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In Potsdam fehlen 200 Kita-Plätze

Verzweifelte Suche nach Betreuungsplatz In Potsdam fehlen 200 Kita-Plätze

Zur Zeit fehlen in Potsdam 200 Plätze – und das in einer Stadt, die vor zehn Jahren wegen der guten Versorgung mit Kitaplätzen als familienfreundlichste Stadt Deutschlands ausgezeichnet wurde. Anna Palloks aus Bornstedt sucht wie viele andere Eltern verzweifelt eine Betreuung für ihren kleinen Sohn und erwägt nun eine Klage. Es wäre ein Präzedenzfall.

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Altenpflegerin Anna Palloks will wieder arbeiten, bekommt aber keinen Kitaplatz für Sohn Fiete (1).

Quelle: Marion Kaufmann

Potsdam. Anna Palloks breitet die Zettel auf dem Küchentisch aus, auf die sie die Angaben zu Potsdamer Kitas aufgeklebt hat. Alle Einrichtungen sind mit einem dicken Kreuz durchgestrichen. Abgelehnt. Warteliste, maximal. 15 Tagesstätten in Potsdam hat die junge Mutter angefragt – ohne Erfolg. Obwohl ihr Sohn Fiete (1) einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz hat, findet die Familie mit zwei voll berufstätigen Elternteilen keine Betreuung.

Und das in einer Stadt, die vor zehn Jahren im Prognos-Atlas wegen der guten Versorgung mit Kitaplätzen als familienfreundlichste Stadt Deutschlands ausgezeichnet wurde und morgen in der Stadtverordnetenversammlung den neuen Aktionsplan „Kinderfreundliche Kommune“ verabschieden will. In diesem geht es allerdings nicht um Kitaplätze, sondern unter anderem um Mitbestimmung für Kinder und Spielplätze. „Kinderfreundlich wäre für mich, wenn ein Kind in einer Kita mit anderen Kinder zusammen sein kann“, sagt Anna Palloks.

Geburtstermin zur falschen Zeit

Fietes Verhängnis: Sein Geburtstermin passt nicht in die Pläne der meisten Kitas, die in Potsdam komplett in der Hand freier Träger sind. Plätze werden meist nur zum September vergeben, wenn die Ältesten die Kita verlassen und zur Schule wechseln. Warum sie ihre Familienplanung nicht danach ausgerichtet habe, sei sie beim Kita-Tipp, der städtischen Vermittlungsstelle, gefragt worden, erzählt Anna Palloks. „Entschuldigung, dass sich mein Eisprung nicht nach den Vorstellungen der Stadt richtet“, sagt die Mutter voller Ironie, denn für die Familie geht es um die Existenz.

Die 24-Jährige ist von Beruf Altenpflegerin und hatte ein Jahr Elternzeit beantragt. Im April wollte sie wieder in den Beruf einsteigen, Vollzeit. „Wir brauchen zwei volle Einkommen“, erklärt sie. Fietes Vater arbeitet in der Geriatrie und hat noch ein zehnjähriges Kind. Nun nimmt Anna Palloks bis Ende April Resturlaub. Ab Mai dehnt ihr Partner seine zwei Monate Elternzeit auf vier aus, bekommt dann pro Monat aber nur 524 Euro. „Wir müssen ans Ersparte“, sagt Fietes Mutter. Was ihr derzeit den Schlaf raubt, ist weniger der Kleine, sondern die Frage, wie es im Herbst weitergehen soll. Denn einen Kitaplatz hat die Familie noch immer nicht in Aussicht.

Auch Geschwisterkinder werden abgelehnt

Dass die Palloks kein Einzelfall sind, zeigen auch die Schilderungen von Ramona Kesch (36) aus dem Bornstedter Feld. Ihr großer Sohn Florian (3) besucht die Kita Bergmännchen auf dem Gelände des Klinikums Ernst von Bergmann, obwohl beide Eltern nicht dort arbeiten. Der zweite Sohn Dominik ist wie Fiete im März 2016 geboren. „Wir stellten sofort nach Dominiks Geburt den Antrag auf einen Platz“, sagt die Marketingreferentin. Doch das Geschwisterkind wurde von der Kita abgelehnt.

Ramona Kesch ist wie Anna Palloks finanziell gezwungen, Vollzeit zu arbeiten. Ihr Mann (36) macht eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker. Täglich zwei Kitas anzusteuern – organisatorisch unmöglich, sagt Ramona Kesch. „Wir mussten also einen Kindergarten finden, der uns einen Krippenplatz und einen Platz für einen Dreijährigen anbietet – doppelt aussichtslos.“ Mit viel Glück hat die Familie nun aber ab September für beide Plätze in einer Kita bekommen. „Ein Sechser im Lotto.“ Aber: Wie die Zeit bis Herbst überbrücken? Ramona Keschs Arbeitgeber hat ihre für ein Jahr beantragte Elternzeit verlängert, aber sie bekommt nun kein Geld mehr. Die Familie lebt derzeit vom Kindergeld und vom Ausbildungsgehalt ihres Mannes. „Durch diese Situation ist meine Familie zum Sozialfall geworden“, sagt sie.

Bislang noch keine Klagen in Potsdam

„Die Mitarbeiter beim Kita-Tipp versuchen, was möglich ist“, versichert Sozialdezernent Mike Schubert (SPD), räumt aber ein: „Zur Zeit ist es sehr eng. Es fehlen 200 Plätze“ Der Engpass sei durch die Brände im Februar und März in der Kita Sternschnuppe Am Stern entstanden. 200 Kinder mussten woanders untergebracht werden. Pufferplätze, um Kinder unterm Jahr aufzunehmen, seien so aufgebraucht. Bis September entstünden aber 370 neue Kitaplätze in Potsdam.

Anna Palloks erwägt die Stadt zu verklagen, wenn sie keinen Platz für Fiete bekommt. Es wäre ein Präzedenzfall. Bislang haben in Potsdam anders als in anderen Kommunen keine Eltern versucht, Kinderfreundlichkeit vor Gericht zu erzwingen.

Mehr Kinderfreundlichkeit durch Aktionsplan

Der Aktionsplan „Kinder- und jugendfreundliche Kommune 2017-2020“ soll morgen in der Stadtverordnetenversammlung beschlossen werden.

2015 hatten die Stadtverordneten die Teilnahme der Landeshauptstadt am Qualifizierungsprozess „Kinderfreundliche Kommune nach Unicef-Standards“ beschlossen.

Ein Gutachterteam hat der Stadt danach unterbreitet, wie sie kinderfreundlicher werden kann. Kinder sollen künftig stärker in Planungen, etwa von Spielplätzen, einbezogen werden. Schul- und Sportflächen sollen künftig auch an den Wochenenden genutzt werden können.

Im Haushalt stehen in den kommenden Jahren mehr als 300 000 Euro für die Umsetzung zur Verfügung.

Von Marion Kaufmann

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