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Aufgeheizte Stimmung bei Infoabend in Drewitz

Leichtbauhallen in Drewitz Aufgeheizte Stimmung bei Infoabend in Drewitz

Potsdam hat Druck, die Suche nach Unterkünften für Flüchtlinge läuft auf Hochtouren. Schon in wenigen Wochen werden zwei Leichtbauhallen in Drewitz aufgestellt. Mitten im Wohngebiet finden fast 100 Flüchtlinge Platz. Ein Infoabend sollt offene Fragen der Anwohner klären. Doch die Stimmung war gereizt.

Kein Platz blieb in der Turnhalle leer.
 

Quelle: Rainer Schüler

Potsdam. Potsdam steht unter Druck. In diesem Jahr sollen etwa 1600 Flüchtlinge in die Landeshauptstadt kommen. Doch die derzeit existierenden zehn Gemeinschaftsunterkünfte mit knapp 900 Plätzen bieten nicht die Kapazitäten für die Aufnahme weiterer Asylsuchender. Deshalb sind nun acht Leichtbauhallen geplant – zwei davon sollen in den kommenden Wochen in der Slatan-Dudow-Straße in Potsdam Drewitz aufgestellt werden. Die Entscheidung fiel kurzfristig, die Anwohner stehen vor vollendeten Tatsachen. Bei einem Infoabend in der  Turnhalle der Grundschule „Am Priesterweg“ konnten Anwohner am Donnerstag ab 18 Uhr offene Fragen klären. Die MAZ war vor Ort und berichtete live von der Veranstaltung.

Der Infoabend

Gereizte Stimmung zu Beginn: Die Turnhalle der Priesterweg-Grundschule an der Konrad-Wolf-Allee ist übervoll. Viele Leute müssen draußen bleiben. Die Stimmung ist gereizt. Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger wird in ihrer Präsentation immer wieder von aufgebrachten Bürgern unterbrochen.

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Laute Zwischenrufe: " Das wurde uns auferlegt, keiner hat uns gefragt", die Zwischenrufe kommen schon bei der Einführung. "Wir wollen das nicht!", heißt es mit Nachdruck. Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger weist aber darauf hin, dass man keine Unterbringung in Turnhallen wolle - das wäre die einzige schnelle Alternative. Darauf folgt laut Beifall.

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Der Veranstaltungsraum : Es ist überfüllt in der Halle der Priesterweg-Grundschule. Schätzungsweise sind 500 Menschen gekommen. Noch immer, gut eine halbe Stunde nach Beginn, hat die gereizte Stimmung nicht abgenommen. Es gibt immer wieder Zwischenrufe.

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Die Kinder: Nach der aufgeheizten Stimmung geht es um die Kinder. Es wird erklärt, dass kein deutsches Kind seinen Kita-Platz an ein Flüchtlingskind verliert. "Ihr belügt euch doch selber", heißt es in diesem Kontext. Dann wird gefragt, wer die Sicherheit der Kinder garantiert. Es gibt Applaus. Noch bleibt die Antwort aus, die Fragen überschlagen sich.

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Entrüstung über Politik: Ein Anwohner ist entsetzt über die Stadtpolitik. Man sei nicht informiert worden und habe keine Alternativen, sagt er. Die Stadt hätte es versäumt, Vertrauen zu schaffen. Das aber hätte sie tun müssen.

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Eine Frage folgt der nächsten: Warum gab es keine Bürgerbefragung? Wo sollen wir parken? Ist der Innenhof der Stadtverwaltung nicht groß genug für die Hallen? Erneut gibt es Beifall - für alle Fragen.

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Die Sozialdezernent kommt nach vielen Fragen zu Wort: Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger nimmt Bezug auf die Kinder. Flüchtlingskinder würden in Willkommensklassen gehen, sagt sie. In Drewitz werden sie hingegen nicht unterrichtet. Das staatliche Schulamt schaffe neue Lehrerstellen, sagt die Dezernentin.

