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In Potsdams Chören brodelt es

Streit um Förderung der Chorsinfonik In Potsdams Chören brodelt es

Um die Förderung von Chorsinfonik wird in Potsdam gestritten, seit man dafür mit der Abwicklung der Brandenburgischen Philharmonie einen eigenen Förderetat einrichtete. Doch jetzt schlagen die Wellen richtig hoch. Chorleiter werfen der Stadt nach einer Änderung der Ausschreibungsbedingungen Eingriff in ihre künstlerische Freiheit vor.

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Bei einem Konzert der Potsdamer Kantorei und des Neuen Kammerorchesters in der Erlöserkirche.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Die finanzielle Förderung von Chören und Orchestern in Potsdam sorgt wieder für politischen Streit. Für die Förderung seien in den vergangenen drei Jahren „Kriterien entwickelt“ worden, die „den Interessen der Potsdamer Chöre widersprechen und ihre künstlerische Freiheit einschränken“, erklärte der Leiter der Potsdamer Kantorei, Ud Joffe, vor kurzem in einem Flugblatt für Konzertbesucher in der Erlöserkirche. Die Kulturverwaltung wies das zurück: „Die von Herrn Joffe erhobenen Vorwürfe entbehren jeder Grundlage“, heißt es in einer Stellungnahme, die in den Unterlagen für den nächsten Kulturausschuss ist.

Bei dem Streit geht es um ein mit gut 100 000 Euro ausgestattetes Budget zur Förderung chorsinfonischer Aufführungen, das begleitend zur Abwicklung der Brandenburgischen Philharmonie im Jahr 2000 eingerichtet wurde. Hatte bis dahin das städtische Orchester den großen Chören zu günstigen Konditionen für die Begleitmusik zur Verfügung gestanden, sollte der Ankauf von Orchestern nun über dieses Budget gefördert werden. Über Jahre gab es ein Forum Chorsinfonik, in dem die Kantorei, der Oratorienchor, die Singakademie, der Männerchor, später auch der Nikolaichor und der Neue Kammerchor Termine abstimmten und die Förderung aufteilten.

Nach wachsender Kritik an einem geschlossenen Zirkel entschieden Politik und Verwaltung, die Förderempfehlungen ab 2014 einer dreiköpfigen Jury zu übertragen. Aktuell ist sie mit zwei Personen besetzt: neben Gründungsmitglied Andrea Palent, Chefin des Nikolaisaals, mit dem Journalisten Klaus Büstrin. Nach MAZ-Informationen soll dem Kulturausschuss am Donnerstag mit Birgit Blank, Lehrstuhlinhaberin für Musikpädagogik und Musikdidaktik an der Universität Potsdam, eine weitere Jurorin vorgestellt werden.

Zu den Änderungen nach dem Einsatz der Jury zählten neue Bedingungen für die Förderung von Chorsinfonik. Bis 2014 stand es den Chören frei, mit welchem Orchester sie zusammenarbeiten. Seither hingegen sind sie laut Ausschreibung verpflichtet, „für die Begleitung ihrer Aufführungen zunächst das Staatsorchester Frankfurt (Oder) und/oder die Kammerakademie Potsdam“, das Hausorchester des Nikolaisaals, „anzufragen“. Ud Joffe sieht in dieser Auflage einen Eingriff in die künstlerische Freiheit. Er beruft sich dabei auf frühere Diskussionen.

So gab es schon 2001 einen auf SPD-Antrag herbeigeführten Beschluss, dass chorsinfonische Förderung „ohne einschränkende Auflagen/Bedingungen zur künstlerischen Zusammenarbeit“ erteilt wird. 2005 bekräftigte das Kulturministerium in einem der MAZ vorliegenden Schreiben: „Aus hiesiger Sicht sollten beim Orchesterankauf für Chorsinfonik alle in Potsdam beheimateten Orchester gleich behandelt werden.“ 2008 gab es im Vertrag zum Theater- und Konzertverbund der Städte Potsdam, Brandenburg/Havel und Frankfurt (Oder) eine Klausel, nach der über das Budget der Chorsinfonik pro Jahr fünf Konzertbegleitungen des Staatsorchesters angekauft werden sollten. Die Klausel wurde dann allerdings zum Missverständnis erklärt und gestrichen.

