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Interview mit dem letzten WBK-Direktor

Zu Hause in ... Waldstadt II Interview mit dem letzten WBK-Direktor

Gerhard Brock (76) war der letzte Direktor des Wohnungsbaukombinats (WBK) Potsdam. Im MAZ-Interview berichtet er über die Entstehung der Waldstadt II und über das Ende des DDR-Plattenbaus. Zur Innensicht zählt, dass auch die Zentrale des WBK mit seinen vielen Niederlassungen von Neuruppin bis Brandenburg sich in diesem Viertel befand.

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Gerhard Brock (76) war der letzte Direktor des Wohnungsbaukombinats Potsdam.

Quelle: Volker Oelschläger

Potsdam/Waldstadt. Gerhard Brock (76) war von 1980 bis 1991 Direktor des Wohnungsbaukombinats Potsdam, das in der Nachwendezeit zur Märkischen Bauunion wurde.

MAZ: Ist die Waldstadt II aus Ihrer Sicht ein besonderes Wohngebiet?

Gerhard Brock: Sicher. Wir gingen ja erstmals statt der grünen Wiese auf ein Gebiet mit Waldbestand, der so weit wie möglich zu erhalten war. Ich kann mich erinnern, dass die übliche Technologie der Montagebauweise sehr beeinträchtigt wurde. Sonst hatten wir lange Kranbahnen, jetzt musste man während der Montage den Kran umsetzen, damit Bäume bleiben konnten. Auf diese Weise haben wir immerhin 5000 Wohnungen realisiert.

Gibt es weitere Besonderheiten?

Brock: Es war ein wichtiger Aspekt, dass wir nicht über fünf Geschosse gehen. Mit Ausnahme dieser vier 15-geschossigen Hochhäuser. Neu waren auch die Mietergärten. Die Abstände zwischen den Wohngebäuden und den Straßen wurden dafür sehr weit geplant. In Waldstadt II sind auch alle sozialen Einrichtungen mit entstanden: Ein größerer Komplex mit Einkaufszentrum, mit Bungalows für Dienstleistungen, Post, Friseur und andere Einrichtungen, ein Ärztehaus mit Apotheke, kleinere Wohngebietsgaststätten.

Das war in diesem Umfang neu?

Brock: Die Waldstadt hatte schon Modellcharakter. Aber entscheidend war wirklich, dass man im Wald gebaut hatte. Man kann heute noch sehen, wie angenehm das Wohnen in diesem Gebiet ist. Sicher ist zu erwähnen, dass die Architekten um Karl Heinz Birkholz mit der Waldstadt 1983 den Architekturpreis der DDR gewonnen haben.

Wie groß war das Wohnungsbaukombinat?

Brock: Das WBK Potsdam hatte rund 5000 Beschäftigte, davon hatte die Projektierung mit Sitz in Potsdam und Brandenburg allein rund 500 Beschäftigte – Architekten, Planer, Bauvorbereitung. Wir hatten drei Plattenwerke in Potsdam quasi in der Waldstadt, in Brandenburg und in Velten. Dann vier bauausführende Betriebe am Horstweg, in Brandenburg, in Neuruppin und in Werder (Havel). Dazu einen Betrieb Mechanik für die Instandhaltung unserer Großtechnik – Krane, Laster, Schwertransporter. In West-Berlin, wo Devisen erwirtschaftet wurden, hatten wir in den letzten zehn Jahren der DDR rund 100 Bauleute, die täglich hinübergefahren sind und abends zurück kamen nach Potsdam.

Drüben geblieben ist keiner?

Brock: Nein. In der Zeit ist mir nichts derartiges bekannt geworden. Das hätte ich sicher erfahren.


Bernhard Wendel, Ende der 1980er Jahre Stadtarchitekt, sagte kürzlich, dass ohne den Mauerfall in der DDR auch in hundert Jahren noch mit der Platte gebaut worden wäre.