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Entscheidungsgewalt: Auf die Frage, warum keine Bürgerbefragung gemacht wurde, sagt die Sozialdezernentin klar: Die Stadtverordnetenversammlung treffe die Entscheidungen, niemand sonst. "Die haben wir nicht gewählt", ruft eine Frau hinein. "Ich auch nicht", kommentiert ein anderer aufgeregt. "Wir haben das hinzunehemen und können nichts machen", sagt ein anderer. Ein weiterer Bürger hat genug. "So ein Mist", ruft er. Dann sagt er laut: "Ich gehe nach Hause."

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Die Sicherheitsfrage: Eine angeheuerte Firma wird künftig für Sicherheit sorgen. Ein oder zwei Sicherheitsleute sollen an den Leichtbauhallen eingesetzt werden, die in der Nacht vor Ort sind, heißt es.

Wieder fragt ein Vater: "Wer sorgt denn nun für die Sicherheit unserer Kinder?" Es habe Übergriffe auf Deutsche gegeben, behauptet jemand. "Wo?" fragt die Dezernentin. Er weiß keine Antwort.

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Parkplätze: Die Frage nach den Parkplätzen wird beantwortet. 87 Parkplätze fielen weg, stand in einer Bürgerinformation, sagt einer. Die Antwort ist deutlich: Nichts falle weg! Die Hallen stehen auf dem früheren Rewe-Gelände. Als die Stadt erklärt, wo die Hallen stehen sollen, wird Redner KIS-Chef Bernd Richter abgewürgt.

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Ein aufgeheiztes Wort folgt dem Nächsten: "Soll doch die Merkel selber Flüchtlinge aufnehmen!", heißt es. "Wann ist da mal Schluss? Es können doch nicht immer mehr kommen."

"Mich kotzt diese Sache an", sagt einer. Und die Menschen machen sich weiter Luft: "Wir bekommen hier was übergebügelt. Hier kommen nur junge Männer her" , behauptet ein Mann. Riesenbeifall.

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Noch immer sind die Kinder nicht vom Tisch: Die Erzieher sind an der Grenze ihrer Kräfte; die können nicht noch mehr Kinder betreuen, sagt eine Frau.

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Redner versuchen durchzudringen: Die Dezernentin erzählt, dass sie selbst einen Flüchtling geheiratet hat, einen aus der DDR. Doch im Saal lässt man sie kaum ausreden. Sie versucht unentwegt das Wort zu gewinnen. Außerdem könnten auch nicht alle Menschen nach Deutschland kommen - entgegen der Annahme einiger auf der Veranstaltung.

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Schluss mit den Ressentiments: Kein Flüchtling verdrängt einen Deutschen auf dem Ausbildungsmarkt, sagt Frank Thomann, Sozialamtsleiter. Er würden in die Hallen nicht nur Männer kommen , auch Frauen. Familien mit Kinder sollen schon bald feste Wohnungen beziehen. Außerdem, verdeutlicht Thomann, würde es hier " infame Unterstellungen " geben.

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Die Situation in der Flüchtlingsunterkunft: Ein Vertreter der Sicherheitsfirma City Control versichert, es gebe an den Unterkünften  keine Kriminalität . 12 Stunden seien Sozialarbeiter da, dann der Sicherheitsdienst. Man achte auf Ordnung und Sauberkeit. Polizeichef Maik Toppel bestätigt nochmal, dass es keine Zunahme von Kriminalität an Flüchtlingsunterkünften gäbe. Diese Unterkünfte seien "kein Hort der Kriminalität".

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Die Frage nach den Alternativen: Wie kam man auf diesen Standort, möchte eine junge Frau wissen. Jemand anderes bezieht sich auf leerstehende Aliiertenkasernen. Wäre die Nutzung nicht viel sinnvoller? Frank Thomann berichtet, dass die Stadt auch leer stehende feste Gebäude prüft, aber die können für den Winter nicht schnell genug hergerichtet werden. Die Stadt greift deshalb auf eigene Grundstücke zurück - und dieses gehört der Stadt.

