Schriftsteller der Gruppe 47 im Jahr 1966. Damals warf er in einer Schmährede Günter Grass und anderen prominenten Literaten „Beschreibungsimpotenz“ vor. Seinen Durchbruch hatte er in demselben Jahr mit dem von Claus Peymann uraufgeführten Theaterstück „Publikumsbeschimpfung“.

Die nächste Vorstellung von „Die Stunde ...“ findet am 15. Juli ab 22 Uhr statt. Kartenunter 0331/9811-8.

Von Maurice Wojach

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