Brock: Das würde ich nicht ganz so sehen. Ich bin überzeugt aufgrund damaliger Überlegungen und Gespräche, dass der Anteil des Plattenbaus sukzessive abgenommen und innerstädtisches Bauen an Bedeutung gewonnen hätte. Ob wir das materiell beherrscht hätten, kann ich nicht zu beurteilen. Sicher wäre es uns schwer gefallen. Ohne Rückführung des innerstädtischen Altbaus in private Hände wäre es auch nicht denkbar gewesen. Aber es wäre gekommen.

Warum konnte sich die Plattenbauweise nicht behaupten nach der Wende?

Brock: Schwerpunkt wurde jetzt das innerstädtische Bauen. Der Verfall der Bausubstanz musste aufgehalten werden und mit den veränderten Eigentumsverhältnissen wurde es nun auch möglich, dass innerstädtisch gebaut werden konnte. Entscheidend war ja, dass nun über die Mieten Investitionen refinanziert werden konnten. Das war vorher undenkbar. Für den industriellen Wohnungsbau im bisherigen Umfang fehlte den Kommunen zudem das Geld.

Wo sind die Plattenwerke geblieben?

Brock: Die Plattenwerke waren generell zu groß. Sie wurden nach und nach zurück gebaut. Auch Aufträge in der ehemaligen Sowjetunion brachten keine Lösung.

Haben Sie da nicht schon früher gebaut?

Brock: Im Zusammenhang mit dem Bau der Erdgasleitung haben wir dort entlang der Trasse komplette Wohnkomplexe errichtet. Die Platten kamen per Zug und Schiff aus Brandenburg. Nach der Wende ging es um die Rückführung der Roten Armee, die Wohnungen brauchte. Aber da war es dann so, dass wir aus Kostengründen Plattenwerke vor Ort nutzten.

Ein zentrales Thema im Potsdamer Wendeherbst 1989 war der Abriss ruinöser Häuserzeilen in der Innenstadt, die durch Plattenbauten ersetzt werden sollten. War dieser Plan nicht völlig aus der Not geboren?

Brock: Ein Ersatz wäre es sicher schwerlich gewesen. Was mit einer besseren materiellen Ausstattung möglich ist, sieht man ja heute: Die neben dem Stadtschloss entstandenen Gebäude an der Alten Fahrt sind auch in Platten montiert worden. Sicher hat sich die Bauweise gewandelt. Damals wurden Platten in Massen komplett vorgefertigt mit Wärmedämmung, Putzschicht und tragender Innenkonstruktion, um schnell viel Wohnraum zu schaffen. Während heute nur die Stahlbetonplatte montiert wird und dann vor Ort auf den Baustellen Wärmedämmung und Putz angebracht werden.

Die Wohnungsbauserie 70 in Potsdam

Die Waldstadt II wurde mit Gebäudetypen der Wohnungsbauserie 70 errichtet, die in der DDR in der ersten Hälfte 1970er Jahre flächendeckend für den industriellen Wohnungsbau eingeführt wurde. Bis 1990 wurden fast 650 000 Wohnungen in dieser Bauweise errichtet.

Neben der Waldstadt II wurden in Potsdam die Wohngebiete Schlaatz und Drewitz komplett mit WBS-70-Häusern bebaut. In dem von 1970 bis 1979 gebauten Stadtteil Am Stern gibt es neben der WBS 70 hauptsächlich Gebäude der ebenfalls industriell gefertigten Vorgängerbauweise „Typ P2“.

Einzelne WBS-70-Häuserzeilen gibt es unter anderem in der Babelsberger Karl-Liebknecht-Straße und in dem Karree Zeppelinstraße/Zimmerstraße. Versucht wurde hier eine aufgelockerte Gestaltung etwa mit Klinkerfassaden, Loggien und der Andeutung von Ziegeldächern.

Zum Politikum wurden im Sommer 1989 Pläne, marode Häuserzüge in der Zweiten Barocken Stadterweiterung mit WBS-70-Bauten zu ersetzen. Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (Argus) gab es noch vor dem Mauerfall im November 1989 einen Baustopp.

