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Potsdam In drei Monaten ist das FH-Gebäude weg
Lokales Potsdam In drei Monaten ist das FH-Gebäude weg
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09:12 08.05.2018
Blick auf die Arbeiten an der ehemaligen Fachhochschule vom Hotel Mercure – im Hintergrund die Bibliothek. Quelle: Bernd Gartenschläger
Innenstadt

Er hat etwas von einem modernen Drachen: Da ist dieser riesige, 28 Meter lange Hals aus Metall mit einem nimmersatten Maul dran. 75 Zentimeter weit kann der Bagger dieses Maul aufsperren – dann schnappt er zu und frisst sich mit einem knirschend-schmatzenden Geräusch in den Beton der ehemaligen Fachhochschule. Die Betonteile werden ausgespuckt, landen unten auf dem Boden. Dort, wo früher die Grünanlagen mit Bänken und Bäumen waren, türmen sich jetzt die grauen Brocken. Es ist Montag, 11.30 Uhr, der „Final Countdown“ für den Abbruch des Ex-Lehrerbildungsinstituts hat begonnen. Anders als ursprünglich geplant, geht es nicht an der Stadt- und Landesbibliothek los, sondern im Mittelteil. Die flankierenden FH-Elemente sollen ein bisschen als Staubfänger dienen. Außerdem sprüht ein Rohr neben der Baggerschaufel Wasser auf die Wände, um sie zu durchfeuchten. Auch das ein Mittel, um weniger Staub aufzuwirbeln.

Warten in der Raststätte

Von nun an wird es schnell gehen: Vier Gebäudeteile hat der FH-Quader, für jeden braucht man etwa 15 Arbeitstage – macht ungefähr drei Monate, bis die oberirdischen Gebäudeteile endgültig Geschichte sind und die Untergrundarbeiten losgehen, rechnet Sanierungsträgerchef Bert Nicke den versammelten Journalisten vor. Ziemlich viele sind da. Schließlich hatte man den um Tage verspäteten Monster-Bagger schon mit Spannung erwartet. Aus Leuna war der Schwerlasttransport angerollt, danach musste der Bagger an der Raststätte Fläming ausharren, bis es endlich grünes Licht gab für die Polizeieskorte durch das nächtliche Potsdam.

Sanierungsträgerchef Bert Nicke am Montag beim Pressetermin vor dem Ex-FH-Gebäude. Quelle: Bernd Gartenschläger

Die Premiere des gefräßigen 65-Tonners wollen sich auch Schaulustige wie Manfred Nickel und Ralf Kubon nicht entgehen lassen. Nickel – ein kleiner Herr mit sandbraunem Polo-Shirt – wohnt in der Nachbarschaft am Alten Markt. „Zwischen 1960 und ’61 sind wir eingezogen“, erzählt er. Die große Eröffnungsfeier des „Instituts für Lehrerbildung“ am 5. September 1977 – sogar DDR-Volksbildungsministerin Margot Honecker kam – ging an ihm vorbei. Zu eingespannt war man mit der Arbeit und dem eigenen Garten.

Es geht zu Ende: Die ehemalige Fachhochschule wird abgerissen. Eines der letzten DDR-Gebäude verschwindet damit aus dem Potsdamer Stadtbild am Alten Markt.

Gespannt auf das Neue

Die Erinnerungen von Ralf Kubon an das Gebäude sind auch modischer Art. „Ich habe mir einmal eine schöne Lederjacke bei Ebbinghaus gekauft.“ Das Geschäft war nach der Wende in einem Teil des Erdgeschosses untergebracht. Etwas Wehmut kommt bei den beiden Herren schon auf, als sich das Bagger-Maul immer weiter durch die Fassade der FH frisst. „Das sah schon gut aus, als es neu war, da konnte man nicht meckern“, sind sie sich einig. Aber dann kamen die Jahre des Niedergangs. Und jetzt sind sie gespannt auf das, was so alles nach dem Abbruch kommt – sprich: das Neubauviertel mit den teilweise historisierenden Fassaden. Sie erhoffen sich eine Belebung: „Wenn das Karree fertig wird, kommen auch Läden rein.“ Bis dahin müssen Nickel und all die anderen Nachbarn der Baustelle tapfer sein. Der Lärm „von früh bis spät“ macht Nickel zu schaffen. Je nach Windrichtung ist es am Alten Markt mal besser, mal schlechter.

Das „Maul“ des Baggers schnappt zu. Quelle: Bernd Gartenschläger

Ganz nah dran am Geschehen ist die Stadt- und Landesbibliothek. Dort hat man einen Logenplatz mit bestem Blick aufs Abrissgeschehen. Doch das tröstet nur bedingt über Dinge wie die Staubbelastung hinweg. „Die Stadt- und Landesbibliothek hat für die Zeit der Abrissarbeiten die Regelung getroffen, dass Mitarbeiter die Fenster nur kurz zum Lüften öffnen und nicht über längere Zeit offen stehen lassen“, erklärt Stadtsprecherin Christine Homann dazu auf Anfrage.

Geteilte Meinungen zum Abriss

Auch Elke Sokoll hat durch die Schaufenster ihres Geschäfts ein Breitwandpanorama vom Ex-Fachhochschulgebäude. Sie arbeitet in der Buchhandlung „Schweitzer Sortiment“ an der Friedrich-Ebert-Straße. Obwohl Sokoll von 2003 bis 2007 Informationswissenschaften an der FH studiert hat, ist sie beim Thema Abriss „eher leidenschaftslos“, wie sie sagt. Die Bauarbeiten auf der anderen Straßenseite findet sie spannend. Und: „Für das Ladengeschäft ist es toll, weil ganz viele Touristen kommen und gucken.“

Der Riesenbagger fing im Mittelteil des Gebäudes an. Quelle: Bernd Gartenschläger

Einer, der den Weg mittlerweile meidet, ist der Kunsthistoriker André Tomczak. „Es tut weh“, sagt der Sprecher des Bündnisses „Stadtmitte für alle“. Tomczak zählte zu den Hauptprotagonisten beim Bürgerbegehren gegen den FH-Abriss, bei dem 2016 mehr als 15 000 Unterschriften zusammenkamen. Aus seiner Sicht ist der Abbruch nach wie vor „der größte Fehler in der Stadtentwicklung seit dem Mauerfall – städtebaulich und im Umgang mit Geschichte“. Schließlich hätte man das Haus als Ort der Begegnung und als Schaufenster der Wissenschaften nutzen können. Davon ist er nach wie vor fest überzeugt.

Von Ildiko Röd

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