Nun brodelt es. Im Sommer 2015 warnten die sechs großen Chöre in einer gemeinsamen „Positionierung“, es dürfe „keine Eingriffe in die künstlerische Freiheit der Chöre geben – Regelungen zu dem zur Aufführung zu bringenden Repertoire sind genauso wenig akzeptabel wie Vorgaben zu den von den Chören zu engagierenden Orchestern“. Die Beteiligten, so hieß es, „befürchten, dass die neuen Regelungen mittelfristig den Bestand der Chöre in Frage stellen“.

Auf Unverständnis stoßen die neuen Regeln auch bei den benachteiligten Orchestern. Gerade lobte Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), „besonderes Kennzeichen“ des von Joffe geleiteten Neuen Kammerorchesters sei „seine Zusammenarbeit mit den Potsdamer Chören“. Die Kulturverwaltung sieht in der Förderpraxis keinen Widerspruch dazu. Auf MAZ-Anfrage verwies man auf eine erstmalige Förderung von 25 000 Euro in den Jahren 2015 und 2016 für dieses Orchester. Zum Vergleich: Die Kammerakademie bekommt rund 800 000 Euro pro Jahr.

Auch Klaus-Peter Beyer, Intendant des Filmorchesters Babelsberg, sieht einen Widerspruch zwischen der vom Rathaus immer wieder betonten wichtigen Rolle seines Klangkörpers als Botschafter Potsdams und der Frage, warum er von der Stadt andererseits „selbst in der Chorfrage so außen vor gelassen wird – zumal die Chöre gern mit uns zusammenarbeiten“.

Die Kulturverwaltung sieht keinen Grund zur Kritik: Die Stadt habe mit Zustimmung des Kulturausschusses „in einem intensiv geführten Diskussionsprozess“ die Förderung von chorsinfonischen und chormusikalischen Projekten auf eine tragfähige Grundlage gestellt, die „Transparenz in der Vergabe“ garantiere, hieß es am Montagabend auf MAZ-Anfrage.

Ein Vorschlag sei dabei die Verpflichtung der Chöre gewesen, „für ihre Aufführungen zunächst das Staatsorchester Frankfurt (Oder) und/der die Kammerakademie Potsdam anzufragen. Grund dafür seien die vertragliche Bindung der Landeshauptstadt im Theater- und Konzertverbund sowie im Zusammenhang mit der Nachfolge für die Brandenburgische Philharmonie gefasste politische Beschlüsse der Stadt zum Betreiberkonzept der Kammerakademie.

Die Kammerakademie „als Nachfolgeorchester der Brandenburgischen Philharmonie“ habe sich zudem „dafür ausgesprochen, die bereits seit 15 Jahren bestehende Tradition, die Chöre der Landeshauptstadt Potsdam zu begleiten, so weiterzuführen“. Bei nachvollziehbarer Absage der genannten Orchester sei das Engagement eines anderen Orchesters möglich, so die Verwaltung. Die Kulturausschussmitglieder hätten diesem Vorschlag zum Verfahren einstimmig zugestimmt.

Klärung soll nun ein Gespräch beim Oberbürgermeister bringen. Nach Auskunft eines Beteiligten sind die Chorleiter „gerade dabei, einen Termin zu verabreden“.

Chöre und Chorsinfonik

500 Sängerinnen und Sänger vereinen die großen Potsdamer Chöre nach eigenen Angaben. Mit ihren Konzerten erreichen Ensembles wie die Kantorei, der Oratorienchor, die Singakademie oder der Männerchor Tausende von Besuchern.

Größter Chor in Potsdam ist nach eigenen Angaben die an der Erlöserkirche beheimatete Potsdamer Kantorei mit 140 Sängerinnen und Sängern bei den Proben und bis zu 110 Sängern bei ihren Aufführungen.

Die aktuelle Ausschreibung zur Förderung chormusikalischer und chorsinfonischer Projekte für das Jahr 2017 läuft noch bis zum 31. August. Weitere Informationen über diana.mueller@rathaus.potsdam.de oder peTel. r Telefon unter 0331/289 33 43.

Von Volker Oelschläger

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