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Gesundheitscheck: Die Dezernentin versichert auf eine Frage nach Impfungen, dass alle Flüchtlinge gesundheitlich durchgecheckt würden. Das erfolgt durch die Ärzte der Stadt, vor Ort niedergelassene Ärzte werden davon nicht betroffen sein. Weil die Angst bestand, dass die Terminsituation bei Ärzten noch schwieriger werden würde - schließlich gebe es bisher ohnehin zu wenig Mediziner - sagt die Sozialdezernentin: Kein niedergelassener Arzt bekomme weitere Patienten.

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Endlich kommt Kritik an der Stimmung: Eine ältere Frau ist irritiert über die Stimmung. Sie komme selber aus einer Flüchtlingsfamilie nach dem Zweiten Weltkrieg und habe viel Schlimmes erlebt. "Diesen Menschen muss geholfen werden", sagt sie und fordert Respekt:  "Benehmen wir uns anständig und suchen gemeinsam eine ordentliche Lösung!"

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Keine Angst vor Flüchtlingen: "Ihr braucht vor denen keine Angst zu haben", sagt einer mehr oder weniger zum Abschluss der Veranstaltung. Er betreue Flüchtlinge in der Heinrich-Mann-Allee und lebe selbst in Drewitz. "Die haben vor Euch mehr Angst als ihr vor denen", sagt er. Ein ehemaliger Lehrer berichtet, dass er Flüchtlingskindern Deutsch beibringen will; seit zehn Jahren hat er darin Erfahrung. Es gibt sie also doch noch, diejenigen, die der aufgeheizten Stimmung trotzen. Sie wollen helfen.

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Leichtbauhallen mitten im Wohngebiet

Dort, wo bald die Leichtbauhallen knapp 100 Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf bieten sollen, befindet sich derzeit eine Baustelle. Rund herum werden die Plattenbauten in Drewitz saniert. Anders, als bei den meisten anderen Standorten, liegt die künftige Unterkunft für Asylsuchende inmitten eines Wohngebietes. Zwei Kindertagesstätten und eine Grundschule sind in direkter Nähe. Auch das Kirchsteigfeld ist mehr oder weniger nebenan.

Auf dieser Baustelle sollen schon bald zwei Leichtbauhallen für Flüchtlinge stehen.

Quelle: Schüler

Weitere Unterkünfte in Potsdam

Schon zwei Infoveranstaltungen hatte es in dieser Woche zu den Leichtbauhallen gegeben. Die sollen auch auf dem Gelände des alternativen Jugendzentrums freiLand und in Neu Fahrland aufgestellt werden. Hunderte Menschen waren zu beiden Veranstaltungen gekommen. In Neu Fahrland mussten die Bürger den Infoabend sogar kurzerhand wegen des großen Andrangs nach draußen verlegt werden. Klar wurde: Die Anwohner haben Ängste, doch sie zeigten auch Hilfsbereitschaft.

JETZT den Liveticker zu Neu Fahrland nachlesen>>

Solidarität gab es hingegen bei der Infoveranstaltung freiLand. Dort hatte man vielmehr ein Problem mit den Leichtbauhallen an sich, denn sie bieten kaum Privatsphäre. Es sind Notunterkünfte, die die Menschen zunächst über den Winter bringen sollen. MEHR zum Thema>>

Weitere Leichtbauhallen sollen zudem neben der Sportfläche An der Sandscholle in Babelsberg aufgebaut werden.

Weitere Info-Abende

Für die Sandscholle in Babelsberg ist die Anwohnerversammlung am Montag, 26. Oktober, 18 Uhr, geplant. Ort: Filmuniversität „Konrad Wolf“, Marlene-Dietrich-Allee 11.

Für Neu Fahrland findet eine zweite Informationsveranstaltung am Dienstag, dem 27. Oktober, in der Turnhalle der neuen Grundschule an der Pappelallee statt.

Ein erstes Organisationstreffen für Helfer in Neu Fahrland findet am kommenden Mittwoch, 28. Oktober, ab 18 Uhr im Bürgertreff in der Straße Am Kirchberg 51 statt.

 

Von MAZonline und Rainer Schüler

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