Die in den 1970/80er Jahren dominierende Wohnungsbauserie WBS 70 hatte als prägendes Bild diese Kieselfassade. Warum war das so?

Brock: Glatte Wände hätten zur Folge gehabt, dass wir die Gebäude hätten einrüsten müssen, um Malerarbeiten zu ermöglichen. So brauchten wir das nicht. Wenn die Platte montiert und der Kran weg war, war die Fassade fertig.

Wie beurteilen Sie den heute teils sehr viel dichteren Wohnungsbau im Vergleich zu dem der DDR?

Brock: Heute gibt es andere Zwangspunkte als damals: Grund und Boden sind teuer, speziell auch in Potsdam, also zieht das zwangsläufig die Konsequenz nach sich, zu verdichten, um auf dem teuren Baugrund möglichst viel Wohnraum zu schaffen. Das ist ein anderer Konflikt als in unserer Zeit.

Das WBK hat das „Mercure“-Hotel gebaut. Ihre Meinung zur Abrissdebatte?

Brock: Ich bin natürlich dafür, dass das Hotel erhalten bleibt, zumindest in unserer Zeit. Ich sehe heute keinen Grund, das Hotel abzureißen. Das Hotel funktioniert, man kann viel draus machen, es gab ja wohl schon gute Vorschläge für die Fassadengestaltung. Ich glaube nicht, dass wir eine Wiese des Volkes dort brauchen. Und auch nicht, dass sich die jemand leisten kann bei dem teuren Baugrund. Man kann nicht alles aus dem Stadtbild streichen, was DDR-Vergangenheit ist. Solche Stadtbilder, wo altes und neues nebeneinander zu sehen ist, gibt es ja nicht nur in der ehemaligen DDR, sondern auch in vielen westdeutschen Großstädten.

Neue Wohnungen auf dem früheren Hauptsitz des WBK

Der Hauptsitz des Wohnungsbaukombinats Potsdam (WBK) in der Fritz-Perlitz-Straße (heute Zum Jagenstein) war 1975 eines der ersten Gebäude der späteren Waldstadt II. Bis heute steht über dem Eingang der Schriftzug „Märkische Bau-Union“, das Unternehmen als Nachfolger des WBK hat seinen Geschäftssitz allerdings bereits vor einigen Jahren in die Straße Zum Heizwerk im Industriegebiet Süd verlegt.

In den kommenden zwei Jahren soll das Haus als Teil der vorerst letzten größeren Baustelle der Wohnungsgenossenschaft „Karl Marx“ saniert und umgebaut werden. Danach wird auch der Schriftzug verschwunden sein. Geplant ist nach Angaben des Kaufmännischen Vorstandes Bodo Jablonowski eine vertikale Teilung des aktuell komplett mit Büros und Gewerbe genutzten Hauses.

Auf 40 Prozent der Flächen im Haus sollen Wohnungen entstehen – je vier Zweiraum-Wohnungen mit 50 Quadratmetern in den vier Obergeschossen und eine Wohngemeinschaft für demenzkranke Mitglieder der Genossenschaft mit acht bis zehn Plätzen auf 280 Quadratmetern im Erdgeschoss.

Mit dem Abriss des Anbaus hinter dem Verwaltungsgebäude wird ein Baufeld komplettiert, auf dem bis 2018 fünf neue Häuser mit insgesamt 113 Wohnungen errichtet werden sollen. 22 Millionen Euro sollen laut Jablonowski insgesamt in diese Baustelle investiert werden.

Die WG „Karl Marx“, mit 6600 Wohnungen größte Wohnungsgenossenschaft der Landeshauptstadt, hat ihren 1300 Wohnungen umfassenden Bestand in der Waldstadt II laut Jablonowski seit 2003 für insgesamt 45 Millionen Euro einmal komplett durchsaniert. Am 19. Mai, einen Tag nach dem 62. Gründungstag der Genossenschaft, soll das am Caputher Heuweg gefeiert werden.

Von Volker Oelschläger

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